Durch die Straßen Istanbuls

Bild von theowleman
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Straßenhändler dominieren den Platz. Immer zum Sprung bereit stehen sie in den Türen ihrer Läden und mustern die Menge. Sie geben dieser Stadt Leben. Man möge glauben, sie verleihen dem Ganzen erst seine Originalität. Sie legitimieren das Dasein. Das ist klar. Alte Männer in schwarzen Mänteln sitzen dicht gedrängt beisammen. Zwischen ihren Füßen steht ein Gläschen, gefüllt mit hellroter Flüssigkeit. Schwarztee. Das Lebenselixier des Orients. Tiefe Falten zieren ihre greisen Wangen. Viel Zeit ist schon vergangen hier. Die Blicke gelten den vorbeiströmenden Menschenmassen. Eine ungeheuerliche Zahl an Beinen bahnt sich ihren Weg. Hier und da halten die alten Männer inne und lassen das Gespräch ruhen. Träge richten sie ihre Köpfe beiseite und fallen in Trance. Viel Später erst folgt unverständnisvolles Kopfschütteln. Was wollen all diese Menschen hier? Was suchen sie? Der süße Geruch von Fruchttabak betört meine Sinne. Er strömt aus allen Richtungen herbei. Die Quelle ist mir unbekannt. Sofort denke ich an Weihnachten. Nur die Jahreszeit irritiert. In den Seitengassen wohnt das Leid. Katzen huschen vorüber und fressen Abfälle aus den Pfützen. Wasserpfeifen dampfen unbeeindruckt vor sich hin. Emsige Laufburschen wuseln zwischen den Touristen und Tagelöhnern hindurch. Ihre Geschäfte drängen. Die Ware muss abgeliefert werden. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ordnung muss ein, selbst hier. Der Bauch muss also warten. Eishändler mit stattlichen Schnurrbärten klimpern mit ihren Löffeln an die gekühlten Vitrinen. So verführerisch wie die Melodien ist wahrscheinlich auch ihr Eis. Ein kleines Straßenmädchen läuft neben mir her. Trotz ihrer kräftigen schwarzen Haare kann ich den Dreck sehen, der an ihrem Nacken klebt. Ich werde vorsichtig. Es hält mir ihr Schälchen entgegen. Sie sagt etwas. Wir verstehen uns nicht. Ich überlege kurz, ehe ich es schaffe meine Wasserflasche aus dem Rucksack hervorzukramen. Ich hole die halbvolle Wasserflasche ans Tageslicht. Ein Stück Gebäck und Bonbons sind auch dabei. Sachte drücke ich es ihr in die Hand. Ihre Haut glüht. Kein Lächeln. Nichts. Weil ich ihr kein Geld gebe, dreht sie ab. Sie hat genug von mir. Wenn man so den Bazar entlangläuft, dann kann man zwischen den Zäunen hindurch in die Hinterhöfe blicken. Dort stapelt sich Müll. Ein Meer aus Plastik. Abfall so wunderschön verstreut, es könnte Kunst sein. Rostiger Staub an den Dachrinnen. Die Sonne ist zu stark hier. Das Holz blättert bereits. Warum räumt es keiner weg? Was will ich hier eigentlich? In vielen Regalen sieht man ein Bild von einem Staatsmann. Er trägt einen weißen Schnurrbart. Ein großer Mann. Seine Präsenz ist absolut. Er wacht über die Stadt. Einer muss ja aufpassen. So viele Eindrücke. Der Muezzin beschwört von oben herab. Sein Gesang zieht mich an. Mystik und Schönheit liegen in seinem Schrei. Sein Echo hallt durch jeden Winkel. Ich werde langsam müde. Rötliche Abenddämmerung mischt sich mit den Schatten der Hauswände. In meinem Kopf schwirrt es, auch Schwindel kommt auf. Dieser Ort strengt mich an.

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