Die zerrissene Hose

Bild von Gerfried Bedenkirch
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DER GEISTIGE BRANDSTIFTER (Dies ist eine wahre Geschichte)

Aus meiner Jugend ist mir vor allem im Gedächtnis geblieben, wie sehr ich von den anderen Kindern gehänselt und, heute würde man sagen, gemobbt wurde. Prügel habe ich dutzendfach bezogen. Das hatte verschiedene Gründe.

Zum einen brachte ich einen breiten schwäbischen Akzent mit nach Köln. Und dann hatte ich die alten Klamotten des Vaters aufzutragen. Seine speckigen Cordhosen, leider auch seine Schuhe, mir etwas zu groß, was ich schon zur damaligen Zeit für eine billige Metapher hielt (in den zu großen Schuhen des Vaters wandeln müssen), und seine Hemden. Ich war von der gütigen Großmutter, bei der ich von meinem 4. Lebensjahr an gelebt hatte, mit 11 Jahren vom Vater angefordert worden, der jetzt mit seiner zweiten Frau nahe Köln lebte. So ging es vom Bodensee an den Rhein.

Man kann denken: Ein Junge, der, sicherlich nur der jämmerlichen Armut geschuldet, Vaters Sachen auftragen musste. Weit gefehlt. Vater pflegte zu sagen: Was ich beim WDR als Chef-Dirigent verdiene? Jeden Monat einen gediegenen Mittelklasse-Wagen. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen, sagte aber zu einem Schüler: Mehrere Mille hat er schon, jeden Monat. Dafür wurde ich entsetzlich geprügelt. Warum? Dieser Junge wusste nicht, dass „Mille“ einfach nur tausend bedeutet. Er dachte, ich hätte da von Millionen gesprochen. Und angesichts meiner peinlichen Kleidung konnte das doch einfach nicht stimmen. Ha, der schlecht gekleidete Schlaks dort, in der unmöglichen Hose und den peinlichen Schuhen mit den Sohlen aus Gummireifen, weil ich meine Unart nicht lassen konnte, beim Gehen die Schuhspitzen extrem abzuledern. Diese Unsitte, falsch zu gehen, habe ich bis heute beibehalten. Alle meine Schuhe werden vorne extrem in Mitleidenschaft gezogen. Mein Vater ließ einfach Autoreifen, wenn man so will, „aufziehen“. All das, zusammengenommen, eine entsetzliche Spange, ein total verpickeltes Gesicht und der tapsig-schlurfende Gang, er ließ mich tausend Feinde besitzen, bereits in sehr jungen Jahren. Immer der Außenseiter, nie gehörte ich dazu. Wenn einer in Köln zum Nebenmann sagt: „Woischd, ebbed hädd mie a Mugg gschdocha...“, dann muss er sich nicht wundern, wenn er zur Antwort erhält: „Disch stisch glisch noch jett janz angisches, do Halfjehang, do...“ - und noch dazu eine auf die Nase erhält. Sehr oft gab es Prügel für den verweichlichten Kerl vom Bodensee. Und der behauptet, einen so gut verdienenden Vater zu haben?

Vater schrie oft, wenn die Familie sich in der Öffentlichkeit zeigte: „Schlurf nicht so. Heb die Füße, Bursche! Geh normal!“ Doch ich machte das schon aus reinem und völlig uneinsichtigem Trotz heraus. In der Öffentlichkeit konnte mich der Irre nicht durchprügeln. Das wusste ich. Zuhause mochte ich mal wieder Prügel erhalten. Im Park aber, auf der Straße, in der Gasse, da war ich sicher vor ihm. Ich schlurfte so, wie ich es immer tat. Und mein Vater hasste mich. Intensiv. Sicher wusste er, die Autoreifen würden die Klassenkameraden gegen mich aufbringen. Das war seine Art, mir „Benehmen beizubiegen, mit harter, unnachgiebiger und gestrenger Hand“, wie er sich gern auszudrücken pflegte.

