Ein Gedanke für ein Fenster

von Yvonne Ciecelske
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Es ist ein wunderbares Ding, so ein Fenster.
Ein Objekt, das ich nach Belieben mehrmals am Tag öffnen und schließen, durch das ich hinaus sehen kann, an dessen gnadenvolle Existenz, ich jedoch bisher, kaum je einen Gedanken verschwendet habe.

Das sollte so nicht sein, denn mein Fenster kann in seiner unscheinbaren Selbstverständlichkeit ganz eigene und ausgesprochen nützliche Eigenschaften aufweisen. Ist es größtenteils auch unsichtbar, so ist es dennoch existent und trennt mein sicheres Drinnen, vom unsicheren Draußen. Es schützt meine sichere kleine häusliche Welt vor Schmutz, Lärm und unerwünschten Kreaturen. Und mag es das auch mit jeder ordinären Wand gemein haben, so kann es doch weit mehr als dieser schnöde Raumbegrenzer. So erlaubt mir mein gläserner Diener aus einer sicheren Position heraus in meinem geborgenen, geschlossenen Raum drinnen zu sein und gleichzeitig an dem „Da Draußen“ teilzuhaben.

Ich kann es öffnen, mein Fenster. Es ist ganz einfach. Ich drehe den Griff, ziehe ein wenig daran, es ist so banal und doch so bedeutsam, denn mit dieser einfachen Handbewegung gewähre ich der unkontrollierbaren Außenwelt dosiert Einlass in meinen behüteten Raum. Ein sanfter Stadthauch dringt herein und umspielt schmeichelnd mein Gesicht. Zahlreiche Stadtgerüche, eine Melodie aus verbrauchter Luft und zartem Grün, löst sich aus dem Bild, das sich mir in dem geöffneten Rahmen eröffnet und erobert nun meinen Raum. Geräusche im steten Gerangel um Aufmerksamkeit. Baustellenlärm, Stimmen, ein lautes Lachen, Hundegebell, Verkehrslärm, und über all dem erheben sich mahnend laut schwere Kirchenglocken. Und da ich ihr Einlass gewähre, drängt diese wilde, laute Meute nun tobend durch die Öffnung in mein Zimmer und mit einem Mal bin ich nicht mehr allein. Wenn ich mich jetzt mit einer Tasse Kaffee in der Hand an das geöffnete Fenster stelle, so bin ich anonym und unverbindlich ein Teil dieser pulsierenden Welt da draußen. So lange ich es wünsche, bin ich stiller Teilhaber all dessen, was vor meinem Fenster geschieht und zugleich Teil dessen, was davon zu mir ins Zimmer dringt.

Jetzt schließe ich das Fenster und es ist auf einmal wieder still. Die Welt, spielt sich abermals, nur einem Stummfilm gleich, hinter der durchsichtigen Glasscheibe, in dem fernen Draußen ab.

So ist mein wunderbares Fenster. Es bewahrt mich ganz unspektakulär vor der Absolutheit der Wahl, drinnen oder draußen zu sein, indem es mich drinnen ein klein bisschen draußen sein lässt. Es bringt Licht in meine Räume und es ist einfach immer da, in seiner stillen, bescheidenen Selbstverständlichkeit. Nur wenn es geputzt werden muss, dann rückt es in mein Bewusstsein. Dann wird es zu einem Objekt der Last. Das hat es eigentlich nicht verdient, mein Fenster, ich gestehe es. Aber ehrlich, wer putzt schon gerne Fenster?

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