Im Schatten der Komplexe

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Im Schatten der Komplexe, der physischen und psychischen, reist sie auf dieser einen Schiene: Dieser einen Schiene an der Ostküste, so meerseitig, dass das Rauschen der Wellen und das Schreien der Möwen das Brummen der Komplexe übertönt.

Die Pendlermassen haben sie an das Fenster gedrückt. Sie liebt es. Sie hat über das Wort Liebe im Kontext des Pendelns nachgedacht und nachgefühlt. Sie findet es treffend. Sehr treffend. Ihr Atem beschlägt auf der Fensterscheibe, nebelt das Meer ein, nebelt es aus. Das Meer an der Ostküste wirkt brackiger, schlammiger, grüner, mehr See denn Ozean. Aber es bleibt Meer.

Selten schickt man sie in den Westen. Im Westen sei das Meer mehr Ozean denn See, sagt man. Dieses „Man“: Dröhnt zu jeder Tageszeit, brummt und summt, schiebt Wellen an Tönen vor und zurück, klettert an den Tonleitern, piepst alarmiert, klopft gongtief. Mal aus dem Inneren, mal aus dem Äußeren, mal an den vernebelten Kanten eines Bewusstseins ohne Schärfe und Kontur.

Die Bahn hält an. Sie mustert sich selbst nach den Standards der Komplexe: Ausgelatschte Turnschuhe, ein schwarzer Rock, ein schwarzer Blazer, sie duftet nach Jasminrosenblüte und die Haare nach pinterest-französisch hochgesteckt. Fossiler Kajal mit frisch hübschem aufgepinselt. Man sagt: Alles ist gut. Man sagt: Nimm dir Zeit für dich. Man sagt: Achte in Selbstreflexion auf dich. Optimiere dich. Finde das eine, ziehe das durch! Man sagt: Brenne für deinen Job. Man sagt so viel und das Meer bleibt Meer. Die Bahn hält nicht mehr an. Sie erkennt eine kleine Plastikflascheninsel im Schatten der Komplexe. Zugvögel rasten, stochern zu algiger Cola und reisen nach Süden. Sie mag den Süden sehr.

Sie redet sich still und glücklich, als die Endstation vorrückt. In den fremden und flüchtigen Augen der Pendler spiegelt der Schatten den Alltag vor. Der Schatten der Komplexe kriecht durch Scheiben um die Körper der Pendler. Er sifft. Er stinkt nicht, er deliert. Sie schließt Augen vor den Komplexen, sagt: Es ist gut, was ich tue. Er wird auf mich warten. Er wird sagen: Hallo, und sein Gesicht der ausgelöschten Augen, milchigweiße Iris, Glaskörper ohne Funktion, wird lächeln und Ideen vorgeben. Das Meer verschwindet, die Schiene leitet die Bahn über einen schwarzen Tunnel in den Untergrund. Sie wird ihm die Hand geben, an das Meer führen, sie werden den Wind spüren, sie werden Algen und Salz riechen und er den Flügelschlag der Zugvögel auf der Haut spüren. Sie werden im Schatten der Komplexe, für ihn die Kälte, für sie die Schwärze, Fischbrötchen essen und schweigen.

Ich stelle mir einen Stadtkomplex im Vogelfuß-Delta zweier mächtiger Ströme vor, das ich Norddelta nenne. Geologisch überlagerten die Deltasedimente einen vulkanischen Hotspots, längst erloschen. Auf der 20km langen und maximal 5km breiten Inselgruppe leben fast 18 Millionen Menschen. Generationen an Handwerkern, Architekten, Ingenieuren, Tüftlern und Unternehmern haben an den Gebäudekomplexen des Deltas gebaut. Bis zu 1000 Meter hoch, bis zu 300m tief erstreckt sich der organo-technische Stadtkomplex. Alte Handelsstädte wie Tausendwasser oder Rotstadt sind von den Komplexen überwuchert worden. Im Zentrum, die Insel Varaburg, dessen vulkanischer Magmakörper den Seefahrern des Mittelalters ein Leuchtfeuer gab. Heute erkennt man den Caprin-Felsen unter den technischen Strukturen der Varaburg nicht mehr.

Im Norddelta steht ein Raum nie leer - Gerichtsäle dienen nachts als Werkstätten, Bibliotheken verwandeln sich in Schlafsäle, die eigenen kojenartigen Wohnstätten werden an Nachtarbeiter vermietet. Niemand kennt das Delta. Obwohl die statische Aufsichtsbehörde - Assal - Sensoren in alle Winkel eingebaut hat, obwohl die Verkehrsbehörde - Vessal - exakt die Fahrwege vorgibt, sind einstürzende Teilkomplexe, Sklavenarbeit, Ausbeutung, extreme Reich-Arm-Unterschiede, Massenpaniken nichts ungewöhnliches. Das Überlagern der Tonfrequenzen, die durch den Gebäudekomplex wandern, sich verstärken und abschwächen, hat Menschen schon das Trommelfell platzen lassen. Privat und öffentlich existieren im Norddelta nicht. Sie verschmelzen miteinander.

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