Die Schuhspitzen so abzustoßen, immerzu so zu schlurfen, war die Basis für den Vater, mich so sehr zu hassen. Es war ja nur ein winziges Detail, aber genau dies machte den Wahnsinn unserer Beziehung aus. Er hasste mich, weil ich niemals in der Lage war, die Schuhe länger als 6 Monate zu tragen, ohne die Spitzen, wieder einmal, abzutragen. Der Wahnsinnige stellte sich vor dem inneren Auge wohl sehr genüsslich vor, wie ich von den anderen gehänselt und bemitleidet wurde. Ihm langte das als Strafe, wohl wissend: Ich hatte keine Handhabe ihm gegenüber. Wehren? In seinem Palast? Ich? Niemals. Er wusste um seine Macht. Und er düpierte mich, der Mann strafte mich in einer Tour. Auch mit diesen Autoreifen-Sohlen. Dass der Gang dabei entsetzlich litt, alles andere als normal aussah, war ihm, verzeihen Sie bitte, so richtig scheißegal. Ich denke, mein Vater kümmerte sich um keines Menschen Sorge, Not oder Kummer. Es war nur eines wichtig: Sein Ego, seine Reputation, seine mehr als eigenartige Sicht der Dinge. Mich beaufsichtigte er, wo immer es ging, mich hielt er teuflisch kurz, wo immer es ging. Ich bekam ein lächerliches Taschengeld.

Doch, leider, dem war so. Ich erhielt das geringste Taschengeld aller Jugendlichen. Mein Milchgeld war auf den Pfennig genau abgezählt, neues Spielzeug gab es nur für die anderen Kinder, nicht für mich. Nie habe ich einen geizigeren Menschen als meinen Vater kennengelernt. Ich erinnere mich, dass er für seinen Denicotea-Filter in der Zigarettenspitze einmal „Ein Stück Toilettenpapier“ von mir verlangte. Ich brachte gleich 3. Da schlug der Choleriker mich blutig, quer durch den Raum. „Weißt du denn überhaupt, was so eine Rolle Toilettenpapier mich kostet? Die nächste Rolle bezahlst du, ich ziehe es dir vom Taschengeld ab!“ Die Strafen waren drakonisch. Ich musste seine Schuhe „wienern“, nicht nur putzen. Ich hatte mit einer kleinen Bartschere die Rasenkanten zu schneiden, ich musste oft stundenlang auf den Knien Dachboden und Rumpelkammer putzen, die Garage aufräumen oder Gartenarbeit verrichten.

Teebeutel wurden doppelt genutzt. Es gab nur Margarine, niemals Butter. Der Mann geizte bei allem, was man sich nur denken kann. Es war ihm so anerzogen worden. Von zuhause kannte er es nicht anders. Mein Vater war auch privat ganz Dirigent. Er herrschte despotisch über den Haushalt und „sein Volk“. Alle und jeder mussten sich ihm unterordnen. Und wehe, es gab Widerworte und Gehorsam-Verweigerung. Der Gürtel, die Faust oder derbe Maulschellen - schlimmer war für mich die Verachtung, die mein Vater mir entgegenbrachte. Er zeigte unausgesetzt, wie jämmerlich ich in seinen Augen war.

In den frühen 60ern des vergangenen Jahrhunderts war eine Lernschwäche, so ein Autismus, wie er heute bekannt ist, ganz einfach „Faulheit“. Basta. Also gab es nur noch mehr Drangsal und Bitternis, noch mehr Druck und Hass.

Früh kam ich auf allerlei Tricks, um mein schreckliches Schicksal zu lindern. Vater war nichts so wichtig wie die Meinung der anderen. Wir lebten in einem großen Haus und hatten einen großen Garten. Nach außen bastelte der Despot an der glücklichen Bilderbuch-Familie. Sehr junge Frau, 2 Kinder. Der Erstgeborene, 12 Jahre, später geborenes Mädchen, 6 Monate alt. Die Ehefrau? Kaum 30.

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Kommentare

21. Sep 2020

Ein fesselnder Bericht, der fast unglaublich erscheint.
Aber wie es scheint - und wie Du dich ausdrückst -
bist Du nach IHM ein starker Mann geworden.

Viele Grüsse aus Schweden
Willi

21. Sep 2020

Mit sich im Reinen und Vergangenes vergangen sein lassen, denn selbst in der Gegenwart kann man trotz Zweisamkeit mitunter recht allein sein. Sich einprägsame Kindheitserinnerungen hervorzurufen - nun im Laufe der Jahre verblassend weniger und es ist gut so!

LG Uschi

22. Sep 2020

Ihr Lieben,

nach Schweden und nach Österreich die herzlichsten Grüße.
Die empathischen Kommentare haben mein Herz erreicht. In
jedem Fall darf ich sagen, dass mich die Niederschrift viele
Nerven gekostet hat. Es sollte, wie Uschi schon meinte, ein
Abschluss gefunden werden. Nach der Veröffentlichung habe
ich gute 3 Tage zum Sammeln gebraucht.

