Die Bahnfahrt - Kap.1

von Sorana Scholtes
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Herr Alfredo Lagar wartet auf den Zug. In der rechten Hand hält er einen rotbraun karierten Koffer, die linke Hand steckt in der Hosentasche. Herr Lagar steht auf dem Bahnsteig, hinter ihm befindet sich das Bahnhofsgebäude, verwittert mit feuchtroten Ziegeln, vor ihm liegen zwei Stränge Gleis. Ein weißes Schild mit schwarzen Buchstaben gibt dem Bahnhof seinen Namen. Der Bahnsteig ist leer, es ist Dienstagmorgen 10.30 Uhr. Die Menschen sind entweder in der Arbeit oder fahren mit dem Auto. Mit dem Zug fahren sie selten, die Züge kommen aber dennoch, jede Stunde einer, mit Schaffnern, die jeden Gast persönlich grüßen und sich aufrichtig freuen, wenn jemand einsteigt. Herr Lagar gähnt und sieht auf die Anzeigetafel. In drei Minuten fährt der nächste Zug ein. Ohne einen Blick auf den Fahrplan geworfen zu haben, ist er heute Vormittag mit dem Auto zum Bahnhof gefahren, hat seinen Koffer aus dem Kofferraum gehievt, ist damit zum Gleis gelaufen und wartet seitdem genau an dieser Stelle, nahe am Abgrund. Ein paar Kinder tauchen am Ende des Bahnsteigs auf, kreischend stellen sie sich in einer Reihe auf, während zwei Erzieherinnen versuchen, sie so weit weg wie möglich von den Gleisen zu schieben. Gestern Abend, als er seinen Koffer gepackt hat, hat Herr Lagar so wenig wie möglich für die Reise mitgenommen. Er war pragmatisch und hat seine Sachen aufgeteilt, in warmen Sachen – drei Pullis, zwei Rollis, lange Unterwäsche, zwei Cordhosen – und in sommerlichen Sachen – eine kurze Hose, fünf T-Shirts. Er hat noch

Socken, Unterwäsche, ein paar Hausschuhe, Deodorant, Duschgel und Zahnpasta dabei. Die Zahnbürste steckt in seinem Jackett, in der Innentasche. Als der Zug einfährt, wartet Herr Lagar bis die Kindergartentruppe mit den zwei Erzieherinnen eingestiegen ist, sieht sie nach links abbiegen und sich lärmend auf das freie Abteil stürzen. Er geht in den rechten Wagen, läuft den Mittelgang entlang, macht ein paar Türen auf, bis er sich in sicherem Abstand von der Kinderschar wähnt und lässt sich auf einem Platz direkt am Gang nieder. Seinen Koffer stellt er auf dem Sitz neben sich ab und plötzlich nimmt er den Geruch wahr, den dieser ausströmt, nach nicht gelüfteter Abstellkammer, nach Schimmel, nach Vergessen.
Herr Lagar spürt wie das Abteil Fahrt aufnimmt. Es ruckelt, brummt, der Zug schiebt sich gemächlich nach vorne. Durch das verschmierte Fenster sieht er das verwitterte Bahnhofsgebäude aus seinem Blickfeld verschwinden, die verrosteten Fahrradständer, die Autoparkplätze, ein paar Garagen, die Schrebergärten, endlich nehmen die Felder mit dem Raureif sein Blickfeld ein. Auch hier ziemliche Trostlosigkeit, aber nicht so zäh, eher beruhigend. Die Waggontür geht auf, ein Schwarm Kälte kommt herein, mit dem Schwarm der Schaffner. „Fahrscheine bitte“ ruft er, wohl wissend, dass das Abteil außer Herrn Lagar leer ist, aber die Gewohnheit verlangt es. Herr Lagar greift in seine andere Jackeninnentasche, nicht in der mit der Zahnbürste, und zieht eine Plastikkarte heraus – er streckt sie dem Schaffner hin. „Donnerwetter, in diesen Zügen sehe ich die nicht oft“ sagt der. „Ich habe sie gewonnen“, antwortet

