Der Käufer auf dem Flohmarkt - Page 9

Bild von Jurones
Mitglied

Seiten

Masten so scheev as den Schipper sien Been, To my hoo-dah! hoo-dah, hoo-dah ho!«
Singt großmütig Tim Käufer beim Vorbeifahren am Kiosk. Dabei zitiert er eine Weisheit aus einem Film, die gerade zu sehr passend und taktvoll wirkt:
»Wenn du fährst wie ein Blitz, wird es dich erwischen wie ein Donnerschlag!«
Wie ein Blitz kann er fahren und diese Fahrkunst kann jeder sehen. Jeder macht Fotos und Videos davon, was Tim Käufer macht. Diese Kehrmaschinen-Fahrt bringt ihn näher Richtung Rennfahrer als die Regionalmeisterschaft für Parkhaus-Wettrennen. Ersehnte Berühmtheit ist eine Macht, die die eigene Überzeugung und Mühe noch stärker macht. Aus Übermut und für die eigene Überzeugung fährt er in der 30er-Zone wesentlich schneller als erlaubt. Über der Tachoanzeige kann man die Schnelligkeit der Kehrmaschine nicht ermessen. Er kann mühelos die anderen Autos überholen und holt sich unterdessen große Freude ein. Unter 30 km/h fährt die Kehrmaschine launenhaft nicht, obwohl die Tachoanzeige diese Zahl anzeigt. Ein anderer Fußgänger ist aus allen Wolken gefallen und verwundert sagt er etwas:
»Was machst du da? – Hier darfst du nicht fahren … Es ist eine Straße, die nur für Autos und Motorräder gedacht ist! Wenn du auf der Arbeit bist, dann sollst du den Fußgängerweg reinigen und nicht die Straße!«
Schrie laut und bewusst der Mann, damit noch mehr Menschen dieses Wunder betrachten können.
»Leck mich am Arsch! Ich bin nicht bei der Arbeit … Mein Auto springt nicht an und ich bin auf dem Weg zur Arbeit!«
Vielleicht ist es ein Benzin-Rausch, der diese Sätze und Wörter für ihn absichtlich ausspricht. Bemerkenswert ist die Einsicht und Selbsterkenntnis, dass sich Tim andauernd so gut fühlt, wenn er mit der Kehrmaschine im Parkhaus rumfährt. Eine Rennfahrer-Karriere kann man sich dadurch aufbauen und noch bedenken, ob der Formel-1-Treibstoff ebenfalls solche Wirkungen erzeugen kann. Ein Feuerzeug muss schnell her, denn die Zigarette hat er vor vier Sekunden aufgeraucht und ohne das Rauchen würde er durchschnittlich und herkömmlich rüberkommen. Rüber auf die andere Straßenseite kutschiert Tim mit der Kehrmaschine. Krach und Lärm verursachen die leeren Benzinkanister und die Musik spielt unüberhörbar weiter. Absichtlich wechselt er die Straßenrichtung, damit ein Blitzer und eine Radarfalle diese Momentaufnahme für die Ewigkeit festhalten können. Mutwillig möchte Tim geblitzt werden, um zu erfahren, wie schnell die Kehrmaschine tatsächlich fahren kann! Auch möchte er hoffärtig sehen, wie er von außen aussieht und wie so ein Erscheinungsbild die Straße dominiert … Das Gaspedal hat er bis zum Anschlag getreten und den nächsten Geschwindigkeitsschub holt er kräftig aus der Kehrmaschine raus! Raus müssen die Benzinkanister und der Fahrradanhänger, damit das Gesamtgewicht reduziert werden kann. Viel schneller kann die Kehrmaschine fahren, das fühlt er außerordentlich und dennoch hat er Gewissensbisse, dass er den Fahrradanhänger mitgenommen hat … Mitgenommen fühlt er sich nicht, eher zielstrebig und überzeugend, dass die Kehrmaschine über 50 km/h schaffen kann! Fahren kann er gut, dies wird bestätigt, als er mit eigener Körperkraft versucht, die Kehrmaschine noch schneller zu beschleunigen. Irgendwelche seltsame Bewegungen macht er und es sieht so aus, als würde er versuchen, sich mit der Kehrmaschine zu paaren. Hin und her hüpft er an der Kehrmaschine und lehnt seinen Körper vorne und hinten an. Trotz der Zigarette im Mund sagt er deutlich und überheblich:
