Vorstoß C/ Miriam und Costa - Page 3

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gut, mal unabhängig davon, was drinsteht.“

„Mama ist drüben in der anderen Seite und rupft die schwarzen Dessous“, sagte Miriam.
Die Männer runzelten die Striemen.
„Die kümmern sich nicht um ihr Haus mit dem Riss?“, fragte Esther, das Mädchen, das Gedichte schrieb und investigierte.

Die Männer kapierten nichts. Der Psychiater von Jülich. Henry, der Verjuxte und Geplagte. Okko, der Geiger, na, früher war er schon auch Geiger gewesen, damals hieß er dann Okko. Alle starrten sie die zwei Freundinnen an wie Kinder.

„Meine Erzeuger haben doch nichts gemerkt. Esther wird sich um all das kümmern. Oder ich. Obwohl ich von gestern ja eingeschnappt bin, weil mir meine Eltern nicht erlauben, dass ich meinen Freund mitbringe zum Abendessen.“

„Im Moment ist Miriam nicht in der Verfassung. Ich werde ihr helfen. Ich werde alles Notwendige in die Wege leiten. Und um diese beiden“, dabei deutete Esther auf Jethro (alias Okko, auch Jethro, seit er sein Instrument gewechselt hatte) und Henry, den Kleinwageneigentümer, „kümmern Sie sich.“

Damit war der Psychiater von Jülich angesprochen. Horst Eberhard von Jülich, Kapazität auf dem Gebiet der multiplen Dissoziation.

Schon packte Esther ihre Miriam beim Arm. Unmittelbar darauf schleppte sie sie hinüber zum Haupteingang, der - durch ein Wunder - aufrecht stand und Wache hielt über die Stille des Herds. Die Treppe zum ersten Stock schien halbwegs intakt. Unbemerkt gelangten die zwei Mädchen ins Gästezimmer. Miriam ließ sich ins Bett plumpsen und schüttete sich aus.

„Diese Blödmänner haben wir abgehängt. Beeilung, Esther! Du gehst unter die Dusch’ und schrubbst den Staub dir ab. Klebt ja. Ich mach was Espresso. Komm in die Küch! Zieh dir hier ausm Schrank was an! Alte Sachen von den Alten. Ist auch nich’ für ewig.“

In der Küche war aber schon einer. Das war Erwin, ein fieser Typ, aber leider der Bruder der Miriam.

Erwin durchpflügte nach Essbarem ihren Kühlschrank. Es war derselbe Linde-Kühlschrank, in welchem gestern Nacht noch Sektflaschen und Tomatencocktails kühl gehalten worden waren, während das Haus unversehrt dagestanden hatte und von den heraufziehenden Katastrophen (mehr oder weniger) noch niemand was wissen konnte.

„Hoi Erwin, gut, dass ich dich treff! Du wolltest den Mittelteil vom Haus immer umgestalten. Ich hab den Architekten Weidemann kennen gelernt. Der das Kulturforum drüben entwickelt. Dieser Pritzker-Preisträger. Hab ihm erzählt von dir. Der Weidemann interessiert sich für deine Projekte. Kam mir schon so vor. Ich hab mir die Nummer geben lassen.“

Erwin guckte baff.
„Hätte ich dir nicht zugetraut, Bitch, super, Alter.“

Der Psychiater von Jülich saß mit Jethro, dem unseren Lesern noch bekannten Flöten- und Mantelträger aus der Nachbarschaft, der einst Geige gespielt hatte, multipel dissoziiert war, und auch noch Henry, ihrem Firmpaten und Bräutigam, die sie da unterdessen von einem Jungen namens Costa schwärmte, auf dem Holzbalken. Diese Männer redeten noch sehr betreten über Ereignisse aus den vergangenen Morgenstunden. Keiner achtete auf die Überbleibsel von Henrys Panda, einem kleinen Fiat. Der war längst ein Häufchen Schrott. Früher oder später würde Henry der Tatsache ins Gesicht schauen müssen.

„Och Erwin“, flog empor zum Himmel wie die Lerche eine Stimme über ihren Häuptern auf, „schau, ob du Paps in die Gänge kriegst! Das Haus steht offen wie ein Hosenladen und er dreht am Trafo. Herr Weidemann, der fliegt morgen nach London. Ihr könntet ihn hier eben noch hinkriegen, wenn ihr mehr Druck macht“, feixte sie fast anzüglich.

