Biografie eines Ungeborenen

Bild von RomanMaler
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Ich bin ein Mensch voller Gegensätze, ich polarisiere, ecke an. Leute lieben oder hassen mich. Um einmal bei der Wahrheit zu bleiben, den meisten bin ich scheissegal. Grund genug um mein Innenleben der Welt zu präsentieren. Dem geneigten Leser, der bereit ist einzutauchen in diese liebevoll auf Papier gebrachte Ödnis, sei gesagt, dass der hierfür notwendige Tiefgang vermutlich fehlt. Andernfalls hätte ich es nicht aufgeschrieben...

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Ich dusche. Das heißt mein Körper steht in der Badewanne und lässt sich von heißem Wasser berieseln. Bis die Überbleibsel von gestern Nacht weg sind, bis mein Shampoo weg ist und dann noch länger.
Ich bleibe..
setze meine rechte Kontaktlinse ein, die andere habe ich verloren - irgendwo.
Ich mache mich auf dem Weg zum Supermarkt. Es ist noch hell. Sonnenstrahlen berühren die Dächer, Autos fahren vorbei. Ich mag diese Stadt. Ab und zu, wenn ich alleine gehe, wirkt all das auf mich wie ein Abziehbild. Ich möchte es herunterreißen, möchte zu diesem unfassbaren, geräuschlosen Nichts. Es gelingt mir nie. Ich stehe vor dem Bierregal und schwanke zwischen Dosenbier und dem mit dem ich aufgewachsen bin. Letztendlich entscheide ich mich für Vodka-Sprite und eine Packung Salzstangen. Die Frau an der Kasse ist meine Konstante. Meist schaut sie mich mahnend an, gelegentlich lächelt sie sogar. Ich weiß nichts von ihr. Doch ich nehme ihr Urteil immer zur Kenntnis. Heute ignoriert sie mich. Daheim rauche ich eine meiner letzten Zigaretten. Ein Blick auf die Uhr. Ich habe keine Zeit. Die Zeit hat mich, bis sie meiner irgendwann überdrüssig wird. Der Uhr ist das egal. Mir ist die Uhr egal. Ein Blick in den Spiegel. Ich trinke mich später schön. Es ist dunkel geworden. Aus dem gekippten Fenster kann man Gleichgesinnte hören, gelockt vom Versprechen der Nacht, ihr Stimmengewirr verrät nichts vom Erbrechen des Morgens. Wider besseren Wissens schlage ich die Warnung meiner jungen, noch ungeübten Kräfte in den Wind und breche auf. Ich schließe meine Jacke, die Tür fällt hinter mir zu. Ich bin bereit für die irrsinnige, wilde Achterbahnfahrt der Gleichgültigkeit.
Wir sind zu fünft oder sechs. Das Wohnzimmer ist stickig, im Hintergrund läuft Musik die irgendjemandes Lebensgefühl ausdrückt. Mein Herz pulsiert ohne Taktgefühl. Ich ziehe eine weitere Line und schaue hoch in bekannte Gesichter und in Gesichter, die ich – ein leise Ahnung ergreift mich - kennen sollte.
Ich mag sie alle.
Wir beschließen unsere Freundschaft zu feiern. Am besten in einer anderen Lokalität in der wir uns leichter verlieren können - sechs liebenswerte, unbedeutende Frauen und Männer mit dem gleichen unbekannten Ziel. An der Schlange stoßen wir auf Bekanntschaften, wie bei einem schlechten Ping Pong Spiel werfen wir uns fein dosierte Floskeln entgegen, bei dem derjenige verliert, der zuerst die aufkommende Stille peinlich findet. Der Türsteher, eine wandelnde Karikatur von Coolness, ist gnädig. Er klopft die Asche der Marlboro ab und gibt uns mit einem Wink zu verstehen: wir dürfen hinein. Jeder zahlt seinen Preis und wir steigen hinab in die Ketakomben der Nacht.
