Vorstoß L/ Knabenbrüste

von Klaus Mattes
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Als ich in der Stadt wanderte und nach Flaschen ausschaute, nachts, der letzte Bus war gegangen, aber die kommen am zentralen Umsteigehalt alle noch mal wieder, ein allerletztes Mal, sie müssen doch zum Betriebshof, bis dort nehmen sie einen mit, stand bei der Hauptpost ein drahtiger, eher kleiner, mit Sportdress knapp und eng bekleideter Mountainbiker und starrte verstört auf die Fahrplantafeln.

„Ja“, sagte ich von der Seite, „da geht noch was. Die müssen alle noch zurück. Aber wegen Ihrem Bike, da sehe ich schwarz. Nett fragen können Sie. Um diese Uhrzeit sind keine Leute drin. Für den Fahrer geht es in den Feierabend. Wenn man nett fragt, können sie manchmal auch nett sein.“

Der Mensch war erste Hälfte dreißig. Kurz hingeschaut und man hatte den Eindruck, er wäre ein wenig neben der Spur. Man wusste nicht, wieso man den Eindruck bekommen hatte, aber das Gefühl war da. Wie aufgeladen kam er einem vor, Funken ausstoßend, obwohl er sich nur zu den Schildern der Städtischen Verkehrsbetriebe gebückt hatte. Ein angespannt interessiertes Schauen trat in meine Augen, als er sich drehte und so von unten herauf nach mir sah. Jedoch, so klein war er auch wieder nicht.

Er lungert hier, Rad in der Hand, schon eine Weile und guckt nach was, wusste ich innerlich mit einem Mal. Es war sein Blick des in seiner Erwartung Ertappten. Zweifellos musste er sich fragen, wieso denn ich zu dieser äußerst einsamen Stunde in der Stadt herumstrich, so wie er das tat, obwohl er ein Mountainbike in der Hand hielt, dort stand und nach dem Bus Ausschau hielt, der nur vier Stationen weit gehen würde.

Manchmal will einem scheinen, dass die Menschen, die neben eine Spur gekommen sind, auf seltsame Weise und voreiliger als andere Menschen, die in der Spur geblieben sind, zur Überzeugung gelangen, sie kennten einen durch und durch und man wäre geradezu verbrüdert im Blut mit ihnen und ihrer Sonderbarkeit. Trifft mich so ein irre wissender Blick, sehe ich sofort weit weg und gebe vor, nichts gemerkt zu haben. Der Bussard hat mich zwar schon erspäht, aber die tote Maus ist unergreifbar.

Fast ist er sogar schön, dachte ich. Und sein Körper ganz handlich und praktisch geeignet für manches. Man trifft, wie mir auch klar war, solche Menschen nur einmal im Leben. Sie sind wie Geister, die zu genau dieser Stunde an diesem Ort spuken und später ist noch der Ort, aber nicht mehr diese Stunde da.

Der Mann mit der anliegenden Glanzhose hielt das Mountainbike zwischen uns aufrecht und fing zu erzählen an.
„Natürlich fange ich mit dem Training wieder an in nächster Zeit.“
Es war, als hätten wir über das Training geredet und die Frage, ob denn noch ein Bus ginge, hätte unsere Unterhaltung gestört.

Wo war er heute Abend gewesen, wenn er den Dress angezogen hatte und sein Rad genommen hatte, aber noch nicht für das Training, das er bald anfangen würde?
„Bis zum Marathon bin ich fit“, sagte er.
Mir ging auf, dass er vom Laufen sprach und von einer, nur alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung, dem berühmten Marathon.
„Es ist ja kein Marathon“, sagte er.
Die Distanz von unserem Marathon wäre ihm zu gering.
Wie er das sagte, musste ich das eigentlich wissen. Es schien im Sportteil gestanden zu haben.

Ich sah mir das Rad an. Kaputt war es nicht. Ob er’s weit habe, fragte ich ihn. Dieser Bus fahre nur vier Stationen, dann sei Betriebsschluss. Ich war etwas beunruhigt in der direkten Nähe so eines Seltsamen, der zu wissen schien, dass wir was vor uns hatten, wenn wir schon was hinter uns hatten, wegen dem wir übereinander ziemlich Bescheid wussten.
„Bis Nicklashausen“, sagte er. „Vor allem den Berg rauf würde ich gern mitgenommen werden.“
Er sah mich forschend an. Möglicherweise sollte ich mit der Sprache von meinem Vierradantrieber heraus, den ich um eine Ecke geparkt hätte.

War das seine Anmache und hätte ich es nicht merken müssen, wenn das eine Anmache war? Nein, kam ich zum Schluss, der machte mich nicht an. Er ahnte aber, dass ich einer war, der bisweilen welche anmachen konnte. Dachte ich es, weil ich die strammen kleinen Beine im Kunststoffgewebe bewundert hatte und seinen kleinen, harten Hintern?

An dem Typ war irgendwas faul. Ich wusste es und es passte zu meinen Erfahrungen mit hellsichtigen Nicht-Schwulen, die sich in den Weg stellten, um gefunden zu werden. Ich fühlte Gefahr und achtete zum ersten Mal wieder auf den Autoverkehr. Aber da verkehrte nicht ein Auto in keiner Richtung. Es war diese Stadt und es war vor Mitternacht.

„Wenn die Distanz so lang wird, treten Effekte ein, auf die man so schnell gar nicht kommen würde. Zum Beispiel fangen die Brustwarzen an zu bluten.“
Er schaute, als wäre das Stichwort zu unserer Perversion gefallen.
„Das Shirt scheuert und immer nur eine Bewegung. Am Ende laufen zwei Bäche Blut übers verschwitzte Fleisch hinab. Und man muss immer weiter arbeiten.“
Er schien zu sehen, dass er mich am Haken hatte.

„Es gibt solche, die kleben sich vorher Isolierband drauf. Aber das hilft auch nicht. So viele Kilometer und die gleichen Bewegungen die ganze Zeit. Das Shirt reibt die Warzen und sie stellen sich auf. Man schwitzt, das Band geht ab.“

Er lehnte das Rad gegen sich, hob beide Arme und grifft mit Daumen und Zeigefingern an die Punkte, wo unterm Radlerhemd die zwei Brustwarzen hochstanden. Er griff sie und zog sie nach vorne. Die ganze Zeit fraß er mich mit Blicken. Die Knabenbrust, dachte ich, obwohl er gut und gerne über dreißig war. Mager, haarlos, knochig. Die Knabenbrust. Er sah jetzt aus wie ein Knabe, dem zwei Brüste gewachsen waren. Es waren die Kegel, die sich von seinen ziehenden Fingern gebildet hatten.

Da schnaubte hinter uns beiden der Bus und die Tür ging auf. Ich stürzte hinein, wortlos vorbei am Fahrer. Meine zwei, mit den leeren Flaschen gefüllten Säcke klirrten. Der Marathon-Mann stand an der offenen Tür und sie verhandelten mehrere Minuten.

„Fahrrad nein“, hatte der Fahrer, ein Zuwanderer, knapp beschieden.
Er durfte dann doch mit dem Rad hinein. Er stand auf der Gelenkplatte in der Mitte und schaute zu mir her.

Wahrscheinlich dachte er, ich würde die ganzen vier Stationen im Bus bleiben. Aber beim zweiten Halt stieg ich schon aus. Ich war daheim.

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