[Kapitel 3: Die schwarzen Männer]

Durch die Kühlerhaube in die Trümmer mitten griff Miriam. Der Schlüssel steckte noch, doch gebrochen war er.
„Die Kiste ist rüber“, sagte sie. Und anschließend sagte sie auch: „Esther, schläfst du noch mal mit mir? Costa kommt um halb eins, hat er gesagt.“

„Miri?“ Esther schien sich nicht mehr zu trauen. „Weißt du, was für Zeug deine Eltern im Schrank haben? Sehr viel schwarze Unterwäsche. Die Hälfte in einer extremen Übergröße. Wer will das anziehen?“
Miriam strich ihr übers runde, gute Gesicht.
„Ach, Esther“, würgte sie.

Und: „Du kannst es dir nicht vorstellen, was für Dinge in diesem Haus schon geschehen sind, als wir klein waren. Doch heute ist es wieder gut. Jetzt gehen wir hier alle weg. Es sackt in sich ein. Costa holt mich weg hier. Esther, du natürlich auch. Na? Was sagst du?“
Den Kuss auf Esthers Lippen deutete sie nur an. Esther war besorgt.

„Aber wir können das Haus den schwarzen Männern unmöglich überlassen“, stammelte Esther. „Du weißt, was für Freunde dein Bruder hat!“

„Wenn sich niemand findet, machen wir zwei alles alleine. Falls du zufrieden bist mit meiner Qualität. Ich hab so was vor Jahren schon mal gemacht.“
„Ich weiß, aber mit der Skelettierung wird es sehr schwer.“
„Willst du was ausbeinen, Esther?“
„Die Skelettierung von diesem Haus! Das hat sein statistisches Skelett.“
„Costa wird uns helfen. Costa kennt sich gut aus.“
Glücklich begann Miriam zu kichern.

„Miri, sei nicht böse! Costa kennt sich möglicherweise zu gut mit manchen Sachen aus, weißt du? Heute Morgen, bevor er wegging, hat er gesagt, ich soll gut Acht geben auf seine schlanke Rose, sie aber nicht brechen. Und so: „Seele, bist du nun erwacht?“ Ich wusste nicht, was geht. Es wird einen Sprung geben, den Sprung, sagt er. Aber doch nur die Männer und Autos werden deswegen leiden, sagt er. Er lächelt. Heut’ Morgen konnt ich dir’s nicht sagen. Ich hab gedacht, er hat was genommen.“

„Das ist Käse, meine Liebe!“, lachte unbeschwert Miriam. „Ich muss noch so lachen! Ein Riss durchs Haus! Das ist schon inspirierend! Costa, der hat damit nichts zu tun. Rhine Brown steckt drunter! Oder sonstige seismische Vorhaben vieler Immobilienversteher.“

„Hast du gesehen, Costa hat ja Hände fast wie ein Mädchen“, flüsterte Esther. „Mit Skeletten kann er uns nicht helfen. Dann besser Erwin und seine kranken Kumpels. Kommt jetzt so was wie: Die Geister, die ich mir rief?“

In diesem Augenblick der Erzählung, rot vor Zorn, kam Erwin, ihr Bruder, ins Gästezimmer.
„Da kramt jeder für sich rum! Hier sind sie, die, die das Ganze als Spaß betrachten! Ich kenn Endlosstorys, aber was der Herr Weidemann mir aufs Handy getextet hat, ist der Peak. Sagt, er stellt sich das als ein Open Forum vor. Offen für die Energie aus dem Nachthimmel. Das wäre selten, dass so ein Haus sich selbst zerreißt. Wir sollten es oben offen lassen, aber die Bruchkanten verglasen. Am Ende ein dolles Ding! Miriam, weißt du, was o was kostet? Könnte kommen, dass Weynschröter und die Mods insistieren wegen dem Platz.“

„Lieber Bruder, bist hier der Chef und musst alles wissen“, neckte Miriam. „Was weißt du besser?“
„Ich weiß zum Beispiel, dass du auf Onkel Henry geschwabbelt bist wie auf dem Wasserbett, aber gestern Nacht ein anderer in deinem Bettchen gelegen hat.“

„Man soll keine Dummheit zweimal begehen. Die Auswahl ist groß. Manchmal lässt es sich nicht vermeiden, dass man Anstoß erregt“, grinste die Schwester.
„Auch ich werde mir paar Gedanken machen“, blaffte Erwin, „und noch mal aufgaloppieren mit solchen Pointen. Jetzt müssen wir die Alten dazu kriegen, dass irgendwer loslegt, die Stützen einzuklemmen. Sonst bricht hier doch alles zusammen, bevor der Kasper die Gretel heiratet.“
„Ein Skelett!“, dröhnte Esther mit ihrem Gruftie-Pathos.