Ja, es ist in der Tat alles so passiert. Und das kann auch
leicht überprüft werden anhand all der Fakten, die ich in
der Geschichte lieferte. Grausame Erinnerungen. Heute
bin ich darüber hinweg. Aber auch erst seit dem Tod des
ungeliebten Vaters. Mutter lebt noch, ist 90 Jahre alt. Bei
der Frage: Fühle ich mich schuldig? kann ich sagen: Es
nagte gute 3 Jahrzehnte an mir, bis ich dann loslassen
konnte. Vater war stets sehr gut versichert. Sogar seine
Hände waren hoch versichert (begnadeter Pianist!), im
Vertrag die Auflagen: Weder Skifahren noch Autorennen,
kein Fallschirmsprung und niemals auf Berge klettern.

Finanziell hat er den Brand also gut gestemmt. Es ist
niemand zu Schaden gekommen (ich brach mir einen
Arm beim Sturz). Was ich zum Ausdruck bringen
wollte, was dies: Geistige Brandstifter können den
Willen brechen, einen jungen Geist niederknüppeln,
bis er dann ausbricht und mittels einer Verzweiflungs-
Tat wild um Hilfe brüllt. Nach meiner Tat konnte mich
der Despot irgendwie "nicht mehr erreichen". Fazit:

Aus solchen Tragödien heraus entstehen entweder
Brände oder Morde. Ich hätte auch töten können...

Ich brauchte 11 Therapeuten in insgesamt 32 J.,
zog permanent um, unruhig, umtriebig, unstet.
Jetzt geht es etwas besser, aber aufgrund der
Bindungsunfähigkeit extrem einsam und allein.

Grüße Euch herzlich, es hat so gut getan, von
Euch zu hören, und Euer Mitgefühl zu haben.

Gerfried

22. Sep 2020

Nun lieber Gerfried
so musste ich doch nochmal hierher schauen ;-)))

Weißt Du, ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen, sie war es die mich geprägt hat und viele viele Jahre mein absoluter Lebensmensch war - es vergeht kein einziger Tag an dem ich nicht voller Dankbarkeit an sie denke. Niemals ein lautes Wort es ging alles mit unendlicher Liebe und großartigem Verständnis für die junge Seele - die doch so verletzlich und noch so formbar ist!
Ich kann mich daher in Dich so gut hineinversetzen.

Ich schreibe erst seit etwas über drei Jahren, wusste ich doch bislang überhaupt nichts von meinen 'verborgenen Talenten'. Durch einen Zufall erzählte mir meine Tante (heuer 94), dass meine Großmutter ebenfalls gedichtet hatte - eigentlich eigenartig, denn als Kind wusste ich davon nichts....
Mein Schreiben, zumeist in Reimform doch gelegentlich auch 'Ungereimtes' ;-))) wenngleich viele meine Lyrik als zu lyrisch empfinden und einige meinen, meine Prosa sei zu prosaisch - ich muss meinen Weg gehen, den ich gehen muss!

Seit dieser Zeit wurde, wie von unsichtbarer Hand anscheinend, in meinem Innersten ein Tor geöffnet und die Verse strömen nur so durch ;-)) Ich schreibe immer aus dem Herzen und könnte es gar nicht anders, vielleicht doch irgendwie eine erbliche 'Vorbelastung' anscheinend.

Und eines noch, mein Kommentar hat mit Mitgefühl so gar nichts zu tun, es war nur einfach ein 'In-Dich-Hineindenken' wenn Du so möchtest, da wir vieles in unserer Kindheit anscheinend ähnlich empfanden.

Liebe Grüße in Deinen Abend,
verzeih mir die nochmalige Klarstellung meiner Worte an Dich!
Uschi

25. Sep 2020

Vielen Dank für die Klarstellung, liebe Uschi.
Da sind wir beiden von Großmüttern versorgt
und aufgezogen worden, wissen also, wieviel
Liebe Großmütter zu geben haben. Danke in
jeder Hinsicht für Deine Klarstellung. Da hab
ich falsch gelegen.

Erstaunlich, dass Du erst seit 3 Jahren den
guten alten Pegasus gesattelt hast. Meine
Hochachtung. In dieser Zeit reifte eine gute
und äußerst talentierte Schriftstellerin heran.

Weiterhin viel Glück auf Deinem Weg. Gruß,

Gerfried

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