Vorstoß M/ Die letzte Reise des Hunds

von Klaus Mattes
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„Au weia!“, sprach der eisgrau und sehr lahm gewordene Hund in seinem fünfzehnten Jahre, da des Abends mählich ein Hauch wie aus der Grube ihn umschlich.

„Die Treu gehalten meinem Herrn, der mir seinerseits die Treu nimmer hielt, vielmehr die Herren beglückte, wie sie grad kamen, jeden beschwörend, der möge achtsam sein und zurückhaltend beim Eindringen, denn zugeritten wäre er nicht und, ach, leider vermaledeit eng gebaut. Auch stand der Herr auf Sahne und bettelte, dass sie verteilt würde in ihm. Irgendwann hat er sie auf meinen Brekkies verfüttert und gelacht. Herzlos konnte er sein.“

„Wohin nun auch mit mir? Ich Armer, ich mit meinem an Treue vertändelten Leben, dessen letztes Stündlein schlagen möchte?“

Da kam der Hund drauf und er wollte gehen hinaus in Gottes herrliche Welt, besehen sich die Fluren, Haine und Auen. Am liebsten um die kaiserliche und herrliche Stadt Wien her, welche wie eine verschüttete und zerstampfte Mehlspeise sich auswellt auf der Ebene und östlich des Gebirgs klebt, wo der Nibelungenstrom ins Reich der Tschuschen hinzuwärts brodelt.

„Ich will“, dachte der greise Hund, „ein resches Madel freien und Verantwortung noch tragen für einen Wurf von Welpen.“

Jedoch, als er in der Nähe vom Westbahnhof vom Waggon gesprungen war, brach er sich den Haxen, naturgemäß waren dieselben morsch geworden. Da lag er also und verröchelte und die Raben machten schon ein Krakeel.

In eben diesem Moment kam der steinalte Franzl geschlichen, der Hund vom verewigten Hausbesorger Bernhardi.
„Ja mei, der Schorschi! Was haben’s dir getan, du Kamerad!“, jaulte der Franzl und weinte, vor Freude. Oder wegen dem unverhofften Wiedersehen oder aus Kummer, wir wissen es nicht zu sagen.

Der Franzl hielt den Schorschi, der aber der Schorschi durchaus ja nicht war, sondern der Oliver, im Arm und schleckte übers Fotzl-Gesicht und versicherte ihm: „Wart, das wird schon wieder. Ich bin ja jetzt da bei dir.“

So hab ich die lange Reise angetreten und bin hier nurmehr unter die Räder kommen, damit ich von der einen alten Schwuchtel zur andern wechsel, sann der sich durchsonnter fühlende Hund Oliver. Schön ist’s aber schon. Dass einer einen liebt, obwohl man es selber nicht einmal ist. So lässt sich’s am Leben sein, dachte der dienstergraute Hund und dabei hauchte er seinen letzten Atemzug aus.

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