Streitende Bäume

von Jan Jendrejewski
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Es waren einmal zwei Bäume, die standen dicht beieinander auf einer weiten, kahlen Feldlandschaft, irgendwo im Nirgendwo.
Die Bäume hatten nur einander, und sie plagte oftmals die Einsamkeit, die Stille, das Leben im Nirgendwo.
Sie kannten sich, seit sie noch jung und vital waren, volle grüne Blätterpracht trugen.
Gemeinsam durchlebten sie die Jahreszeiten, genossen die Jugendhaftigkeit, die ihnen der Frühling brachte, das schöne grüne Land, das sie umgab.
Im Sommer feierten sie die warmen Sonnenstrahlen, den blauen Himmel, den Höhepunkt ihres Lebens.
Dann kam der Herbst, und zusammen weinten sie, ihre Blätterpracht verlierend.
Ihre goldgelben und rotbraunen Blätter im kühlen Herbstwind davongewirbelt.
Und letzlich kam der Winter, den sie beide so sehr fürchteten.
Denn der Winter schmerzte sie, die Kälte und der Schnee, die Sonne in ihrer Traurigkeit vergessen.
Doch immer hatten sie einander, in jeder Jahreszeit, bei Wind und Kälte, bei Sonne oder Schnee.
Sie waren beste Freunde, einander immer beistehend, Ast an Ast, Wurzel an Wurzel.
Wenn einer von ihnen geplagt war von Vögeln oder Insekten, stand der andere ihm mit Worten zur Seite.
Bei Stürmen, die ihnen ihre Äste entrissen, stöhnten sie gemeinsam im Schmerz, ihre Wurzeln fest in der Erde vergraben, einander standhaft.
Sie waren beste Baumfreunde, immer dem anderen beistehend.

Doch dann, den Grund ihres Streits nicht einmal mehr kennend, verhassten sich die beiden, und die Harmonie in der Landschaft war beendet.
Seither stritten sich die zwei Bäume, von morgens bis abends, auch in der Nacht.
Die Jahreszeiten zogen an ihnen vorüber, doch statt zusammen Frühling und Sommer zu genießen oder im Winter einander zu wärmen, beschimpften und verfluchten sie sich immerzu.
Und eines Tages dann, im späten Herbst, bedrohte sie ein mächtiger Sturm.
Beide fürchteten sich, kannten sie zwar Stürme und Blitze, doch dieser Sturm war das Grausamste, dass sie jemals kennenlernen sollten.
Doch statt einander zu hoffen und ihre Wurzeln zu verbinden, beschimpften und verfluchten sie einander mehr als je zuvor.
Sie wünschten dem anderen den Tod, dass der Sturm sie umstürzen würde.
Und dann kam der Sturm, und sie stöhnten vor Schmerz, als er ihnen ihre Äste entriss.
Als der Sturm schließlich vorbeigezogen war und Stille eintrat, protzte der eine Baum, er habe den Sturm überstanden, und seine Äste seien die stärksten Äste aller Bäume.
Aber der protzende Baum erhielt keine Antwort, und er begann, den anderen Baum zu beleidigen und anzugreifen.
Dennoch erhielt er keine Anwort, und da wurde der Baum schließlich nervös, tastete mit seinen Wurzeln nach denen seines ehemaligen Baumfreundes.
Aber dort war nichts, nur Leere, und der Baum begriff: sein Nachbar ist im Sturm gefallen.
Für einen kurzen Moment jubelte der Baum, freute sich seines Sieges.
Dann trat Stille ein, und der Baum erkannte die Leere; Traurigkeit übermannte ihn.
Er hatte seinen einzigen Gesprächspartner und ehemals besten Freund und Nachbarn verloren; nun war er ganz allein.
Seit diesem Tag stand der Baum einsam in der weiten Landschaft, geplagt von Melancholie und Einsamkeit, ohne Hoffnung auf ein Ende seiner Qual.

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