Brief an einen Freund/Orientreise

von Jürgen Skupniewski-Fernandez
Mitglied

Einführung

Unser Protagonist befindet sich auf einer Reise durch Tunesien. Er erreicht die Stadt Mahdia, südlich von der, in der Sahelzone gelegenen, Stadt Sousse. In der pittoresken kleinen Altstadt hat er sich eine kleine tradionelle Wohnung angemietet.
Er hat das Bedürfnis sich zurückzuziehen und erfüllt sich den Wunsch, sich vom orientalischem Flair einfach treiben zu lassen. Er sucht bewusst eine Atmosphäre, die sich auf seine innerperspektivische Eingenrecherche stimmulierend auswirkt
(Umgebung, Farben, Musik, Sprache), sodass beides, Aussen- wie Innenperspektive ausbalanciert, seinen Gedanken den nötigen Freiraum geben, fern aller aktuellen Ereignisse.
Er hat einen imaginären Freund, mit dem er einen intensiven Briefwechsel führt. Diesem berichtet er von seinen Erlebnissen und Empfindungen. So trifft er, auf einen seiner vielen nachmittäglichen Spaziergänge, auf einen alten Mann am Rande
einer alten islamischen Begräbnisstätte. Der Alte erkennt in unseren Protagonisten eine ganz besondere Gabe/Fähigkeit. Beide vertiefen sich in ein Gespräch. Die Briefpassagen an den imaginären Freund werden von Ghazalas (Strophen) aus
dem Diwan einer Orientreise (Sammlung von Posie & Prosa), begleitet. Eine Orientreise, die vornehmlich durch die arabisch islamische Kultur, ihrer Hochblüte, führt. Ausgang ist eine Vision mit entsprechender Botschaft und somit der philosophisch
vervollständigte Teil dieses Erlebnisses.

Brief an den Freund

Mein lieber Freund,

die spätnachmittägliche Sommersonne hat an Kraft verloren und zeigt sich nun von ihrer angenehmstem Seite. Ich schrieb dir bereits im letzten Brief, dass ich mir diese Hälfte des Tages immer gerne für längere Spaziergänge frei halte.
Die Rufe des Muezzins zum ¨ASR¨, Auffordrung zum Nachmittagsgebet (eines von fünf Tagesgebeten), sind schon seit geraumer Zeit wieder verstummt. Die kleine Stadt Mahdia oder auch Al-Mahdyya (arabisch) liegt zwischen den Städten
Monastir und Sfax, südlich an der tunesischen Mittelmeerküste. Du solltest mich endlich auch einmal besuchen kommen. Du weisst, es ist immer etwas besonderes für mich, mich mit Dir auszutauschen. So verbringe ich oftmals meine Zeit
fortwährend wartend auf Deine Antworten. Wie gut würde es uns beiden wieder einmal tun, zusammen das philosohische Feld zu betreten und die Lehren der Vergangenheit mit der Gegenwart aufzuwiegen. Das immaterielle Sein, das Wirken
hinter den Erscheinungen und Konklusionen, welches unser Gehirn mit Erkenntnis segnet.
Deine letzte Arbeit über den Neuplatonismus (Plotin 2./3.Jahrh n.Chr.) hat mich denn auch sehr beeindruckt. Ich grautuliere. Wir müssen uns hier unbededingt noch einmal austauschen.
Übrigens, der historische Kern dieser kleinen verträumten Stadt liegt auf einer Halbinsel. Allerdings lässt sich nur noch wenig von ihrer einstigen Pracht erahnen, denn immerhin war Mahdia im 10. Jahrhundert die Hauptstadt des Fatimidenreiches.
Die Berührungen mit der Verangenheit alter Kulturen haben mich von jeher immer fasziniert, wie Du weisst. Die Geschichte berichtet, dass ihr Gründer, ein Abdallah-al-Akbar, angeblich von Fatima, Tochter des Propheten Mohamed, abstammen
soll. Somit ist auch der Namensgeber dieser Dynastie geklärt. Es ist für mich ein ganz besonderer Anlass, warum ich Dir schreibe. Erstens, wir haben lange nicht mehr miteinander korrespondiert und zweitens, sind doch sehr wundersame
Bewegungen in mir vorgegangen.
Ich bin, wie sonst auch, ins Café Sidi Salem gegangen und habe in einer schattigen Ecke einen kleinen Tisch gefunden. Das Cafë liegt auf einem Felssporn über dem Meer unweit dem Fort oder wie man hier zu sagen pflegt „Burj“ al-Khebir (die grosse Festung).
Ein Überbleibsel der osmanischen Periode aus dem 16. Jahrhundert. Der freundliche Kellner lächelt immer wenn er mich sieht und hat auch schon meinen Café Direct zur Hand (verlängerter Expresso). Ich ziehe mich gern hierher zurück.
Hier haben meine Gedanken Raum zum Atem, können sich austoben oder über die dunkelblauen Wellen zu unbekannten Ufern fliegen. Mein lieber Freund, ich hoffe sehr bald von Dir zu hören. Ich habe noch eine Verabredung mit dem alten
Tunesier aus der Altstadt. Wir sind an der Grabstätte eines Marabout (Heiliger/Lehrer des Koran) verabredet.
Ich werde dir später von meiner Begegnung mit ihm noch ausführlich berichten.

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Kommentare

28. Jul 2017

Auf die Folgen bin ich sehr gespannt, Jürgen. Auch ich wollte vor ein paar Jahren mal nach Tunesien auswandern und habe sehr viel über dieses Land gelesen. Dort ungestört zu arbeiten, zu schreiben, spazieren zu gehen und alles Schöne besichtigen zu können, war sehr verlockend für mich. Ich wäre dann nach Sousse oder auf diese Insel gezogen, eben fällt es mir ein, Djerba, so heißt sie.
Aber die politische Lage und das heiße Klima haben mich dann doch davon Abstand nehmen lassen. Aber so ganz vom Tisch ist die Sache immer noch nicht. Dein Brief an den imaginären Freund hat mir gefallen. Das ist eine gute Literaturform, um über ein Land zu berichten - ohne das es langweilig werden könnte, weil ja auch persönliche Erfahrungen mit einfließen.

Liebe Grüße,
Annelie

31. Jul 2017

Grüsse Dich Annelie,

vielen Dank für deinen Kommentar. Tunesien hat halt die Mischung von Orient und Occident. Durch die engen Bindungen zu Frankreich sind auch soziale französische Strukturen mit eingegangen. Es gibt von Wäldern mit Wildschweinen bis in zu verträumten Oasen eigentlich alles auf engesten Raum. Die deutsche Bundesregierung ist ebenfalls sehr stark in Tunesien akiv. Die Beziehungen waren immer recht freundschaftlich. Als Deutsche kannst du dich im Land 4 Monate aufhalten ohne irgendwelche Einschränkungen. Also genug Zeit um das Land mal zu testen :-). Auf Djerba war ich auch einige Jahre. Hier hat die Uhr immer noch eine andere Geschwindigkeit; schon ein Unterschied zum Festland. Wünsche dir einen schönen Wochenstart.

Grüsse

Jürgen