Basimas Lächeln

Bild von Manfred Riegler
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Eigentlich sah Werner gar nicht schlecht aus. Es waren die Jahre, die ihn äußerlich wie innerlich zerrissen. Das Leben auf der Straße hatte sein Gesicht zerfurcht. Der lange Bart, der an den Spitzen deutlich ergraute, sah jedoch erstaunlich sauber aus.
Werner wusch sich stets auf öffentlichen Toiletten. Im Sommer bemühte er sich, ozu den Duschanlagen in öffentlichen Bädern oder kleineren Badeseen zu schleichen. Er mochte es, sich zu waschen. Es war der letzte Rest an Menschenwürde. Wenn er etwas Geld übrig hatte, kaufte er sich im Supermarkt am Bahnhof ein billiges Deo. «Stinken tun Schweine», hatte seine Mutter gesagt. Und es tat gut, sich nicht wie eine Sau zu fühlen.
Werner hatte wenig mit stinkenden, dreckigen Tieren gemein. Er war unter seinem struppigen Bart und dem zerfurchten Gesicht ein gut aussehender Mann. Einer, nach dem sich die Frauen umdrehten. Aber wenn er jetzt auf dem Linzer Hauptbahnhof am Durchgang zu den Bahnsteigen stand, drehten sich alle von ihm weg. Nicht, weil er hässlich war. Sondern weil er bettelte. Und weil sich Penner generell am Rand unserer Gesellschaft bewegen.
Die meisten mochten ihm kein Geld geben. Die meisten dachten, er würde es für Bier und Wein ausgeben. Das stimmte auch. Werner machte das so. Aber er kaufte sich keinen Stoff, bevor er das Geld für etwas ganz Bestimmtes beisammen hatte. Etwas sehr Wichtiges. Etwas, dem er wirklich nacheiferte. Worauf er sich bereits am Morgen freute: einen Cheeseburger bei McDonald´s. Werner kaufte jeden Tag einen Cheeseburger im McDonald´s am Hauptbahnhof.
Er schmeckte ihm nicht einmal besonders. Und Werner war kaum hungrig. Er war seit Jahren nicht mehr richtig hungrig. Und trotzdem war der tägliche Besuch im Mac ein liebes Ritual. Denn dort, hinter der Theke, arbeitete die schönste Frau, die Werner in seinem Leben gesehen hatte.
Sie war keine Hiesige. Sie kam von weit her. Wahrscheinlich aus Afghanistan oder Syrien oder irgendeinem anderen arabischen Land. Irgendwo, wo Krieg tobte. Und die Menschen flohen.
Irgendwann, es mag zwei Wochen her gewesen sein, vielleicht auch ein Jahr - wer weiß das schon - hatte Werner sie nach ihrem Namen gefragt. Nicht direkt. Nicht frei heraus. Das wäre anmaßend gewesen. Man sah es ihm nicht mehr an, aber Werner war ein Gentleman. Ein Mann mit Manieren, der wusste, was sich gehört. Er tarnte seine Neugier. Er verhüllte sie in unschuldiges Unwissen.
«Tut mir leid, ich hab heute leider nur zehn und zwanzig Cent Münzen. Das macht Ihnen nichts aus, oder, Fräulein…Fräulein…ähm…»
«Mein Name Basima»
Und sie hatte tatsächlich gelächelt.
Es war, wer weiß wie lange her, dass Werner zum letzten Mal Weihnachten gefeiert hatte. Aber der Moment, in dem ihm Basima anlächelte, war wie eine Zeitreise zurück in die Kindheit. Wie an jenem 24. Dezember, als Werner zu Hause ins Wohnzimmer kam und eine elektrische Eisenbahn um den Christbaum tuckerte.
Das Lächeln von Basima - es war auch schöner als der erste Fick. An den konnte Werner sich eh nicht mehr erinnern. War ziemlich sicher eine besoffene Geschichte. Irgendwo auf einer Party zwischen Tür und Angel. Keine Ahnung - er hatte es vergessen.
Aber Basimas Lächeln blieb. Das hatte Werner gespeichert. Wenn er irgendwann diese Welt verlassen wird, dann wird es Basimas Lächeln sein, das er mitnimmt. Er glaubte, dass er Basima liebte.

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