Tauben

von Heiner Brückner
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Am Marktplatz die Tauben haben ein Leben! Soeben hat die Taubenfrau ihnen heimlich Futter hingestreut: eine Handvoll Haferflocken, Brotkrümel, ein paar Weizenkörner. Sie weiß, dass eine Verordnung des Ordnungsamtes diese Handlung streng verbietet. Die Passanten schauten kommentarlos zu oder weg.
Plötzlich unerhörtes Gurren und Rucken im Taubenschwarm. Flatterndes Gezeter, Flügelgescharre und Krallenkratzen trieben den Schwarm kreisförmig auseinander. Zwei Taubenmännchen führten in der Mitte des gedeckten Tisches einen Veitstanz auf.
Der Täuberich, von einem Höhenflug heimgekehrt, fand seine Anvertraute beim Schnabelflirt mit einem familienfremden Taubenmännchen. Konkurrenz war zu befürchten, Kampf, eventuell Krieg war angesagt. Er stürzte sich auf den Nebenbuhler, hackte mit dem Schnabel auf ihn ein und trieb ihn in die Arena. Der Rivale wehrte sich, er plusterte sich auf und gurrte angriffslustig. Die Taubenmadame tippelte erhobenen Köpfchens und mit steifem Hals an den Rand des Kampfgeschehens.
Die Menschen blieben stehen. Sie bildeten einen Ring um den Taubenkreis. Da versetzte der Eindringling in die Taubenehe dem legitimen Täuberich einen solch vehementen Schnabelhieb, dass er mit dem letzten Rest seiner Kraft die Flügel zum Schwingen brachte und sich von dannen hob. Er fand Zuflucht auf einer nahen Dachrinne.
Der Sieger näherte sich gurrend der umworbenen Dame. Er reckte mehrere Male den Kopf in die Höhe, dass man seinen dicken Hals nicht übersehen konnte. Dann stolzierten die beiden – Köpfe, Hälse und Schnäbel aneinander reibend – zum Marktbrunnen. Sie gluckerten zwei, drei Wassertropfen in den Kropf, turtelten erneut miteinander. Der Sieger scharwenzelte drei, vier Runden um die Eroberte, dabei plusterte er sein Gefieder. Sie redeten kein Wort miteinander, sie waren sich gestisch einig.
Das Publikum ereiferte sich über den Ehekrieg der Tauben. In der vordersten Reihe der Menschentraube ging einem Mann die Galle hoch, er lief grün an. Eine Dame echauffierte sich puterrot über die tierische Untreue. Der braungebrannte Herr mit der schwarzen Fliege am weißen Hemdkragen urteilte: „Das ist gerade so wie im richtigen Leben auch. Ein fesches Weiberl is alleweil einen Kampf wert, nicht wahr.“ Die blasse Frau mit dem Hut in der zweiten Reihe wandte sich um. Die bunte Fasanenfeder ihrer Kopfbedeckung wippte. Sie sprengte als Erste die Runde und ging davon.
Der gehörnte Taubenmann flatterte nach einer Weile von der Dachrinne. Er drehte segelnd einen ausschweifenden Kreis, bevor er sich auf der geleerte Kampfarena niederließ. Kopf und Kragen zu Boden geneigt kratzte und scharrte er im liegen gebliebenen Staub. Die Taubenfrau schüttelte ihre Tüte aus. Der Täuberich kam scheu näher und pickte die Brosamen auf.

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Kommentare

29. Jan 2016

Vielen Dank. Die Taubenfrau (der Geschichte) freut sich sicherlich über einen solidarischen Taubenmann. Beste Grüße.

30. Jan 2016

Oft Tauben sind mir schon suspekt -
Weil so viel Mensch in ihnen steckt....

LG Axel