Tage der Liebe

von Dagmar Herrmann
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Dieser Tag Anfang Oktober ist grau und trübe, vom Goldenen Oktober noch keine Spur. Der Himmel ist mit dicken Wolkendecken verhangen. Der Mann, der jetzt die Pappelallee auf der dem Festland vorgelagerten Weserinsel verläßt und die mit Büschen, Gräsern und Wildblumen bewachsene Inselspitze betritt, zieht seinen teuren Kaschmirschal enger um den Hals und knöpft sich die Jacke zu. Trotz des böigen, schon etwas kühlen Windes trägt er keine Kopfbedeckung. Einige Haarsträhnen des graumelierten vollen Haares werden von einer leichten Brise hochgeweht und flattern wie dünne Fäden in der Luft, die er jetzt mit einer lässigen Bewegung der rechten Hand glatt streicht. Die andere legt er schützend über die Augen, als die Sonne unverhofft einen hellen Lichtstrahl durch die Wolken schickt.
 
Die solide, saloppe Bekleidung, die Hose aus feinem Cord in einem trendigen dezenten Rotton, der gelb-braun-karierte Schal, das Herrensakko mit aufgesetzten, aber unnötigen Ellenbogenschonern lassen vermuten, dass er der gehobeneren gesellschaftlichen Klasse angehört.
Gerhard Dierbach gehört zu jenen sachbezogenen, unbestechlichen Intellektuellen, für die nur Fakten gelten. Er betrachtet die Dinge analytisch, er kann, oder er glaubt es zu können, der Verführung der oberflächlichen Betrachtungsweise widerstehen und das Wesentliche wahrnehmen. Weder Schönes noch Hässliches irritieren ihn. Die Vielfalt der Natur, das Wunder der Schöpfung schrumpfen vor seinem scharfen Verstand und seinem Röntgenblick zusammen, es bleibt nur die Struktur, sowie vom Menschen die reine Materie. So passt er in die Welt und hat es zu Ruhm und Ansehen gebracht.
 
Ihn hat es auf die Weserinsel verschlagen, da ihn seine schöne junge Frau Elise fortgeschickt hat, um in Ruhe einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen, dem Shoppen, frönen zu können. „Du wirst mir nur im Wege stehen und mir den Spaß verderben“, gab sie ihm Bescheid.
„Du kannst deinen üblichen hochfliegenden Gedankengängen nachhängen, während ich dein Geld zum Fenster hinauswerfe“, hatte sie humorvoll hinzugefügt.
„Die Insel dort drüben erscheint mir geradezu ideal für konsumfeindliche Ehemänner.“ 
 
Gerhard geht einige Schritte den eingetretenen Pfad entlang. Den schon herbstlich eingefärbten, leuchtenden Wildwuchs am Rande des Weges würdigt er keines Blickes, verharrt am Flussufer, um die Umgebung genauer zu betrachten: Links gegenüberliegend das Einkaufszentrum, vor ihm, wie er als Landratte nur vermuten kann, ein rotes Schifffahrtszeichen, eine Konstruktion aus Stahl in der Form eines Turmes, rechts der Flusslauf der Weser.
Da Ebbe ist, sind die groben Steinbrocken, die als Uferbefestigung dienen, zu sehen und dort, wo das Wasser abgelaufen ist, glänzend feucht und am oberen Rand moosbewachsen.
Er liebt es am Wasser zu sein, liebt Fluss, See und Meer, und die Tiefebene, die es dem Auge erlaubt, frei und ungehindert zu wandern, bis es erst am Horizont Begrenzung erfährt.  
 
Zwei Bänke laden zum Verweilen ein, doch Gerhard zieht es vor, sich am Rand der Uferböschung auf einem trockenen, geräumigen Stein niederzulassen. Zwischen den großen Gesteinsbrocken befinden sich kleinere Steine, von denen er nun eine Handvoll aufhebt und sie durch seine Finger hindurchrieseln läßt. Er ist mit einem Male zu Streichen aufgelegt und fühlt sich in seine lang zurückliegende Knabenzeit versetzt. So wie sie es früher als junge Burschen getan haben, holt er weit aus und wirft einen flachen Stein mit Schwung auf die unstete Wasseroberfläche. Es will nicht mehr so recht gelingen, schließlich ist er aus der Übung.
 