„Das war wohl nix. Ihr wisst, Ideen wachsen nicht auf einer Wiese. Da schwärt schon lange was im Untergrund. Hier kommt alles hoch. Ich bessere eine Kleinigkeit, damit es zwei Stunden noch trägt. Im Endeffekt sind wir geliefert. Wir müssen weg und zwar dalli!“
„Wird werden“, meinte Miriam gähnend.

„Sind die Typen mit schwarzen Audis euch mal aufgefallen, ja?“, fragte der Bruder düster. „Die überhaupt nur Schwarzes am Leib haben. Schwarze RayBans, schwarze Ferngläser, schwarz lackierte Fingernägel. Habt ihr so einen gesehen?“
Miriam und Esther wechselten ihren Blick.
„Ich schon.“

Costas Finger waren auch schwarz gewesen.

„Komische Männer in schwarzen Bullerwagen und Anzügen sind mal durchgekommen. Haben nach dem Weg gefragt, paar Mal, wenn ich geradelt bin“, murmelte Esther. „Inzwischen hab ich Herzklopfen, ob wir es hinkriegen, Miri.“

„Der Chef von dem feinen Unternehmen soll ein Costa sein. Junger Spund mit eingefallenen Wangen. Manchmal mit einem Stock mit Knauf aus edlem Metall, ganz auffälliges Teil.“
„Nein!“, schrie sie.
„Und sie zittert und sie lacht allen Himmelssternen zu, wenn sie von ihm hört. So sagte es Hermann Hesse, der Pritzker-Preisträger.“

Über der fetten, schwarzen Erde, die vom Pflügen feucht aufgeworfen lag in wuchtigen Schollen, stieg nachtklamm auf die Feuchte. Signallichter nächstgelegener Kühltürme glommen. Tief drunten, dicht über der fetten schwarzen Krume, wo zehntausende Vögel sich zum Würmermahl gesammelt hatten, verwanden Schleier der Nachtluft sich zum Laken des Nicht-Seienden. Einem jeden unter uns wäre an dieser Stelle ganz anders geworden. Aber immer noch stand niemand dort draußen und sah es kommen.

Froh trat Miris Mutter auf den Plan. Den Tag über hatte sie Leibwäsche zu Stringtangas gefleddert. Vor dem Abendessen wollte sie ihre Kinder treffen. Dann trat auch der Vater herein. „Kriegt man heut mal was zu mampfen? Erwin, wirf ein Schnitzel in die Fritteuse! Miriam hat heute Nacht einen Gast, um den sie sich kümmern muss.“

„Heute Abend kann ich nicht“, maulte Bruder Erwin. „Meine Rührhand hab ich mir verstaucht am Haus. Das Frittierfett ist ranzig.“
„Aber ein mittelmäßiger Literat ist dennoch in Höchstform“, lachte der Vater.

Wir haben es in unserer Erzählung bis hier noch versäumt, dem Leser zu offenbaren, dass es sich bei Miriams und Erwins Vater um einen emeritierten Englischhornpauker handelt, der, seit er nicht mehr arbeiten darf, sich der Erforschung der Pole schrecklich und schön widmet.

Miriam war so aufgedreht. Fast zerrissen im Schmerz wirkte das Gesicht, hoch angespannt war die Erwartung.
„Wisst ihr, heut kommt ein lieber Gast!“
„Wer denn?“
Wie üblich war die Mutter schon giftig, sobald es sich nicht um Damenunterwäsche drehte.

Vor einem zerrissenen Hause kam ein großer, hurtiger Motor zum Stehen. Der schlichte Jüngling, der dem schwarzen Audi entstieg, trug eine Sonnenbrille. Den Rest wollen wir dem Leser nicht mehr erzählen, um ihm die Freude am Rest seines Lebens nicht etwa zu nehmen. Das Meiste dürfte wohl schon klar geworden sein. Man kann es sich also auch so denken.

*****
[Anmerkung: Der Text ist eine Montage aus Ausschnitten, die ich einer Kettengeschichte eines Schreibforums beigefügt hatte. Naturgemäß finden sich im Verbliebenen auch jetzt noch Einfälle und Satzpartikel, die ursprünglich von Autoren stammten, die an meinem jetzigen Resultat nicht mehr beteiligt waren und hier nicht genannt werden können.]

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