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Gewöhnliches Blau

Bild von simonstadler
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Die rot lackierte S-Bahn fuhr in den Bahnhof ein und wirbelte feine, kleine Schneeflocken auf, die in der kalten Februarluft tanzten. An weniger als der Hälfte der Türen stiegen Leute aus, denn es war später Vormittag.
Ich drückte auf den gelben Lichterkreis des Türöffners, dieser färbte sich grün und mit einem mechanischen Geräusch öffneten sich die weiß lackierten Türen. Im Türbereich, der durch hereingetragenen Schnee und Eis feucht war, lagen vereinzelt Kieselsteine. Diese bohrten sich stets in die Sohlen meiner Schuhe und so trug ich sie mit mir herum, verteilte Sie in meiner Wohnung oder anderswo und musste Sie zuweilen mit Hilfe eines Taschenmessers entfernen. In der S-Bahn wandte ich mich nach links und suchte den Wagon mit meinen Augen ab. Fast alle der mit blauen Sesseln ausgestatteten Abteile, bestehend aus zwei und zwei Sitzen, waren belegt, jedoch fast ausnahmslos von einer Einzelperson. Beim S-Bahn fahren, anders als in der U-Bahn, war es mir stets ein Anliegen allein zu sitzen, dies hieß das weder in meinem Abteil, noch in dem Abteil jenseits des schmalen Ganges eine Person saß. Während sich also der Zug wieder in Bewegung setzte, bahnte ich mir in der ein oder anderen stärkeren Kurve schwankend, meinen Weg durch den Zug auf der Suche nach acht freien Plätzen.
Im ersten Abteil linkerhand saß eine mittelalte Frau in einer lindgrünen gesteppten Daunenjacke. Sie hatte schulterlanges, kastanienfarbenes Haar und trug eine Jeans und braune Stiefel. Auf dem Platz neben ihr lag ein weißer Jutebeutel mit der Aufschrift: „Karma – warum es riskieren?“. In ihrer Hand hielt Sie ein Taschenbuch in dem sie zu lesen schien. Ihr Blick blieb gesenkt während ich mich an ihr vorbeischob. Im Abteil auf der rechten Seite saß ein bebrillter weißhaariger Mann um die 70, in einem marineblauem Mantel, mit einem schwarzen Schal den er um den Hals trug. Er saß da und ging keiner Beschäftigung nach, blickte weder auf mich noch aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden glatten Häuserfronten.
Im nächsten Abteil saßen zwei Schülerinnen mit pechschwarzem Haar und schwarzen Augen. Beide starrten auf das Handy der einen, auf dem ein albanisches Musikvideo abgespielt wurde, allerdings war der Ton soweit gedrosselt, das keiner der Mitfahrenden sich hätte beschweren können. Die Eine der beiden trug eine runde Brille mit blauem Rand und ein ausgefranstes rotes Stoffarmband.
Das nächste Abteil war frei und ich setzte mich auf den Fensterplatz in Fahrtrichtung, zog mir meine Handschuhe aus und öffnete den Reisverschluss meiner Jacke. Mein Blick wanderte über die Werbeplakate die oberhalb der Fenster aufgeklebt hingen. Auf dem einen konnte ich lesen: „Ich mach mein Geschäft jetzt während dem Bahnfahren. Ebay Kleinanzeigen“ Darunter war der Oberkörper und das Gesicht eines bärtigen Mittdreißigers zu sehen, in einem violetten Strickpullover.
Auf der anderen Werbeanzeige stand nur ein einzelnes Wort: „Nekrose“ und darunter eine Handynummer.
