The Awakening

von Giulia Strek
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Leise klackend fiel die Tür ins Schloss. Selbst hier in dem Bett, dass stellte Mary immer wieder fest, wirkte Billy so optimistisch, dass man ihm am Liebsten in Gesicht schlagen wollte, damit er endlich verstand, dass überhaupt nichts zuversichtlich an seiner Situation war.
Ein letzter Blick zurück, dann nahm sie Ava auf den Arm, nickte seinem besten Freund Raymond schweigend zu, dass sie loskonnten. Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. Immer wieder war es die Sehnsucht endlich wieder seine Stimme zu hören, diese Zuversicht in seiner Tonlage und die Sanftheit seiner Worte, die ihr Herz in einer geschlossenen Faust zerdrückte.
Die Ärzte sagten, dass sie nicht mit seiner Rückkehr rechneten, dennoch war Mary bis jetzt jeden Tag im Krankenhaus um mit ihm zu reden in der Hoffnung, dass er irgendwie mitbekam wie Ava groß wurde; wie es ihr ging und was Raymond alles für sie stemmte.

Flatternde Lichter, funkelnde Diamanten. Dunkelheit, die durch flirrende Lichter durchbrochen wurde. Schweigend saß er in seinem Astronautenanzug in der Bushaltestelle und wartete darauf, dass der Bus endlich kommen würde.
Die Kälte kroch durch den unwirklich Stoff; strich über seine Oberschenkel, doch fühlen konnte Billy sie nicht wirklich. Ein leises Seufzen entwich den trockenen Lippen, während die schwarzen Augen abermals sich daran machten die Sterne am Firmament zu zählen.
Schon lang war die Sonne nicht mehr aufgegangen. Schon ewig herrschte die Dunkelheit mit ihren bunten Lichtern. Ein Mal, da hatte er bei Ava am Babybett gesessen, hatte mit ihren kleinen Fingern gespielt und ihr beim Lachen zugesehen. Erst als Mary das Zimmer betrat, war er wieder geflüchtet; hatte sich im Schein des Vollmondes einfach aufgelöst als wäre er ein Traum. Oder war er wirklich nur ein Traum?
Billy legte die Hände in seinen Schoß, presste die Beine mehr aneinander und lehnte den Hinterkopf gegen die harte Scheibe des Wartehäuschens.
Warum hatte Raymond damals eigentlich den Bus bekommen? Damals, als bei dem Weltraumspaziergang alles schief ging, was nur schiefgehen konnte.
Tief sog Billy die Luft ein, seine Nasenflügel bebten, doch seine Lungen füllten sich nicht wirklich mit Sauerstoff. Wie auch?
Der luftleere Raum um ihn blähte sich weit in die Unendlichkeit auf. Als hätte man die Szenerie in eine Schneekugel gesperrt, waberte das Wartehäuschen mit seinem Astronauten auf einem Spiralarm einer weit entfernten Galaxie, die schweigend den unbekannten Besucher erduldete. Man hätte ihm durchaus sagen können, dass die Abfahrtszeiten des Busses unbedingt eingehalten werden müssen, da man sonst ewig auf den Nächsten warten durfte.
Ewig. Was war schon die Ewigkeit in der Unendlichkeit des Universums? Und, wurde in der Ewigkeit der Traum nicht zur Wirklichkeit? Aber was war wirklich an dem Umstand, in einem Wartehäuschen im Universum zu sitzen, weil man den Bus verpasst hatte?
Kreise um Kreise drehten die Gedanken Billys...unendlich, wie die Zahl Pi. Witzigerweise beschrieb die auch einen Kreis. Zufälle...
Langsam sackte Billys Kopf gegen die Seitenscheibe. Wie in einer Schwebe hob er seine Hand, bewegte langsam die Finger.
Hast du eine Lieblingsjahreszeit?, ertönte eine leise Stimme um ihn herum. "Bescheuerte Frage. Hier gibt es doch keine Jahreszeiten..."
Ich mag den Winter, hauchte die Stimme. Und ich vermisse ihn so sehr.
Billy tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Nasenspitze. "Was glaubst du, wie es ist, wenn ich wiederkomme und kein Mensch mehr auf der Erde existiert?"
Einsam.
"Meinst du, es gibt etwas, dass sich an uns erinnern wird?"
Sie sammeln schon, seit ihr auf Erden seid.
Schweigen brach aus. Billy drückte die Handfläche gegen die Scheibe. Ein orangen schimmernder Schmetterling tanzte auf der anderen Seite zwischen seinen Fingern entlang.
"Und unsere Träume? Ist es die Farbe unserer Träume oder die Schwärze unserer Ängste, die sie sammeln. Wissen sie den kleinsten Grund, der uns zum Lächeln bringt?"
Du brauchst nur einen ganz winzig kleinen Grund zum Lächeln.
"Nur einen ganz ganz kleinen Grund..."
Eigentlich war es wie selbstverständlich als der Bus endlich anhielt. Billy erhob sich langsam, trat zwei Schritte auf das Gefährt zu und blieb stehen. Ungläubig hob er den Arm, versuchte seine Augen vor dem grellen Licht aus dem Inneren der alten Karosserie zu schützen.

