Frühling in Rothenburg 5 - Im Bus ob der Tauber

von Klaus Mattes
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Die Abfahrtszeiten im öffentlichen Personennahverkehr bleiben manchmal stabil über Jahrzehnte. Da gibt es kleine Schwankungen um drei Minuten zurück oder vor, ab und an wird ein Kurs komplett gestrichen, da fahre fast nie einer um diese Zeit, man müsse halt sparen, heißt es. Das Meiste aber bleibt immer weiter, wie es mal war. Vor fünfzig Jahren fuhr eine eingleisige Bimmelbahn von Steinach, einer Ansammlung von Häusern im Vorfeld der Frankenhöhe (irgendwo zwischen Ansbach und Würzburg), nach Rothenburg - und dann weiter über Schillingsfürst nach Feuchtwangen und Dinkelsbühl. Bis hinauf zum großen Schienenkreuz in Nördlingen, wo kein Kreuz mehr ist, sondern nur noch eine einzige Regionalbahnlinie. Dazwischen alles weg, alles durch Busse ersetzt. Nur der kleine Ast bis Rothenburg Bahnhof ist geblieben. Der kleine rote Zug, aus dem die zähen jungen Japaner mit den riesigen Koffern steigen.

Aber immer noch - wie zu Vaters Zeiten geht - um kurz vor sechs Uhr abends der Bus hinunter ins eine Dreiviertelstunde entfernte Taubertäler Weikersheim, Württemberg. Eigentlich ja nicht Württemberg, sondern Hohenlohe, drum gibt‘s eine dreieckige Renaissanceschlossanlage mit einem bezaubernden Barockgarten, auch wenn der dortige Familienzweig dieses fränkischen Fürstengeschlechts erloschen ist. Wer in Richtung Stuttgart weiter will, hat promptem Abschluss mit dem Zug. Wen es in Richtung Mannheim oder Aschaffenburg treibt, muss knapp eine halbe Stunde warten. Im Lauf von Jahren habe ich diesen Bus ab Tauberzell immer leer erlebt, der letzten Ortschaft in Bayern.

Gerade hier liegt die lieblichste aller Anfahrtrouten nach Rothenburg, also auch von den Wegfahrrouten die schönste. Die kleine, wenig befahrene Straße im schmalen, eingekerbten, wenn auch nicht dramatisch geschnittenen, oberen Taubertal darf sich Romantische Straße nennen. Einige Radwanderer werden sie kennen, nämlich vom durchgehend geteerten, gut zu bewältigenden Taubertalradweg am jenseitigen Ufer des Baches. Wer die Gegend kennt, weiß, dass oben das Land ebenso wellig, waldarm und mit riesigen Äckern schlicht etwas langweilig ist wie ja doch auch östlich von Rothenburg und nördlich.

Hier unten allerdings ist jetzt der Eindruck ganz anders. Eine kleinteilige Böschungslandschaft mit vielen Sträuchern, etwas Heide, Steinhaufen und Mäuerchen. Hinterlassenschaft des früher überall entlang der Tauber gepflegten Weinanbaus. Heute konzentrieren sich die Rebberge auf Flecken bei Röttingen unten und oben bei Tauberschreckenbach. Hin und wieder Schilf bei der Tauber, ein Reiher in der Luft, Kühe am Hang. Mal ist das Flüsschen so schmal, dass man hinüber springen möchte, mal in Adern verteilt, plötzlich so unglaublich breit durch eine feste Schwelle gestaut, dass man sich wundert, wo in diesem Kalksteingebiet das viele Wasser hergekommen ist. Kurz vor Rothenburg ist das doch noch ein Dorfbach in flachen Wiesen gewesen! Lange dauert es von Ort zu Ort, noch kaum Neubauten sind da. Die Hänge gehören im Herbst den Wanderschäfern.

Die halbe Stunde am Abend in Weikersheim, oft wurde es hier schon Nacht, habe ich früher begierig für ein paar Schritte über den Markplatz, zu den Schlossarkaden und in den Rosengarten oder für eine Blick in die Kirche genutzt, die seltsamerweise um neunzehn Uhr noch offen war, obwohl evangelisch. Inzwischen ducken sich die Busse gar nicht mehr unterm Stadtorturm hin, sondern nehmen die Umgehungsstraße gleich rüber zur Bahnstation. Den nicht ganz kurzen Weg zwischen Stadtmitte und Bahnhof innerhalb einer halben Stunde zwei Mal schaffen, das versuche ich jetzt nicht mehr. Schade, Weikersheim, obwohl ein Schatzkästlein kleinstädtischer Behaglichkeit, ist im Gegensatz zu Rothenburg leider so klein, dass man nicht immer wieder mal hinfährt, um nachzugucken, ob es hoffentlich noch da ist. Da denkt man sich: Ich kenn‘s ja schon.

In einer Stunde, kurz nach acht, wird bei der WestFrankenBahn, einem ausgegliederten Sonderbetrieb der DB, dann der letzte Triebwagen von diesem Tag fahren. Für jeden Zug kommt der Bahnhofsvorstand immer noch aus dem Büro hervor und sieht am Gleis nach dem Rechten, winkt dem Lokführer Hallo. Dass man, wie früher, um sieben Uhr noch Fahrkarten kaufen und Fernreisen buchen könnte, haben sie aber jetzt abgeschafft. Heute verkündet die Eisenbahn dem Kunden: „Beratungsschalter. Kein Fahrscheinverkauf. Tickets nur am Automaten.“

Personaleinsparungen. Sie machen Bahnfahren reicher an bösen Überraschungen, zwingen Menschen, Billigjobs zu tun, frischen aber die Bilanzen auf und schließlich gehört das Unternehmen ja uns Bürgern, das, hier wohl kaum, aber schon irgendwo, längst saftige Gewinne einspielt, keine Pleite-Bahn mehr ist. Auf der Reise bis Lauda taucht kein Kontrolleur mehr auf. Nun ja, Ausgleich, heute Mittag sind es zwei in einem so kleinen Zug gewesen, sonst fast nur Schüler mit Monatskarten.

Schon flitzen wir am etwas kleinen, aber schon auch feinen Kurpark von Bad Mergentheim vorbei und wenn wir halten, ist nebendran eines von diesen Mall-Centern mit Kettengeschäften, Fitnessstudio und Kino.

In Mergentheim steigen gern viele junge Menschen ein oder aus. Hier wohnen sie, die Schulen und Kameraden scheinen eher in Lauda und Tauberbischofsheim zu warten. Nicht weit von uns juxt jetzt eine laute Runde siebzehnjähriger Mädchen. Die Ärmsten brechen in Entsetzensschreie aus, als sie erkennen, dass im gesamten Zug nirgendwo eine Raucherzone angeboten wird. Sie quetschen sich ins Klo hinein, kriegen aber die Tür nicht zu, so viele sind es. Hübsch sind sie ohne Ausnahme, wenn auch Mädchen. Na ja, Jungs hätten wahrscheinlich angesichts des einen alten Fahrgasts gleich im Coupé geraucht. Das wäre auch nicht so gut gewesen, wie es hätte sein sollen.

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