Die Sonne hat sich mittlerweile einen respektablen Platz zwischen den Wolkenbergen erkämpft. Gerhard sieht gedankenlos in das unaufhörliche Strömen des Flusses. Auf den spitzen kleinen Wellenkämmen bilden sich viele blitzende Lichtreflexe, größeren und klitzekleinen Sternen gleich. Nun schließt er die Augen zu einem Spalt, und aus den Tausenden flimmernden Lichtern wird ein einziger Funkenteppich, beinahe so undurchdringlich, dass der Fluss und die am anderen Ufer liegende Industrielandschaft vollständig verschwinden.
 
Plötzlich überfällt Gerhard, wie aus einem tiefen versunkenen Grab kommend, eine Erinnerung, die Erinnerung an Zeilen eines Liedes, das er einst geliebt und mit Inbrunst gesungen hat:
 
Hier hab ich so manches liebe Mal
mit meiner Laute gesessen …
er summt, der Text ist ihm entfallen,
… und unten brauste das ferne Wehr
und der Weser blitzende Welle …
und der Schluss ging:
Fahr wohl, fahr wohl du selige Zeit
Fahrt wohl, ihr Träume der Liebe.
 
Ihm ist, als schnüre sich die Kehle zu, aus ihr zwängt sich ohne sein Wollen ein dumpfer Laut, einer Wehklage gleich, er fühlt, wie aus seinem Herzen ein dunkles unkontrollierbares Gefühl emporsteigt, durch den Tränenkanal drängt und seine trockenen Augen mit Flüssigkeit benetzt. Langsam quillt die Träne über den Lidrand und hinterlässt eine feuchte Spur auf seinen Wangen, auf seiner gealterten, dünn gespannten Haut, und rinnt in den Mundwinkel. Er spürt den salzigen Geschmack auf der Zunge. Wie lange hat er schon keine einzige Träne mehr vergossen, es müssen Jahrzehnte her sein. Gerhard tastet mit der Hand der feuchten Spur nach und empfindet erstaunlicherweise eine Art Genugtuung.
 
„Ca va, mon bijou!“ holt ihn die Stimme seiner Frau Elise zurück, Elise im schicksten aller Chanelkostüme, beidseitig schwer beladen die Einkaufstüten schwenkend, die froh gestimmt über den Pfad auf ihn zukommt.
 
Gerhard weiß nicht, wie ihm geschieht, doch plötzlich ist es die Gestalt seiner ersten Frau Margarethe, seiner Jugendliebe, die sich ihm nähert, sieht, wie sie mit ihren schweren blonden Zöpfen auf ihn zueilt und sich in seine Arme wirft. Stunde um Stunde haben sie beide am Uferrand der Weser, Hand in Hand sich nicht loslassend, gesessen und von der gemeinsamen Zukunft geträumt. Es war nicht derselbe Ort, sondern weiter flussabwärts, auf einer Anhöhe. Zwei Jahrzehnte hat ihr Bund gehalten, dann waren ihre Träume zerschlagen und Margarethe ist mit den beiden Kindern einem anderen Mann nach Kanada gefolgt.
 
„Gerard!“ Elise spricht gerne französisch, sie hat in einer Nebenlinie französische Vorfahren, Hugenotten, worauf sie sehr stolz ist. „Qu'est-ce qui se passe?“
Jetzt erhebt sich Gerhard, geht ihr entgegen und nimmt sie zärtlich in den Arm.
„Wie ich sehe, warst du erfolgreich!“ neckt er sie, nimmt kurz entschlossen sein Taschentuch und wischt ihr behutsam, aber sorgfältig den Lippenstift ab. Dann küsst er sie voller Leidenschaft auf den Mund. Elise ist perplex, aber sehr angetan. Sie hakt sich unter, und eng umschlungen gehen sie den Weg zurück, beide in der freien Hand beladen mit Kaufhaustüten.

Unterwegs sieht er sie schräg von der Seite an und fragt: „Wollen wir die Klamotten nicht an jemanden verschenken, der sie nötiger hat?“
Elise ist von seinem Feuer angesteckt und antwortet aus vollem Herzen: „Ja, das machen wir.“

Gerhard ist so wohl und heiter. Er weiß jetzt, es muss sich etwas ändern.

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Kommentare

21. Mai 2015

Eine Geschichte mit Charme, weniger spannend, mehr verführend und fragend nach der eigenen Befindlichkeit