Der Weihnachtskarton

Bild von Michelle Lüling
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Ich war den ganzen Tag an der großen Kreuzung der Einkaufsstraße. Hunderte Menschen sind an mir vorbei gelaufen, ein paar gaben mir Geld. Manche spukten vor mir auf den Boden, andere beschimpften mich. Ich nehme es ihnen nicht übel. Ich war mal genauso. Hab nie gedacht, in dieser Situation zu landen und habe geglaubt, dass diese Menschen selbst dran Schuld sind. Aber manchmal hat ein Mensch einfach zu viel Pech und erholt sich zu langsam von jedem einzelnen Schicksalsschlag, um das abwenden zu können, was ihn erwartet.

Meine Finger spüre ich nicht mehr und meine Füße fühlen sich an wie Eisklumpen. Etwas Warmes zu Essen wäre schön, aber ich hab keinen Campingkocher und die Leute, die regelmäßig Warmessen verteilen, kommt erst morgen. Zum Glück kann ich zu einem der Zelte gehen, die aufgestellt wurden. Hier kann ich einen Moment in der Wärme sitzen, etwas Essen und mich mit anderen unterhalten. Niemand schaut mich hier böse oder angewidert an oder versucht krampfhaft mich zu ignorieren. Hier bin ich einfach nur ein Mensch von vielen. Während ich mir die Suppe und das Brötchen schmecken lasse, wünschte ich mir, auch dieses Jahr würden Zelte stehen, in denen ich übernachten kann. Aber wegen Corona geht das nicht. Die Abstände können nicht eingehalten werden und die Luft würde nicht genug getauscht werden. Anstatt also uns der Gefahr auszusetzen, durch ein Virus zu sterben, lässt man uns lieber in der Kälte sterben. Manche von uns haben eine ausreichende Ausrüstung , um den Winter zu überleben, aber einige haben nicht das Glück. Ich hoffe, ich habe genug. Solange es nicht zu windig ist, sollte ich die Kälte nicht zu sehr in meinem Schlafsack spüren. Bald mache ich mich auf den Weg. Viele warten auf etwas zu Essen und eine Gelegenheit, sich aufzuwärmen. Jeder von uns bekommt nur eine halbe Stunde Zuflucht dort.

Ich gehe zu dem Eingang eines leerstehenden großen Kaufhauses. Hier liegt meine Matratze. Sie ist alt, schon mehrmals nass geworden, schimmelt schon lange von unten und wahrscheinlich auch schon im Innern, aber sie schützt mich ein wenig vor der Kälte. Mein Schlafsack ist eiskalt. Ich werd bald wieder neue Pappe brauchen, um die Matratze noch ein wenig von der Nässe und der Kälte zu schützen. Ich brauche bald einen Ersatz. Auf der Matratze steht ein Karton. Den hab ich nicht da gelassen. Ich schau mich um, sehe aber niemanden. In dem Karton sind Süßigkeiten. Ein Schokonikolaus. Außerdem Nüsse und Mandarinen. Dazwischen stecken zwei Zahnbürsten, eine Tube Zahnpasta, ein Handwärmer. Mir kommen die Tränen. Ich würde dem Menschen gerne danken, der mir dieses Geschenk gemacht hat. Ich bin den Menschen, die mir Geld geben, jeden Tag dankbar, aber das hier ist nochmal ein besonderes Zeichen. Hier hat sich jemand Arbeit gemacht, für mich. Ich weiß wohl, dass ich zu der untersten Ebene der Gesellschaft gehöre, zu der Ebene, mit der niemand etwas zu tun haben will, aber trotzdem hat jemand an mich gedacht. Es war wahrscheinlich einer der Menschen, die jeden Tag hier vorbeilaufen und mich hier manchmal schlafend sehen. Ich weine vor Freude, während ich vorsichtig den Nikolaus öffne und probiere. Es ist lange her, dass ich sowas das letzte mal hatte. In diesem Moment schmeckt es so gut und für einen Moment ist meine Welt wieder in Ordnung. Danke!

Eine Bekannte hat bei ihrem Gang durch die Stadt einen Karton gesehen. Er war gefüllt, wie manche die Schuhe oder eine Geschenktüte zu Nikolaus füllen. Der Karton stand auf dem Schlafplatz eines Obdachlosen. Ich habe mich gefragt, was der Beschenkte dann denkt. Ich hoffe, er freut sich und sein Tag wird besser.

Veröffentlicht / Quelle: 
https://gedankenspiele.art.blog/2020/12/15/der-weihnachtskarton/
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