»Blitzer, ich komme!«
Ein Bußgeldbescheid wird sich künftig im Briefkasten aufhalten und diese Eilfertigkeit wird als Tempo- und Geschwindigkeitsüberschreitung bezeichnet. Nichts kann Tim Käufer aufhalten und das Blitz-Foto ist nun unverzüglich im Kasten! Diese Momentaufnahme wird die Bestätigung dafür sein, dass die Kehrmaschine ohne Fahrradanhänger und Benzinkanister sicherlich schneller fahren könnte. Wäre Tim Käufer nicht unter Zeitdruck, hätte eine Autobahn-Fahrt für reichlich mehr an Beliebtheit und Popularität gesorgt.
Unbesorgt wird er langsamer und fährt mit Schrittgeschwindigkeit weiter. Richtung Tankstelle, wo es überreichlich und reichhaltig Treibstoff gibt. Krach und Lärm machen die Benzinkanister nicht mehr und die Musik macht er willentlich leiser. Beim Rauchen schaut er sich vorsichtig und mit Bedacht um, ob ein Freund und Helfer zu sehen ist. Gesetzeshüter und die Herren in Grün sollen diese Arbeits-Wanderung nicht sehen und schon gar nicht Tims Spaziergang mit der Kehrmaschine beenden. Auf dem Fußgängerweg chauffiert er weiter vorwärts. Weiter möchte er nicht auffallen, sondern den Eindruck rüberbringen, dass er im Auftrag der Stadtreinigung den Fußweg reinigt. Nur die Kippe im Mund verrät ihn leidenschaftlich, dass er eben kein Staatsdiener und Behördenangestellter ist. Der Fußweg ist gut besucht und viele Menschen gehen den Weg entlang. Noch länger kann er nicht fahren, denn der Verbrennungsmotor verbrennt beim Fahren massenhaft Treibstoff. Viele Menschen marschieren auf dem Asphalt, und die Kehrmaschine durch die Menschenmenge vorbeizuschleusen, kann er nicht. Nicht ohne Grund gibt es einen Fahrradweg … Bedauerlicherweise befinden sich dort ebenfalls viele Passanten, die vor Erstaunen stehen bleiben. Einen anderen Weg kann er nicht finden und die Straße erneut zu befahren, wäre mit einem Risiko verbunden. Trotz der Angst ist sein Wille nicht geschrumpft und die Entscheidung, weiterzufahren, befolgt er gnadenlos. Los müssen die Menschen und die Strecke soll für die Kehrmaschine befahrbar sein.
»Bitte macht Platz! Die Stadtreinigung ist hier … Ich bin Beamter im gehobenen Dienst der Stadtreinigung! Bitte macht Platz …«
Aus Verständnis und Angst machen die Menschen den Weg unverzüglich frei. Seiner Kehrmaschine darf der Saft nicht ausgehen und auf das Beschleunigen muss er leider verzichten. Leider sind die Menschen sehr nachtragend, wenn sie ihre eigene Verwirrtheit zum Ausdruck bringen. Den Passanten passt es abgründig nicht, dass sich so ein Erscheinungsbild zeigen will. Die zurückgelegte Strecke ist von üblem Geruch erfüllt. Einatmen und in die Lunge einsaugen müssen die Passanten den CO2-Ausstoß. Aus irgendeinem Grund wird die Fahrtstrecke zutiefst gefährlich: Ein Streifenwagen der Polizei fährt vorbei! Dabei sind Blaulicht und Sirene nicht eingeschaltet. Zum Glück wird deren Fahrt nicht unterbrochen und die Polizei fährt ahnungslos weiter. Ohne Rücksicht und Beachtung fährt Tim Käufer großherzig die Straße entlang. Länger kann die Strecke nicht mehr werden und die Tankstelle ist schon fast zu sehen … Die Ampel schaltet auf Rot und bis es Grün wird, hat Tim Käufer noch Zeit. Diese launenhafte und kurze Weile nutzt er aus, damit

Lektor: Axel C. Englert

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise