Schwarzer Valentinstag –Teil 31

von Angélique Duvier
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„OK, Conny, da muss ich etwas weiter ausholen“, sagte ich, „und mit dem Leben meiner Mutter beginnen. Wenn Crystal uns also tatsächlich um unsere Kindheit und Jugend beneidet und aus diesen Gründen jetzt meine Mutter attackiert und Geld von ihr fordert, obwohl sie im Gegensatz zu meiner Mutter oder uns vermögend ist. Ich glaube, sie hätte zu keiner Zeit mit ihr oder meiner Schwester und mir tauschen mögen. Während sie wohlbehütet und liebevoll aufgewachsen ist, war unser Leben, besonders das meiner Mutter, extrem hart und traurig.“
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Am siebzehnten Juli des Jahres neunzehnhundertsiebenundzwanzig schoben sich dunkle Wolken zu einem Berg zusammen und verdeckten die Sonne. Trotz des Sommertages wollten die Temperaturen nicht ansteigen und so kletterte das Barometer lediglich auf 17,8 Grad.
Meine damals sechsunddreißigjährige Großmutter Ella-Luise saß an diesem Sonntagmorgen reglos am Küchentisch und lauschte „Heebie Jeebis“, dem neuen Song des jungen Louis Armstrong im Radio, dabei stützte sie ihren Kopf auf beide Hände und schaute zum Fenster hinaus, gebannt, als sähe sie ihren Mann Johann und ihre drei kleinen Kinder zum ersten Mal. Er tollte liebevoll und ausgelassen mit den Kindern herum, der Anblick verursachte ihr warme Schauer in der Magengegend. Langsam legte sie ihre Zeitung, in der sie gelesen hatte, zusammen, erhob sich schwerfällig vom knarrenden Küchenstuhl und strich sich über ihren inzwischen dick angewachsenen Leib, sie bewegte sich schwerfällig ins Badezimmer, band ihr Haar zusammen, welches ihr in langen Wellen den Rücken hinunter bis zu den Hüften reichte. Jeder Handgriff fiel ihr unsagbar schwer, denn jeden Tag konnte es nun so weit sein, dass ihr viertes Kind zur Welt kam. Ella hoffte, dass es ein Junge würde, er würde gut zu ihrer vierjährigen Tochter Ella und den zweijährigen Zwillingen Sophie und Johann passen. „Ich bin eigentlich schon viel zu alt für ein weiteres Kind", dachte sie. „Im Dezember werde ich schon siebenunddreißig und dazu laste ich noch meinem armen Johann eine weitere Bürde auf, schließlich ist er kürzlich einundvierzig Jahre alt geworden und nun mache ich ihn unfreiwillig noch einmal zum Vater." Während sie so grübelte betrat mein Großvater Johann die Küche, küsste seine Frau liebevoll auf die Stirn. „Ella, hast du schon gehört, dass der Hindenburgdamm letzten Monat endlich eröffnet wurde, es wäre doch schön, wenn wir irgendwann mit den Kindern nach Sylt fahren könnten, es sollte jetzt einfach sein, da die Insel jetzt durch den Damm mit dem Festland Schleswig-Holsteins verbunden ist.“
Oh ja, das wäre schön“, seufzte Ella, „wir waren noch nie mit unseren Kindern im Urlaub."
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Plötzlich durchzuckte ein stechender Schmerz ihren Körper, der ihr beinahe den Atem raubte. „Johann, Johann, ich glaube es geht los, das Baby will nicht mehr warten!"
„Soll ich Doktor Reif holen?", fragte mein Großvater aufgeregt, während er schon zur Tür lief. „Ja, beeil dich und sag auch Oma Lanser Bescheid, sie soll sich um unsere Kleinen kümmern, dass sie bloß jetzt nicht ins Haus kommen und sich erschrecken!“, brachte meine Großmutter unter Schmerzen mühsam hervor.
Mein Großvater schwang sich auf sein Fahrrad und eilte davon.
Er konnte seine Gefühle nicht recht einordnen, er wusste nicht, ob er sich auf das Baby freuen sollte, und er fragte sich, ob er diesen „kleinen Kuckuck“ wie er das noch ungeborene Kind insgeheim nannte, wohl jemals so lieben könnte wie seine drei eigenen Kinder.
Während er schwer in die Pedale trat, dachte er an den Tag zurück, an dem er seine Frau mit seinem Bruder im Bett erwischt hatte, es hätte ihm beinahe das Herz zerrissen. Bei der Erinnerung daran zuckte seine Unterlippe ganz kurz, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle und er trat noch fester in die Pedale. Der Himmel war noch immer wolkenverhangen, aber wenigstens regnete es nicht.
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Er war wochenlang auf einer Baustelle einer anderen Stadt gewesen und konnte nicht nachhause, er musste doch Geld verdienen für seine kleine Familie und wenn er dann ein paar freie Tage hatte, war er so erschöpft und müde, dass er nicht daran dachte, Zärtlichkeiten mit seiner Frau auszutauschen. „Ich habe sie vernachlässigt", dachte er, „deswegen bin ich Schuld, ich habe sie in die Arme meines kleinen Bruders getrieben", bei dem Gedanken, stiegen ihm Tränen in die Augen. Nach einigen Wochen stellte sich heraus, dass Ella schwanger war. Dass dieses Kind nicht von ihm sein konnte, war allen dreien klar. Es gab lange Gespräche zwischen ihnen, mit dem Ergebnis, dass sein Bruder Emil für immer aus ihrem Leben verschwinden sollte und dass mein Großvater das Kind als seines annehmen würde. Er bat seine Frau um Vergebung, dass er sie vernachlässigt hatte und Ella bat ihn um Vergebung für ihren Fehltritt, den sie sich, wie sie ihm versicherte, sich selbst nicht mehr erklären konnte. „Der Emil war einfach immer da und hat sich um mich und die Kleinen gekümmert, er war stets fröhlich und wir konnten viel miteinander lachen. Geliebt habe ich immer nur dich, aber du warst ständig unterwegs und bist immer so ernst“, hatte sie ihm gesagt.
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Inzwischen war mein Opa in Henstedt bei dem Arzt angekommen, er sprang vom Fahrrad und eilte die Treppen zur Arztpraxis hinauf, hämmerte mit dem Türklopfer und beiden Fäusten gegen die schwere Eichentür.
Kaum öffnete sich diese, rief er schon: „Bitte kommen Sie, Doktor, beeilen Sie sich, es ist wieder so weit, das Baby kommt.“
„Ja, ich komme", sagte Dr. Reif, während er sich seine Tasche schnappte und hinter meinen Großvater die Treppe hinunterhastete.
Nachdem mein Großvater „Oma Lanser“ geholt hatte und nach Hause kam, wurde meine Großmutter gerade in einen Krankenwagen geschoben.

Die Namen meiner Großeltern, meiner Tante Ella und der meines Onkels Johann, stimmen mit den tatsächlichen Namen überein.
Alle anderen Namen wurden geändert.
A.D.

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Kommentare

31. Jul 2017

In die Vergangenheit (D)ein Blick -
Hier lohnte er sich. (Ich mach KLICK!)

LG Axel

31. Jul 2017

Ich freu mich sehr, dass die Geschichte weitergeht
und glaube, Angélique hat an der Uhr gedreht,
und zwar zurück - nicht nur paar Stunden oder Tage ...
gern lernen wir auch ihre liebe Mama besser kennen,
keine Frage!

Liebe Grüße,
Annelie