Die Muschel

von Heiner Brückner
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„Geh zurück! Im Städtchen Port Dinero gibt es einen Mercado. Dort hast du die Auswahl unter vielen Wässern aller Sorten und jeglicher Fabrikate. Du wirst dort auch Wein finden und dergleichen schmackhafte und vitalisierende Kraft-Drinks. Es kostet dich lediglich eine halbe, dreiviertel Stunde.“ Die Stimme lockte aus dem Off. Er sah eine Narrenfratze vor seinem imaginären Auge. Er ist nicht darauf gekommen, wem sie gehören könnte.
Hinter ihm lag die Hundestrecke. Mit Gekläff war er durch den Vorort von Port Dinero gegangen. Die Kläffer haben ihn regelrecht hinausgetrieben. Kaum hatte der eine Hund aufgehört, bellte der nächste. Einer hing an einer langen Kette. Er sprang am Zaun entlang und kläffte hinter ihm her, bis ihm die Kette die Luft abdrückte. Vor dem Städtchen auf der staubigen Straße humpelte ein verstrubbelter Köter auf ihn zu. Sein Kopf schien schräg gewachsen oder geworden zu sein. Das eine Ohr war aufgerichtet, das andere hing schlaff herab. Von den Lefzen tropfte Geifer. Er hat seinen Rucksack abgenommen und damit um sich geschlagen. Der mit dem schiefen Kopf hat noch lauter geknurrt. Am Ende setzte er sich heiser mitten auf die Straße. Er hörte ihn einige Zeit hecheln und winseln.
Vor ihm lag Fuente Jago, sein heutiges Etappenziel. Er hatte es genau geplant, sich fest vorgenommen, weil das Wetter der letzten Tage ihn in Verzug gebracht hatte. Er sollte und wollte keine Umwege mehr gehen, keinen Exkurs erlauben, der nicht aus unergründlichem Grund geboten war. Am Ziel würde ihn klares Quellwasser erwarten und der Blick hinunter, über die Ebene hinweg bis zu der Anhöhe an ihrem Ende, auf der sein Ziel aufragen würde.
„Du benötigst keine Stunde zurück“, setzte die Stimme erneut an.
„Einfach“, entgegnete er. Ein Blick auf die Routenkarte bestätigte ihm die verlockende Aussicht. Er ist dabei geblieben: Es gibt keine Rückkehr, der Weg zeigt nur voran! In etwa einer Stunde wird er das Etappenziel erreicht haben.
Reines, frisches Wasser plätscherte aus dem Rohr, das aus dem Gestein ragte, es war klar wie Bergkristall. Aus der Muschel, die zum Schöpfen bereitlag, schmeckte der erste Schluck wie eine Erlösung. Auf einer Tafel stand die Historie der Brunnengründung. Er trank ein zweites Mal und las.
Einst habe ein Pilger den Durst nicht länger ertragen können. Da sei ihm der Leibhaftige erschienen und habe ihm köstliches kühles Wasser versprochen – wenn er den heiligen Apostel Jakobus als Scharlatan bezeichne. Der Pilger habe sich geweigert und sei durstig weitergepilgert. Auf dem nahen Gipfel eines Berges habe er dann eine Quelle gefunden, die seinen Durst löschen konnte. Die Inschrift endete: „Wie du sehen kannst, sprudelt sie noch heute, die Quelle des San Jago.“ Aus Ehrfurcht habe der Pilger eine Muschel aus dem Meer, die er als Ausweis seiner Pilgerschaft mit sich führte, zum Trinken verwendet und sie aus Dankbarkeit zurückgelassen, „… damit auch du, Pilger, aus ihr den Geist von San Jago schöpfen kannst“.
Er befüllte seine beiden Trinkflaschen. Die Muschel nahm er zum Dank und als Souvenir mit. Die Sonne stand senkrecht und kein schattiger Baum war in der Nähe, keine Allee war zu sehen. Eine halbe Stunde war er in sengender Hitze vorangekommen, da meldete sich erneut der Durst. Er holte die Flaschen mit dem guten Wasser aus den Quellen von San Jago aus dem Rucksack. Die erste Flasche war leer. Er hatte vermutlich den Verschluss verkantet aufgeschraubt. Aus der zweiten Flasche schwappte der Rest an Wasser, als er die Kappe abschraubte. Der Dichtungsgummi war zerbröselt.
Er ging zurück zur Quelle, eine halbe Stunde lang hatte er zu gehen. Sein Mund war ausgetrocknet, er lutschte eine Lasche des Rucksacks. Am Quellbrunnen kniete er nieder. Den ersten Schluck schöpfte er mit geöffneten Handflächen aus der Jago-Quelle. Die gefüllten Trinkflaschen verschloss er sorgfältig. Dreimal stellte er sie auf den Kopf, um zu prüfen. Er legte die Muschel an die Kette, von der er sie gelöst hatte, und ruhte eine Weile auf einem Stein. Ein Hund in der Größe eines Schafs und ebenso wollig wie ein Schaf kam getrottet. Er stupste ihn am Oberschenkel und schaute ihn mit großen Augen an. Als er ihn am Kopf gegrault hatte, legte er sich über seine Füße und streckte den Kopf zwischen die Vorderläufe. Aus dieser Position blickte er wieder zu ihm hoch.
„Hat er mir zugenickt?“, fragte er sich, „wollte er mir sagen: Das hast du gut gemacht?“ Von seinen Füßen stieg wohlige Wärme in die Beine.
„Geh mir aus dem Weg“, rief er der Stimme zu, die er nicht mehr hörte, nicht mehr hören wollte.

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Kommentare

30. Jan 2016

Der Leser lief (gedanklich nur)
Ein Stückchen mit auf dieser Tour...

LG Axel