Die Kunst in mir - Page 11

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Mit einem schwarzen Aktenkoffer in der Hand und einem schwarzen Anzug am Leib betritt Robert das Amtsgerichts-Gebäude, welches von innen noch größer und beachtlicher wirkt. Doch anscheinend schafft das Betreten und Eintreten noch eine andere Hürde, die sich allein durch das Reden und Schildern meistern lässt. Immerhin steht Robert vor der Einlasskontrolle, die zulässig und selbstredend ein Justizwachtmeister bewacht.
»Guten Morgen! – Mein Name ist Robert Grimm. Ich habe heute hier ein sehr wichtiges Gespräch.«
Verkündete freundlich Robert.
»Ja, sehe ich! – Und, was hast du angestellt? Geklaut oder dich geprügelt?«
Fragte wahrlich frech ein Justizwachtmeister, der sich hinter einer Glasscheibe versteckt.
»Nein, Herr Eris erwartet mich in fünf Minuten. – Heute habe ich hier ein Vorstellungsgespräch!«
Antwortete ansprechend Robert.
»Oh … Ich … Ja, bitte kommen Sie rein, Herr Grimm.«
Sagte eingeschüchtert der Justizwachtmeister, der die Einlasskontrolle noch durchführen muss.
»Haben Sie gefährliche Gegenstände bei sich? Führen Sie Messer, Waffen oder spitze Objekte mit?«
Erfragte der Justizwachtmeister.
»Nein!«
Reagierte Robert darauf.
»Was ist in dem Aktenkoffer?«
Stellte der Justizwachtmeister schüchtern seine Frage.
»Meine Unterlagen!«
Sprach stolz und beschwingt Robert, der geschwind durch die Einlasskontrolle laufen darf. Der Augenblick ist gekommen, und Robert hat soeben offiziell das Amtsgericht betreten.
»Herr Eris wird gleich kommen. – Ich werde ihm sagen, dass Sie hier sind, Herr Grimm.«
Redete heuchlerisch ein Justizwachtmeister, der mit Sicherheit und Gewissheit eine große Rolle in der Gesellschaft spielt. Nicht zu gesellig und anregend nimmt Robert auf einem Stuhl Platz, und betrachtet ohne Spannung und Sorge die Aussicht, die ersichtlich ein Amtsgericht durch seine Ernsthaftigkeit mit sich bringt. Viele besorgte Gesichte sind nicht vor Ort, bloß ein paar Menschen, die womöglich und anscheinend auf ihre Gerichtsanhörung warten. Ihr einhaltendes Schicksal, die gegebene Gerechtigkeit, sie liegen zweifellos in guten Händen, und problemlos wird Robert gleich ein Teil davon, was er aus der „Die Kunst in mir“-Maßnahme mitgenommen hat. In der Tat erscheint ein großer und kräftiger Kerl, der auf seinem Kopf eine Halbglatze vorweisen kann. Erfinderisch und einfallsreich muss Robert nicht werden, denn er ahnt, dass der Kerl eine boshafte und seriöse Art mit sich schleppt, die nur ein Gerichtspräsident oder auch das größte Zahnrad im System besitzen kann.
»Guten Morgen, Herr Grimm! – Mein Name ist Herr Eris!«
Rief wahnsinnig nett und freundlich der Gerichtspräsident namens Herr Eris, der nun Robert seine Hand zur Begrüßung entgegenstreckt.
»Hallo, Herr Eris! – Sie haben mich bestimmt erwartet?«
Fragte ebenfalls freundlich Herr Grimm, der seine Dummheit und Blödheit hinter dem Anzug versteckt.
»Natürlich haben wir alle auf Sie gewartet, Herr Grimm! – Gestern bekam ich einen spannenden Anruf von der Justiz-Geschäftsstelle, und mir wurde berichtet, dass wir einen Zuwachs für unsere behördliche Familie erhalten werden. Da sind Sie nun, Herr Grimm!«
Sprach begeistert Herr Eris, der keinesfalls ein Bösewicht in Roberts Abenteuer sein kann.
»Mensch, Herr Grimm! – Sie haben einen tollen Anzug an! Auch der Aktenkoffer ist spitzenmäßig! Wie sagt man so schön: Kleider machen Leute!«
Bemerkte Herr Eris, der selbstverständlich unwissend ist, dass auch die billigsten Textil-Geschäfte Anzüge verkaufen.
»Danke, Herr Eris!«
Erwiderte entzückt Robert, der versehentlich sein bescheidenes Lächeln zeigt.
