Das Haus

von Christof Bauersch
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Ich sitze auf einem Grund.
Fühlt sich kühl, leicht feucht an.
Was ist mit mir?
Vor mir eine Wand, rechts, hinten und links....
Ebenfalls Wände.
Ein Raum, das ist ein Raum, sage ich mir.
Keine Fenster?
Nein, doch Wände.
Was mache ich nun hier?
Langsam baut sich in mir ein Bild auf.
Eine Geschichte, eine Vision?

Das Haus.

Es war einmal ein Mensch.
Er wohnte in einem großen, massiven und gut geschützten Haus.
Da saß er, in dem Raum, dem einzigen des Hauses. Einem Raum ohne Fenster, was ihm aber nichts ausgemacht hätte, so glaubte er, denn er malte an ihre Stelle Bilder.
Alle möglichen Arten von Bildern malte er.
Manche wundervoll frisch und ehrwürdig, dann wiederum dunkel, blutig, gewalttätig und zerstörerisch.
Nun, dass er diese Bilder malte, es war die eine Sache. Die Andere jedoch war beunruhigend und irritierend.
Er malte ein Bild, war davon in jeglicher Art begeistert und überzeugt. Es lag, so war ihm scheinbar bewusst, seine Eigenheit und seine Sicht auf die Welt, ja das Leben schlechthin, in diesen Bildern.
Danach wollte er leben.
So sollte es sein.
Das, was ihn jedoch sehr bekümmerte und verängstigte:
Kaum, dass ein Bild an der Wand fertig aufgemalt war, schmetterten die Farben wie Geschosse zurück in den Raum und an der Wand blieb nichts, aber auch gar nichts davon übrig.
Ein anderes Mal flossen die Farben von der Wand herab, bevor sie trocken waren und versickerten glucksend im lehmigen Boden des Raumes.
Je älter der Mensch wurde, desto verzweifelter kam ihm seine Aufgabe vor, die Wände zu füllen, bis er schließlich eines Tages die ganze Farbpalette samt aller Farben in alle Richtungen des Raumes verteilte.

Die Wände

Er schreit, heult tobt. Es hilft nichts. Alles verkommt, kein Bild will es werden, es ist zum Verzweifeln!
„Da es nun keine Farbe mehr gibt“, sagt er sich, „werde ich mich schlafen legen.“
Er legt sich in die Mitte des Raumes, zwischen seine Malwerkzeuge und den leeren Farbgefäßen und schläft ein.

Der Traum.

Er geht in seinen Körper, wandert die Speiseröhre herab bis in seinen Magen. Dort scheint es Türen zu geben, ja sie lassen sich öffnen.
Weiter begibt er sich in sein Selbst.
Organe blubbern und vibrieren. Pulsierende Arterien dröhnen hämmernd ihren Rhythmus durch die Räume des Körpers.
Er nähert sich dem Kern, dem Endpunkt. Da ist eine Tür. Sie ist angelehnt. Hinter ihr scheint es warm und goldig durch den Türspalt hervor.
Ängstlich blickt der Mensch zurück.
Nur Dunkelheit zieht an ihm, will ihn im Körper halten, vermutet er.
Doch, warum ist diese Tür da?
Dort dürfte es keine geben, denkt er sich. Er gibt sich einen Ruck und öffnet vorsichtig, ja zärtlich das Türblatt.

„Nun bin ich wohl im Traum“ sagt er sich. „Wie kann das jetzt sein?“
Er steht auf einem Wiesengrund. Um ihn herum kleine Gruppen von Menschen. Sie stehen jeweils vor großen, stabilen, grauen Steinhäusern.
Diese Häuser, sie haben keine Türen, keine Fenster. „Kommt mir irgendwie bekannt vor“, sagt er sich, etwas zitternd, und er hat Angst, die Beherrschung zu verlieren.
Diese Menschen da an den Häuserwänden, sie malen, ja, malen Bilder an die grauen Steinwände, an die Stelle der nicht vorhandenen Fenster.
Die Menschen, sie scheinen sich in der Gruppe abgestimmt zu haben, denn jede Gruppe malt ein und dasselbe Bild auf die jeweilige Hauswand.

Er beginnt nun zu laufen! Er läuft, rennt, hastet, stolpert, fällt, reißt sich hoch ...und fällt erschöpft und außer Kontrolle in einen feuchten, lehmigen Acker.

Auf diesem Acker, dort steht ein kleines Holzhaus.
Vor diesem Haus sitzt ein Mädchen in der Sonne. Es sitzt gebeugt auf einem Schemel vor einer Staffelei und hält einen Pinsel in der rechten Hand. Auf die Andere stützt sie ihren anmutigen, sanft geformten Kopf.
Noch schwer außer Atem, nähert er sich der schönen Gestalt.
Etwas zieht ihn an, gibt ihm Mut und nimmt seine Angst.

Sie bemerkt ihn, winkt in seine Richtung und scheint ihn mit Gesten aufzufordern, zu ihr zu kommen.
Er geht los,...doch was passiert?
Er geht einen Schritt auf sie zu und es wirkt so, als ob sie etwas weiter weg gerückt sei. Noch ein Schritt, wieder entfernt sich das Mädchen.
Er fängt an, schneller zu gehen. Nein! Es geht nicht! Sie ist fast nur noch ein Punkt, eine Ahnung.
Verzweifelt, weinend, wirft er sich ins Gras.
Es ist sinnlos, glaubt er.
Durch die tränengefüllten Augen schaut er vor sich in das Gras.

Eine kleine Schnecke eilt an ihm vorbei.
Es scheint eine Ewigkeit zu vergehen, bis er sie aus dem Blick verloren hat.
Müde aber irgendwie friedlich fällt er in einen Schlaf.

Etwas haucht ihn an.
Ein Wind? Er duftet, duftet nach Blumen, nach Pilzen und altem knorrigen Baumholz.
Er öffnet seine Augen und erblickt vor sich im Gras das Mädchen.
Es sitzt keine zwei Meter vor ihm im Gras und malt. Es malt auf einen kleinen Skizzenblock.

" Hallo, was machst Du hier?" Fragt er das Mädchen.
Sie antwortet nicht. Schaut ihn freundlich und wohlwollend an.
Dann erhebt sie sich, geht auf ihn zu und lässt sich unmittelbar vor ihm nieder.
" Ich habe ein Bild verloren“, sagt sie, und habe eine Ewigkeit danach gesucht.
Heute habe ich es wiedergefunden.
Willst Du es einmal schauen?"
"Gerne" sagt er.

Sie reicht ihm den Block.

Er nimmt das Papier und seine Augen leuchten das erste Mal.

Es ist ein Portrait,

Auf diesem erblickt er sein Gesicht.

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Interne Verweise

Kommentare

27. Sep 2018

Hat sie das gesehen und gefunden, was er sucht und ihm immer wieder verloren geht … sein Halt in sich?
Der Text gefällt mir, kann mir die Situationen gut vorstellen …

Liebe Grüße
Soléa

29. Sep 2018

Es ist eine idealisierende Geschichte über einen Menschen, der glaubt, er habe gefunden, was ihn endlich vervollkommnen könnte. Das "Gegenstück" zu ihm, bzw. die andere Seite " weibliche?" seines Wesens. Leider wurde die Geschichte nur lebendig durch das Wunschdenken.
Das Mädchen existiert, aber nicht so, wie es die Geschichte erzählt.
Du denkst viel nach?
Christof

02. Okt 2018

… wenn es Grund dazu gibt, ja. Und den gibt es oft! :-()

Grüße
Soléa