Die Geschichte vom goldenen Koi

von Jan Jendrejewski
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Einst vor vielen hundert Jahren im fernen Osten Asiens.
In einem Land der Harmonie und Schönheit, weiten grünen Landschaften und blühender Pracht.
Der Höhepunkt des Frühlings war zu erblicken; die Schwestern Flora und Fauna erstrahlten in seinem Licht.
Das Antlitz der geliebten Sonne stand hoch am blauen Himmel, der geschmückt war mit zahlreichen bunten Vögeln.
Inmitten dieser Farbenpracht, umringt von einem Blütenmeer, nahe eines kleinen Dorfes, funkelte im Strahl der Himmelskönigin ein weiter See, den man schlicht den Kieselsee nannte.
Dessen Boden war geschmückt mit feinen Kieseln, und der See war bekannt für seine Kois, die eine magische Aura der Ruhe und Schönheit besaßen.
Am Ufer dieses Sees befand sich eine sanfte, steinige Anhöhe, dem Wasser nahe und umgeben von der Blütenpracht lieblicher Magnolien und Kirschblüten.
Das im Schatten liegende Ufer verschönerten zudem Lotusblüten und Seeblätter.
Im frühen Morgendämmerlicht, so die Erzählung, begab sich jeden Tag erneut eine junge Frau zu jenem schönen Platz der Harmonie, um der Natur zu lauschen und zu meditieren.
Die Dorfbewohner nannten sie Li Lien; ihren wahren Namen kannten sie nicht, denn sie kam scheinbar aus dem Nirgendwo aus dem fernen Bergland im Süden.
Wer sie war, wusste niemand, denn nie hat sie jemand persönlich gesprochen, und viele der älteren Dorfbewohner glaubten gar, sie sei ein Geist, Gott oder bloß eine Fantasie, die manch ein Wanderer im Dorf herumerzählte.
Eines Tages dann querte der Wanderer Lu Ling das Dorf.
Lu Ling war ein junger, gebildeter Mann aus dem kaiserlichen Norden, der im Dienste eines hohen Beamten des Kaisers stand.
Der junge Lu hatte die philosophischen Lehren und literarischen Werke hoher Meister des Reichs studiert, und auf seiner langen Reise quer durch das Land dokumentierte er die Schönheit und Kultur, der er begegnete.
Als er dann in jenem Dorf von den Erzählungen erfuhr, begab er sich sogleich zum ihm beschriebenen Kieselsee, und staunte über dessen Schönheit und Harmonie, die er genauestens notierte und zu zeichnen begann.
Er ging eine Weile das Ufer entlang, und so kam es, dass er auf jene ihm genannte Anhöhe traf.
Und tatsächlich: Auf einer steinigen Ebene am Ufer saß eine Frau, und Lu war sich sogleich gewiss, dass sie Li Lien sein musste.
Doch der junge Gelehrte wagte es sich nicht, an die junge Frau heranzutreten, da sie offenbar zu meditieren schien, und jene Harmonie zu brechen, wäre nach seiner moralischen Lehre höchst unhöflich gewesen.
Und so wartete er geduldig, dort im Schatten der Kirschblüten und Magnolien, notierte seine Erlebnisse und genoss die Harmonie.
Lu blickte gebannt zu Li Lien hinüber, die seelenruhig, stundenlang, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu rühren, da saß; wie eine der Buddha-Statuen aus den vielen Tempeln, die er auf seiner Reise besucht hatte.
Er begann, sie zu zeichnen, und verlor sich in der Szenerie.
Li Lien hatte langes, feines, schwarzes Haar und einen gebräunten Teint, wie die Völker aus dem Süden des Landes.
Als Lu aufschaute, erkannte er eine Bewegung in der Szenerie, die sich ihm bot.
Ein kleiner Vogel landete vor Li, der sie neugierig begutachtete, und weitere Vögel folgten.
Lu blickte erstaunt auf jenes Bild, das er nicht so wirklich glauben konnte.
Immer mehr Vögel und Tiere des Waldes versammelten sich bei der Anhöhe, und umringten Li nun, als würde sie sogleich mit einer Rede beginnen.
Von dieser Handlung tief beeindruckt, saß Lu einfach nur da, wie erstarrt, und beobachtete lediglich.
Als sich dann der Abend ankündigte und die Sonne sich dem roten Horizont zu nähern begann, endete auch die Szenerie.
Die Tiere zogen sich nun langsam zurück, und als die Sonne gänzlich im Horizont versunken war, saß Li Lien wieder einsam auf jener Anhöhe.
Dann öffnete Li erstmals ihre Augen, die gefesselt in den fernen rot-blauen Horizont blickten.
Als Lu nun hervortrat, war es bereits Dämmerung, und in dem Bestreben, an Li Lien heranzutreten, verlor er sie in der Dunkelheit, noch bevor er näher an sie herantreten hätte können.
Umgeben von der Nacht, schlug Lu sein Lager in jenem Wald nahe dem Ufer auf, und schlief schon bald.

