Die Kunst in mir - Page 9

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Raum unbeantwortet liegen: Wieso kommt die Dame zu spät?
»Meine Damen und Herren! – Willkommen in ‚Die Kunst in mir‘-Maßnahme. Auch wenn das Wort ‚Maßnahme‘ eine durchaus aggressive Bezeichnung hat und ihr alle solch ein Wort mit Sanktionen verbindet, möchte ich diese Gedanken von euch fortjagen. Schließlich ist es meine eigene Kunst: Menschen auf die richtige Bahn zu bringen; und es ist auch meine eigene Bereicherung, euch beizubringen, wie unsere Berufsleben aufgebaut ist.«
Erzählte hochmotiviert und ansprechend die Maßnahmen-Leiterin, die ihren Namen an die Kreidetafel schreibt.
»Mein Name ist Frau Brockenlauf; ich bin in Norderstedt geboren und habe vor vielen Jahren eine eigene Initiative ergriffen, die wundervollen Mut in euch erwecken kann. – Beginnen wir mit der Selbstbefragung! Was verbindet ihr mit folgenden Begriffen: Arbeit, Job, Gehalt, Chef, Beschäftigung, Anstellung, Bewerbungen, Referenzen, Feierabend, Mobbing, Urlaub, Gehaltsabrechnung, Überstunden, Lohnsteuer, Gage, Karriere, Vorstellungsgespräch, Arbeitskollegen, Beförderung, Kündigung, Werdegang?«
Befragte Frau Brockenlauf jeden Verstand und jede Fassungsgabe, und jeder nimmt verschiedene Überlegungen wahr, die wahrhaftig fast jeder Arbeitsloser mit negativen Gedanken ergreift.
»Ganz genau! – Die negative Ablehnung gegenüber Arbeit, denn Arbeit bedeutet in den meisten Fällen: Dulden, Ertragen und Leiden. Die Menschheitsgeschichte war stets von Arbeit und Aufgaben geprägt. Selbst der Urmensch war ein Jäger und Sammler, er hat im Laufe der Zeit weitere Arbeitsfelder gezeugt, die unsere Gegenwart stark prägen. Mag sein, dass früher das Überleben im Vordergrund stand, doch die heutige Veranschaulichung hat sich nicht geändert. Heute bedeutet das Überleben: Einer Arbeit nachgehen, um eine Wohnung finanzieren zu können; um Miete zahlen zu können; um Hunger und Durst stillen zu können; um finanzielle Freiheiten zu ermöglichen; um Urlaub zu machen und eines Tages als Rentner zu sterben. Arbeit ist eine allgemeine Gegenleistung, von der jeder Mensch profitiert; Arbeit ist eine Absicherung der durchstrukturierten Gemeinschaft, die nur dann funktioniert, wenn alle Zahnräder ineinandergreifen. Wir alle sind bloße Zahnräder, die in der Gesamtheit als Mechanismus fungieren. Und für den Mechanismus sind wir als Individuum gänzlich unbedeutend, immerhin haben wir eine Gemeinschaft aufgebaut, die nur auf Gegenleistung aus ist. – Eine Krankenschwester hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Menschen zu verpflegen und ihnen bei deren Krankheiten immer zur Seite zu stehen; ein Milchbauer versorgt das System mit Milch, die wir in einem beliebigen Laden kaufen können; ein Müllmann schleppt den Hausabfall ab; ein Kellner bringt unsere Bestellung zum Tisch; ein Richter sorgt für die Gerechtigkeit; eine Putzfrau sorgt dafür, dass wir in Sauberkeit leben; ein Klempner repariert den Haushalt; eine Jobcenter-Beraterin sagt dem nutzlosen Zahnrad, es solle die Nützlichkeit für das System aufbringen. Und dieser letzter Punkt ist entscheidend! Was passiert, wenn der Müllmann eines Tages seine Arbeit nicht antritt; was passiert, wenn eine Krankenschwester keine Lust auf ihre Arbeit hat; was passiert, wenn der Milchbauer seine Tätigkeit gänzlich auslässt; was passiert, wenn ein Kellner plötzlich keinen Bock auf seine Dienste hat; was passiert, wenn ein Richter eines Morgens nicht zur Arbeit erscheint; was geschieht mit uns, wenn eine Putzfrau plötzlich ihre Arbeit hinschmeißt; was passiert, wenn ein Klempner seinen Auftrag nicht annimmt?«
Erklärte Frau Brockenlauf, die in manchen Punkten recht hat, und es tritt die pünktliche und gewollte Pause ein, bei der jeder gewollt nachdenkt.
»Die nächste Befragung folgt jetzt! – Was verbindet ihr mit folgenden Begriffen: Kunst, Freiheit, Neigung, Improvisation, Freundschaft, Talent, Ideenreichtum, Liebe, Seelenfrieden, Schaffensdrang, Interesse, Erfindungsgabe, Freude, Kreativität, Begabung, Einfallsreichtum, Unabhängigkeit, Schöpfertum, Fantasie? – Arbeit! Diese schöne Begriffe lassen sich hervorragend mit der Arbeit verbinden! Der gesellschaftliche Mechanismus bietet viele Zahnräder an, die man sich beliebig aussuchen kann! Das Leben ist bloß eine Bühne, wo man sich jedes Zahnrad aussuchen kann, das man besetzen möchte. Dafür braucht man Mut: um das sein zu können, was man nur als Rolle ansieht. Die Gemeinschaft bietet alles an, was die Seele begehrt! Was bewegt einen Dichter zum Schreiben; wieso singen die Menschen; weshalb gibt es Filme und Literatur; wieso malen wir Bilder, die für die Ewigkeit bestimmt sind; warum gibt es Menschen, die als Künstler in die Geschichte eingegangen sind; wieso wollen wir mehr, wenn wir doch alles haben? – Die Frage lautet, weil es unsere Bestimmung ist: die Kunst in uns zu entdecken, die wir alle in uns tragen, und Mut zu zeigen, der hoch genug zum Fliegen ist! Denn den Hochmut erkennen wir erst dann, wenn wir gefallen sind. Erst wenn wir mit unseren Kräften am Ende sind, sind wir da gelandet, wo uns der Hochmut getrieben hat. Doch der Fall kann ewig dauern, und bis dahin wird unser Stand nicht eingesehen und wir bleiben unbesiegbar. Der Hochmut verleiht uns nicht nur großartige Ideen, Denkweisen oder Ziele, sondern auch Mut, etwas zu wagen, was wir aus eigener Kraft nicht schaffen können. Nun, jetzt kommt der Punkt, wo das Können nicht mit unseren Augen beurteilt wird. Die Behauptung, dass man etwas kann oder nicht kann, wird später durch Dritte angesehen und entsprechend aufgestellt. Das heißt, dass unser Können mit anderen verglichen wird. Nicht unser Handeln führt uns zum direkten Fall, sondern die Meinung der Anderen lässt alles als eine Erleuchtung erscheinen. So grenzenlos sollten wir mit Hochmut und Fantasie durchs Leben gehen, dass eines Tages die Menschen zu uns aufschauen und glauben werden, dass wir mutig sind!«

