6630 Im Chiemsee

Bild von Klaus Mattes
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Herrenchiemsee war recht ruhig, obwohl mitten im Sommer. Da hatte es lange geregnet, wurde aber gerade blauer Himmel. Und wieder war diese Prachtverstiegenheit Ludwigs II. zum Schreien schräg. Überladener, deshalb ungemütlicher, augenscheinlich gefälschter Barock. Der Effekt stößt einem zu, wenn man diese Lichtinnenhöfe mit ihren Gusseisenstreben-Glas-Bedachungen betritt: Modernste Gründerzeit und kein Barock in Sicht! Das eine Treppenhaus ist noch im Rohbau. Du bist durch all das Gold geschlichen, gehst durch eine Tür und da ist alles ratzekahl. Der unverputzte Ziegelstein.

Auf die Herren-Insel geht’s per Schiff. Man kommt an der Fraueninsel vorbei, wo ich ein Schiff lang aussetzte. Die Kloster-Insel ist wunderschön, sehr gut für Frühling und Herbst. Auch die Klosterkirche lohnt. In der Mitte der wirklich nicht großen Fraueninsel existiert sogar der Ansatz zu einem Berg.

Man steht unter mächtigen alten Laubbäumen und blickt auf die Reihe gediegener Häuser am Ufer hinab. Wolken und Berge. Für seine Verhältnisse ist dieses Eiland natürlich ziemlich zersiedelt. Da sind bestimmt strikte Maßnahmen ergriffen worden, um den einen Grünstreifen in der Mitte zu bewahren. Eine frische Brise ging und die Sonne schien auch wieder vom blauen Himmel. Aber alle Menschen waren anderwärtig beschäftigt. Ich stand alleine droben und dachte, das muss eines der Paradiese sein, hier wohnen zu dürfen.

Denkt man weiter, kommt einem der Inselkoller in den Sinn, den ich auch für ein Dasein auf Helgoland, ohne ein einziges Waldstück, einen einzigen Bach, befürchte. Die meiste Zeit des Jahres irgendwo sein, wo außer dir vielleicht 160 Leute leben und es wahrscheinlich keinen Laden gibt, weil die Böden für aldi- und Lidl-Parkplätze nicht genügten. Und zwei Wirtshäuser. Wann immer du irgendwo hin willst, musst du zuerst das Schiff nehmen. Ins Kino, ins Museum, nein, da geht kein Helikopter und keine S-Bahn, nicht mal der E-Scooter. Schiffe haben feste Fahrpläne. Vor allem im Winter geht nach Einbruch der Nacht kaum noch eines.

Allerdings sind die drei Chiemseeinseln, es gibt noch eine kleine unbesiedelte, auf alle Fälle grüner, saftiger und lieblicher als Helgoland. Da könnte man Sansibar glatt dafür weggeben.

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Kommentare

03. Feb 2021

Tolle Geschichte !
HG Olaf