In später Nacht dann, erwachte Lu in einem zarten nebeligen Lichtglanz, und hoch am Himmel erblickte er das helle Antlitz eines silberweißen Mondes, der in seiner vollen Pracht die nächtliche Welt in seinem schönen Licht erleuchten ließ.
Er blickte zwischen den Blütenbüschen zu einer prächtigen Magnolie hinüber, und dort im magischen Lichtnebel erblickte er eine Frau.
Anfangs erkannte Lu sie nicht, bis er sich ihrer sicher war, und er sah Li Lien.
Anmutig schritt die junge Frau zwischen den in Zauberlicht gehüllten Blütenbüschen entlang, hinüber zu jener steinigen Anhöhe.
Der Kieselsee funkelte im Mondschein, und Lu fühlte sich wie in einem Traum.
Li Lien stand dort und blickte über den See hinauf zum Mond, der sie zu begrüßen schien.
Lu war sich seiner Sinne nun nicht mehr sicher, auch wenn es sich ihm zu intensiv für einen Traum anfühlte.
Dann begann es, dass zahlreiche Sterne wie Schneeflocken auf Li Lien und den See sanft hinabfielen, und alles begann hell zu funkeln.
Und dann erschien dort im nachtfarbenen Grund eine funkelnde und spiegelnde Lichttreppe, die aus dem Nichts im Himmel auf die steinige Anhöhe fiel.
Diesen Anblicks gefesselt, blickte Lu erstarrt hinüber, ungläubig dieser magischen Szenerie, die sich ihm bot.
Dann stieg eine wunderschöne junge Frau die Treppe hinab.
Lu war ihrer Schönheit sogleich verfallen.
Die Frau trat anmutig die Treppe hinab, ihr Körper glich einem Engel - lieblich-zart und voll Wonne.
Ihr Haar war silberweiß und ihr Antlitz strahlte wie der Mond.
Sie trug ein feines Seidenkleid, das wie Mondlicht funkelte und bei jedem Schritt Sternenstaub verlor.
Bei ihrem Anblick zitterte Lu's Körper wonnevoll, und sogleich war er der Liebe ergriffen.
Lu war sich sicher, dass es sich hierbei nur um Luna, der Tochter des Mondes, handeln konnte.
Sie wird als eine der Göttinnen der Himmelsfeste Elysiums und der Nacht genannt.
Man erzählt, sie führe jene sicher durch die Nacht, die sich in ihrer Dunkelheit verlieren.
Li Lien verbeugte sich kurz vor jener Göttin, die da stand im Glanz des Mondscheins.
Die Tochter des Mondes trat an Li heran, dann gab sie ihr einen kurzen Kuss, woraufhin auch sie sich leicht verbeugte.
Lu konzentrierte sich genau auf jede Bewegung, die er in jener Nacht zu sehen glaubte.
Li Lien und Luna

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