Hauptbahnhof Köln

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
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In den Städten begegnet man mehr und mehr die Kehrseite unserer Gesellschaft. Das wurde mir an jenem Tag besonders verdeutlicht, als ich während meiner mir verbleibenden Wartezeit noch etwas durch die Bahnhofshalle schlenderte. Für gewöhnlich suche ich dann Buchläden auf. Wie immer eilten Menschenmassen an mir vorbei. An der Auskunft hatte sich eine Schlange gebildet und Polizisten drehten aufmerksam ihre Runden. Ich stand in einem der Seitengänge, nicht weit von der Gepäckaufbewahrung.
Da näherte sich ein junger und ungepflegter Mann, ca. Mitte 30; total verschmutzt wäre wohl das richtige Wort. Irgendwie peilte er mich an. Kam auf mich zu, schaute mich an, hielt mir seine verschmutzte Hand hin und sagte fragend mit lebloser Miene: Bitte
Im ersten Moment reagierte ich abweisend. Er lief sofort ein paar Schritte weiter und sprach noch weitere Passanten an. Keiner gab ihm etwas oder schenkte ihm Aufmerksamkeit. Seine Hose war durchlöchert und hing ihm praktisch über den halben Po und gab den Rest seines verschmutzten Hinterteils frei. Dann machte er kehrt und kam abermals an mir vorbei. Ich stand stumm wie angewurzelt da, griff in meine Jackentasche, berührte ihn an der Schulter und gab ihm etwas Geld. Das gezeichnete Gesicht quälte ein dankendes Lächeln hervor. Schnell setzte er seinen Weg fort; Richtung Zentrum Bahnhofshalle. Dabei beobachtete ich seine Umgebung, die Personen, die an ihm vorbei hasteten. Ich war innerlich dann doch sehr betroffen, als ich feststellen musste, dass kein ein einziger Mensch ihm eines Blickes würdigte obwohl er eigentlich in so einem Zustand hätte Aufmerksamkeit erregen müssen. Als wäre er Luft und existierte gar nicht, stampfte die Menge um ihn herum. Ich dachte bei mir nur: Oh Gott, was für eine Gesellschaft.
Nachdenklich und ergriffen ging ich daraufhin zielstrebig zum Bahnsteig. Meine Gedanken befassten sich noch länger mit diesem Erlebnis, dass mir nachhaltig in Erinnerung bleiben wird.

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Kommentare

27. Apr 2018

So geht es mir auch oft, Jürgen. Menschen wie wir erhalten sie irgendwie am Leben - mehr aber auch nicht.
Die Hilfe müsste gezielter sein. Aber Streetworker sind sicher auch sehr überlastet.

Liebe Grüße,
Annelie

28. Apr 2018

Es ist wirklich kein leichtes Unterfangen alle die gesellschaftlich Gestrandeten in einer Form zu versorgen. Gottseidank gibt es zumindest Einrichtungen, die helfen. Klar, aber immer noch zu wenig.

28. Apr 2018

'Oh Gott, was für eine Gesellschaft' ... in der Menschen auf der Straße leben müssen, in der es Tafeln und Babyklappen geben muss. Die Menschen, die einem Bettler nichts geben, sind nur die Spitze des Eisbergs. Oder das Zeichen dieser Gesellschaft. Du hast es wunderbar veranschaulicht.

LG, Susanna

28. Apr 2018

Leider wird das mehr und mehr zur Realität. Die gesellschaftlichen Strukturen verändern sich rasant und viele bleiben auf der Strecke.
Auch die öffentlichen Debatten über Hartz IV oder Altersarmut in der Rente etc. verängstigen die Menschen.
Danke für Deinen Kommentar.

Grüße

Jürgen

28. Apr 2018

Wir stumpfen ab … meinen noch es sind alles Betrüger, mit dickem Auto vor der Stadt.
Oder jemand mit dem Messer im Sack.
Denke gerade an „Jedem ist das eigene Hemd am nächsten.“

Liebe Grüße
Soléa

28. Apr 2018

Abstumpfen ist das richtig Wort. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir einfach überfordert sind mit all' diesen Ereignissen.
Es ist ein Nehmen und Geben, ein Haben und Wollen. Ein Strudel, der uns in die Tiefe zieht, der uns mehr und mehr unsere Empathie aufgeben läßt.Wir sind überfordert, einfach zu viel von all' dem Elend dieser Welt.

Grüße

Jürgen