Während ich mein Schubladendenken in Form bringe, begutachte ich die Clubmate-Menschen mit Hornbrille. Schweissbedeckte, teils befleckte Körper mit Pfandflaschen, die sich auf der Tanzfläche anlächeln, rantasten ans Gegenüber wie Kinder im Sandkasten. Nachtruhe eine Schatztruhe die verschlossen bleibt, Psytrance der aus Boxen pfeift und die Gegenwart verschwand.
Sie zerfloss.
Die Ahnung des Möglichen und die Spuren des Vergangenen klafften auseinander, mit unbeholfenen Tanzschritten versuchte ich beide wieder einzufangen. Es sollte mir nicht gelingen. In meinem Geldbeutel herrschte noch keine Ebbe und so wurde ich an die Bar gespült – bereute für einen Moment, dass meine sekundären Geschlechtsmerkmale an der falschen Stelle waren. Ein angetrunkener Barkeeper überreichte mir schließlich ein überteuertes Bier.
Er wurde eines Tages Millionär, weil er immer das Gleiche machte und auf andere Ergebnisse hoffte. Er spielte Lotto. Und dann sah ich sie. Vielleicht zwei Meter neben mir, sie lehnte am Gemäuer und hatte die Augen leicht geschlossen.
Es zog mich zu ihr. Sie roch nach Sonnenlicht und in ihren Augen spiegelte sich die Sehnsucht zweier Halbmonde wider. Ich wäre sprachlos gewesen, hätte der Laberflash nicht gekickt. Gewiss hatte ich sie beeindruckt. Ihre Freundin zog sie weg, ich sah noch ihre Tasche mit jeder ihrer Bewegungen wippen, ehe sie die Menge verschluckte. Sie warfen mir keinen Blick zurück und ich mir noch ein halbes Teil ein. Ein Kumpel begrüßte mich. In meinem letzten Traum hatten wir über Realität diskutiert. Wir umarmten uns herzlich und ich vergaß die Frau meines Lebens.
Lichter. Schatten, die sich bewegten – Augen die sich schlossen. Figuren verblassten mehr und mehr - hinterließen nichts. Wir hielten die Sinnlosigkeit des Lebens in unseren kleinen Händen und wollten sie nie wieder loslassen.
Lichter gingen an. Die Afterhour war anscheinend geklärt. Ich machte mich auf dem Weg zur Gaderobe, eine Freundin griff mich am Arm. Ihre Augen funkelten mich an. Sie war besoffen. Früher hätte ich sie geküsst. Jetzt war ich zwiegespalten und genauso besoffen. Sie erzählte mir irgendetwas aus ihrem Leben und lachte. Ich holte unsere Jacken. Draußen rauchten wir und warteten. Die meisten wollten Heim. Mit zweien entfloh ich vor der Realität nach Westen. Die größte Form des Stils war immer noch seine persönliche Lüge zu finden und zu leben. Davon war ich nicht wirklich überzeugt, aber es hörte sich gut an. Das reichte. Die meisten Gespräche führten Menschen mit sich selbst – glücklich diejenigen, die einen intelligenten Gesprächspartner hatten. Meine Methode war subtiler, ich versuchte mich unter den Tisch zu trinken.
Wenn sich die Nacht dem Ende zu neigte, setzten sich die Fragmente von Authentizität zu einem Puzzle vollständiger Zerbrechlichkeit zusammen. Ich liebte diese Menschen. Wir saßen auf den Schemeln des Vergessens und redeten stundenlang über Sachen über die wir nüchtern nicht nachdachten mit Leuten die eben da waren. Das Weißbier schmeckte gut.
Jemand trat auf meinem Fuß. Es war das Halbmondmädchen. Sie fragte mich nach Zigaretten und bot mir zum Tausch einen Kaugummi an. Ich öffnete meine Schachtel und folgte ihr mit nach draußen. Die Sonne scheint. Es ist vermutlich fast Mittag. Wir reden eine Weile. Dann gehe ich nach Hause – den Kaugummi zerknittert in meiner Hand.

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Interne Verweise

Kommentare

27. Jul 2016

Eine spannende Jugendstudie in Form einer Kurzgeschichte. Hab den Text verschlungen. Faszinierend.
LG Monika