Herr Lagar schlicht. „Tatsächlich? Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas verlosen.“ Der Schaffner überprüft die Karte genau. „Sie ist nur einen Monat gültig?“ Wie entschuldigend zuckt Herr Lagar die Schultern. „Es ist wohl die Sparversion.“ Der Schaffner lacht. Nachdem er Herrn Lagar seine Plastikkarte wieder zurückgegeben hat, bleibt er unschlüssig stehen, um sich dann mit einer abrupten Bewegung auf dem Platz gegenüber Herrn Lagar zu setzen. Er legt sein Kontroll- und Knipsgerät neben sich. Aus der schwarzen Umhängetasche, die er sich jetzt von den Schultern löst, holt er ein belegtes Brot, eine Thermoskanne und zwei Mandarinen heraus. Die eine hält er wortlos Herrn Lagar hin. Als dieser nicht reagiert, sagt er. „Na kommen Sie schon, nehmen Sie sie.“ Herr Lagar will nicht unhöflich sein, nimmt die Mandarine und behält sie unentschlossen in der Hand. „Haben Sie vom Auto auf den Zug gewechselt?“ fragt der Schaffner neugierig in seine Richtung. Herr Lagar sieht ihn verwirrt an. „Wie kommen Sie darauf?“ „Na ja, mit der Karte würde ich auf jeden Fall Benzinkosten sparen.“ Herr Lagars Antwort ist ein schlichtes Nicken. Das Auto: Er besitzt es schon seit Jahren, er ist jeden Tag damit gefahren, er hätte genauso gut das Auto nehmen können, aber es hat eines Preises aus einem lausigen Gewinnspiel bedürft, damit er eines Abends den alten Bahnhof seiner kleinen Stadt besucht, nur um sicherzugehen, dass es diesen Bahnhof auch wirklich gibt, und dort plötzlich und unangekündigt einen Entschluss fasst. Nur ein paar Tage später sitzt er mit gepacktem Koffer in einem Zug, der gerade eben diesen Bahnhof verlassen hat. Der Schaffner schenkt sich einen Schluck

Tee aus der Kanne in den Deckel ein. Herr Lagar beginnt die Mandarine, die er in der Hand hält, zu schälen. Das Ruckeln des Zuges ist angenehm, ab und an strömt ein Schwall warmer Luft unter dem Sitz hervor. „Fahren Sie in die Arbeit?“ „Nein, ich habe mir frei genommen.“ „Wirklich? Aber bestimmt nicht für einen Monat“, sagt der Schaffner und lacht. Er denkt, er macht einen Witz, der aber für Herrn Lagar gar keiner ist. „Doch, ab heute“, erklärt er ernst. Er erinnert sich an den Brief, den er gestern Abend in den Briefkasten seiner Firma eingeworfen hat. Er komme ab morgen, also ab heute, nicht mehr, steht darin. Offiziell: Er kündigt fristlos. Sie werden ihm das Arbeitsgericht auf den Hals hetzen. „Ach, vier Wochen Urlaub. Hätte ich auch mal wieder gerne. Wohin soll es gehen?“ Herr Lagar betrachtet den Koffer neben sich und geht in Gedanken noch einmal die Sachen durch, die er eingepackt hat. „Es könnte alles werden“, sagt er. Seine Offenheit überrascht ihn selbst. „Sie haben noch kein Ziel?“ Er schüttelt den Kopf. „Ha, das hat man früher nur in der Jugend gemacht“, freut sich der Schaffner. „Einfach den Rucksack gepackt, losgezogen, irgendwohin hat es einen immer gebracht. Gefällt mir, was Sie da machen. Wenn ich nicht so viele Verpflichtungen hätte, würde ich Sie glatt begleiten.“ Der Schaffner lacht wieder, Herr Lagar fühlt sich geschmeichelt. Der Schaffner kann es ja nicht wissen, was es für ihn bedeutet.

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