»Mensch, Herr Grimm! – Sie sind ja noch so jung!«
Verkündete überrascht Herr Eris diese Tatsache.
»Die Arbeit ruft, Herr Eris!«
Sagte erfreut Robert, und freut sich, dass er diese Rolle so gut und ohne Verdächtigung verkörpern kann.
»Ganz, genau: Die Arbeit ruft! – Wir sollten Ihren Beamtenstatus, die Beamtenbesoldung und auch Ihr juristisches Einsatzgebiet bei mir im Büro besprechen.«
Schlug Herr Eris reizend vor, und überaus reizvoll fühlt sich der Justizwachtmeister, der das Gespräch aus der Weite voller Angst seines Versagens und der eigenen Frechheit wahrgenommen hat und momentan wahrnimmt, wie Robert und Herr Eris die Treppe hinaufsteigen. Es sind schon ein paar Treppenstufen, und ein paar Gedanken kann Robert durch seine künstlerische Darbietung begreifen, die eingreifend verdeutlichen, dass er, sollte er bei dieser Schauspielerei versagen, denselben Ort als Krimineller oder Verbrecher besuchen und als Knastinsasse verlassen wird. Sein Herzklopfen wird deutlicher, denn auch das Treppensteigen verlangt viel ab, und prickelnd erreichen die beiden bereits den dritten Stock, wo selbstverständlich einzig die Führungskräfte ihre wichtige und bedeutende Arbeit verrichten. An der Tür findet sich schon die erste einschüchternde Bestätigung, die bestätigend verrät: mit welchen Menschen Robert künftig in Kontakt stehen wird. Das auffallende und unübersehbare Schild an der Tür zeigt die zweite und hoffentlich letzte Einschüchterung, die Robert dort vorfinden wird: „Gerichtspräsident – Dr. jur. Uwe Eris“
»Da wären wir, Herr Grimm! – Hier ist mein Büro!«
Offenbarte zuvorkommend Herr Eris, der nachkommend Robert mit einem Handzeichen hereinbittet. Das Büro ist größer als Roberts 25-Quadratmeter-Wohnung, und schmückt sich mit vielen Auszeichnungen, Ehrungen, Urkunden und Diplomen, die eine Wand keinesfalls zu angeberisch oder zu hochnäsig auszeichnen. Ein langer Tisch, der eine mittlere Position im Raum gemütlich und bequem eingenommen hat, erstreckt sich über den ganzen Raum. Auf dem Tisch liegen wahnsinnig viele Papierstapel, die klarsinnig über ihre Arbeit und Tätigkeit plaudern.
»Mensch, Herr Grimm. – Wo kommen Sie her?«
Fragte Herr Eris auf eine ernste und auftretende Weise, die Robert zuvor nie bei ihm erlebt hat.
»Ich bin in Norderstedt geboren und habe mich hier festgesetzt.«
Antwortete ruhig und gelassen Robert, der fast schon seine Rolle bereuen will.
»Festgesetzt? Wie ein Seemann? – Und wo haben Sie ein juristisches Studium absolviert? Unser Norderstedt ist mit solchen Einrichtungen nicht beglückt.«
Erkundigte sich rasch Herr Eris.
»Mhm … Das war in Hamburg. An der Universität!«
Redete erfreut Robert, der durch seine Freundlichkeit eine lockere Stimmung erzeugen möchte.
»Gut. – War es die Fakultät für Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg, oder die ‚Bucerius Law School‘-Hochschule für Rechtswissenschaft?«
Vergewisserte sich Herr Eris.
»Ersteres!«
Sprach gedankenlos Robert Grimm.
»Die Universität also! – Unsere erste Rechtspflegerin Frau Fischer hat ihr Fachwissen vor Jahren bei derselben Institution erlangt. Wir sollten sie darüber in Kenntnis setzen, dass Sie hier sind. Sie wird sich bestimmt freuen, dass ihr dieselben Professoren hattet! – Die Kurzwahlnummer habe ich im Kopf!«
Verkündete Herr Eris, der seine alte Herzlichkeit vorzeigt, und vorzeigend zum Telefon greift.
»Nein, ich … Hier ist mein Lebenslauf, Herr Eris!«
Sagte leicht hektisch Robert, der aus seinem Aktenkoffer das besagte Dokument rausangelt.
»Stimmt! – Hätte ich beinah vergessen!«
Offenbarte Herr Eris seine

Lektor: Axel C. Englert

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