Ich stand auf um die Anzeige von näherem zu betrachten, denn sie hing im Nebenabteil. Zum ersten Mal an diesem Tag, wurde mein Gehirn von einem Reiz gestört, der nicht in die beruhigende und einschläfernde Routine passte. Die stählernen Räder der S-Bahn auf den kalten Schienen, der Geruch des Abteils, die elektronischen Ansagen der Stationen und mittendrin stand ich und starrte auf ein auf Kunststoff gedrucktes Werbeplakat und war verwundert. Langsam zog ich mein Telefon aus der Tasche, entsperrte es und tippte die Nummer ein. Das Handy wählte ich hielt es mir gegen mein Ohr, wartete und nach wenigen Momenten konnte ich die Elektronische Ansage hören: „Kein Anschluss unter dieser Nummer“.
Ich legte auf. Die Anzeige zierte weder ein Logo, noch ein Firmenname. Nur ein Wort, in gewöhnlichem Blau auf weißem Untergrund und dazu die Nummer in demselben gewöhnlichen Blau.
Ich blickte weiter auf das Banner für volle fünf Sekunden, dann schüttelte ich den Kopf und ging zurück zu meinem Platz. Auf dem Stoffsitz gegenüber, lag eine zusammengerollte Zeitung nach der ich routiniert griff. Auf der Titelseite war das Bild zweier Kinder in schwarz-weiß die sich an einem Tisch gegenübersaßen und sich in die Augen blickten. Das eine Kind war ein adipöser Junge mit hellem Haar und unzählbar vielen Sommersprossen, das andere Kind ein Mädchen in einem dunklem Kleid und braven Zöpfen. Darunter stand: „Wettkampf in Willensstärke – Der Landkreis veranstaltet sein alljährliches Anstarrduell“.
Inzwischen hatte der Zug meine Station erreicht und ich streifte mir im Gehen meine Handschuhe über und zog den Reißverschluss meiner Jacke zu. Auf dem Bahnsteig herrschte etwas mehr Treiben und eine der metallen-gläsernen Sitzgruppen war durch ein rot-weißes Plastikband abgesperrt. Eine Gruppe schlecht rasierter Männer mit ergrauten Schnauzbärten und knallorangener Neonkluft machten sich daran zu schaffen. Ich wandte mich nach rechts und ging die Treppe hinunter um in einen gefliesten Tunnel zu gelangen von dem aus man Zugang zu den verschiedenen Bahnsteigen hatte. Ich ging ohne übertriebene Hast bis zum Ende des Tunnels, wieder eine Treppe nach oben und wurde von dem Strom der Leute auf den Vorplatz geschoben. Ich beschloss einen Kaffee zu trinken und wandte mich Richtung des einzigen Coffee-to-go Ladens am Platz. Ich ging mit entschlossenem Schritt drauf zu, griff nach dem Öffner der Glastür und trat ein. Der Raum war schwarz gefliest und alle Möbel waren kantig und knallrot. Ich schlängelte mich vorbei an den Geschäftsleuten in grauen Anzügen, die auf ihren Handys tippten und starken Kaffee aus kleinen schwarzen Tassen tranken und stellte mich an den Bartresen. Dieser war aus grauem Marmor und kleine Gläserne Kästen standen an beiden Enden, gefüllt mit Gebäck. Hinter der Bar stand eine wuchtige Kaffeemaschine aus Edelstahl die wütend fauchte und ächzte unter dem vormittäglichen Kundenansturm und auf den knallroten Wandregalen standen Flaschen mit ebenso knallroten Alkoholika. Die Barkeeperin wandte sich zu mir, eine junge Frau mit dunklem Haar und heller Haut. Sie hatte braune Augen und kein erkennbares Make-up. Sie trug ein weißes weites T-Shirt und eine schwarze Schürze mit dem Logo des Ladens. Auf ihrem T-Shirt stand in dem so gewöhnlichen Blau ein einziges Wort: „Nekrose“. Als Sie mir den Rücken zukehrte um mir den Kaffee zuzubereiten sah ich, dass eine Telefonnummer auf die Rückseite des Shirts gedruckt war. Mit routiniertem Lächeln stellte Sie mir

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