Noch am selben Tag sind die nachprüfbaren und nachvollziehbaren Gedanken nicht wegzudenken, denn der Weg des Denkens hat bei Robert eine völlig andere und neue Fährte eingeschlagen, die schlagend von der „Die Kunst in mir“-Maßnahme herkam. Und so herkömmlich und gebräuchlich war Frau Brockenlauf keinesfalls, sondern sie blieb in Roberts Gedächtnis als etwas Merkwürdiges und Sonderbares liegen. – Sonderbar kann dagegen Roberts 25-Quadratmeter-Wohnung nicht sein, denn als Nichtsnutz und Nichtstuer haben Roberts Mut und seine Kunst es zu nichts gebracht, und angeberisch blieben nur noch die Träume und Ideen liegen, die keine Gelegenheitsjobs mehr ertragen können. Die abgetragenen und alten Schuhe platzierte Robert neben seinem alten Sperrmüll-Bett, das genauso wie all die anderen Möbelstücke aus dem Sperrmüll auserwählt und herausgeangelt wurde. Auf dem Tisch steht noch die unberührte und warme Mahlzeit, die aus der „Tafel“-Hilfsorganisation angeschafft wurde. Neben der Mahlzeit liegt Roberts Eignungstest, den er sich von Frau Kiefereisen erbeutet und ergattert

Lektor: Axel C. Englert

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