Die unruhigen Augenbewegungen waren das Erste was einem Arzt aufstieß. Billy konnte sich unmöglich in einer REM-Phase befinden. Danach schoss der Puls in die Höhe. Zuckend hob sich ein Zeigefinger, fiel wieder auf das Bett. Ein zweiter Finger, dann der Dritte. Mit etwas Fantasie könnte der Beobachter denken, dass er Klavier spielte. Die Abfolge begann sich zu Wiederholen.
Der Würgereiz schoss in seine Kehle, doch Billy war nicht Imstande den Grund dafür abzuschalten. Einzig und allein die Finger mussten bewegt werden. Wer sehen konnte, was er sah würde verstehen...das typische ungeduldige Trommeln eines Reisenden, der schon Stunden im Bus saß.
Die Augen flackerten. Grell schoss das Licht in die weit gestellten Pupillen; brachte sein Hirn zum Schmerzen. Er wollte wieder zurück; zurück in die Dunkelheit, doch eine Hand, die seine hielt, ließ ihn nicht.
Sie fühlte sich so wahrhaftig und echt an. Etwas, dass er ewig nicht mehr gespürt hatte.
Billy behielt die Augen geschlossen, den Kopf zur Seite gedreht...aus Angst, dass er doch wieder im Wartehäuschen sitzen würde. Unsicher betasteten die Finger die Hand der Ärztin, fuhren über die Knöchel, hoben leicht die Fingerspitzen. Rau fühlte sich das individuelle Muster der Fingerkuppen an. Noch immer umgab ihn die Dunkelheit; die Ohren von einem unbestimmten Rauschen erfüllt.
Billy wollte etwas sagen. Ihm schossen soviele Dinge durch das zermaterte Gehirn, doch der Beatmungsschlauch ließ ihn nicht.

„Vorsicht, die Fahrt kann sehr holprig werden“, ertönte die Stimme des Busfahrers aus der forderen Kabine. „Immer diese Aufregung, wenn einer wach wird.“
Billy erstarrte in seiner Fingerbewegung als hätte ihn jemand mit Eis eingefroren. Sein Blick wanderte hinaus in die farbenfrohe Dunkelheit des Orbits. Ein helles Licht erfasste den Bus und sie tauchten direkt hinein.
Bist du aufgeregt?
„Du kennst Aufregung doch überhaupt nicht“, brummte der Amerikaner und folgte den Lichtern, die sie seit geraumer Zeit verfolgten.
Er kannte den Nebel in den sie eintauchten. Für die meisten Wissenschaftler war er nur eine Geburtsmaschine für neue Sterne, doch für Billy wurde es ein Wegweiser nach Hause. Der gebärende Pferdekopfnebel wirkte in der Intensität so als hätte ein Maler seinen Farbeimer ausgeschüttet.
Die Entfernung zwischen der Bushaltestelle

©Giulia Strek
Entstehungszeitraum: April 2014

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