Ein Abend mit Chopin

Bild von Sonja
Mitglied

Es ist Abend geworden. Hinter den Bergen verschwinden die letzten roten Sonnenstrahlen und leichter Wind lässt mich frösteln. Jetzt in der Zeit der Pandemie, in der Besuche selten sind, sitze ich nachdenklich in meinem Zimmer. Wie wird dieses Jahr weitergehen? Die vergangenen Monate sind planlos verstrichen. Ich sehe mich in meinem gemütlich eingerichteten Raum um, in dem in langen Bücherregalen, nicht sehr ordentlich aneinandergereiht, meine Bücher stehen. Neben Seneca, dem römischen Philosophen, sind dazwischengeschoben, Sachbücher über Kultur und Musik. Ich sagte ja schon, meine Regale haben keine Ordnung. Das bunte Durcheinander fasziniert mich immer wieder. Nichts ist für mich langweiliger, als nach Autoren oder Genres geordnet, Bücherrücken zu lesen. Neugierige Spannung ergreift mich, wenn ich ein Buch entdecke, das ich längst vergessen habe. Und genau das passiert mir gerade.
Etwas nach hinten geschoben fällt mir ein mittelgroßes, glänzendes Buch ins Auge. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen um das Buch zu erreichen. Mist! Ich bin nicht groß genug. So hole ich mir einen Stuhl, strecke meine Hand aus und ziehe es aus dem Dunkel des Regals hervor. Verblüfft starre ich den Umschlag an. Ich halte Chopin in meinen Händen. Fryderyc Chopin, dessen Klaviermusik all die Sehnsucht ausdrückt, die ich so oft empfinde. Während ich sein Portrait still betrachte, summt in meinem Kopf sein Waltz in B Moll, ….Fis, G, Fis, Cis, D, H, Ais…..Der Walzer lässt mich nicht los. Traumbilder aus meiner Heimat steigen in mir auf, die Melodie des Walzers wird lauter und lauter in meinem Ohr. Mit seiner Musik, die wie von Geisterhand in mich eindringt, sehe ich die Bukowina vor mir. Schöne Bukowina, meine Seelenheimat, das Land, das in der Erinnerung vor mir steht, auch wenn ich heute dort eine Fremde bin. Vor drei Generationen hat meine Familie das Land verlassen auf der Suche nach Beständigkeit und Wohlstand, geblieben ist mir nur mein Familienname, DWORZAK, polnisch geschrieben, den ich stolz trage. Diejenigen Verwandten, die im heutigen Rumänien blieben, sind mittlerweile verstorben.
Chopin, ich hatte doch ein Notenbuch mit seinen Klavierstücken. Ein Stapel alter Noten liegt auf meinem schwarzen Hofmann Klavier, das kurz nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie gebaut wurde. Mit der Hand wische ich den Staub vom Deckblatt des ersten Stapels und verteile die einzelnen Notenbücher. Hier ist es! Erleichtert schlage die erste Seite auf und studiere das Inhaltsverzeichnis. Seite fünfzehn. Ungeduldig blättere ich um, öffne den Deckel des Klaviers und halte inne. Ich ziehe den Hocker heran, als mich plötzlich kalter Schauer erfasst. Ich habe das Gefühl, als säße jemand neben mir. Ein Blick nach links, …da ist nichts! Wieder streift mich ein Windhauch, meine Finger sind kalt. Bevor ich ansetze zu spielen, reibe ich meine Hände. Moderato steht da, als wenn ich es nicht wüßte. Fis, G, Fis, Cis, D, H, Ais….. !
"Gefühlvoll ,nimm das Pedal, mach den Klang sehnsuchtsvoll, lauter werden, leise schweben"´, flüsternde Worte begleiten mein Spiel. Meine Sinne scheinen mir einen Streich zu spielen. Fryderyc spricht mir vor, wie ich spielen soll. Ich verhasple mich, einmal die vielen B, dann wieder vier Kreuz, Pedal, lauter, leise, ich wiege mich zum Spiel und höre die Klangfarben des Walzers. Mein Anspannung verfliegt, während ich die Wiederholungen spiele. "Und jetzt, …con anima…., ich glaube, ich spinne! Als ob eine Hand sich auf meinen Arm sanft läge, ….ritardando, langsamer, und schau…geh mit mit dem Tempo, lauter, leiser ,wieg dich im Walzertempo! "
Ich spiele fern der Realität, die Klänge bezaubern mich. Chopin lächelt, als ich zu den letzten Takten komme ....calando e diminuendo….Seine Einflüsterungen werden leiser und leiser und mit dem letzten Ton ist es still. In Zeitlupe ziehe ich die Hände von den Tasten weg. Mein Kopf schwirrt vom Nachhall der Musik. Ich fühle mich unendlich befreit, Wärme durchflutet meinen ganzen Körper.
Ein schrilles Klingeln reißt mich aus der Phantasie und stört meine Ruhe. Verdammtes Handy, warum habe ich es nicht stumm geschaltet. Weg ist die Illusion!

Auf youtube kann man sich den Waltz in B Moll anhören!

Video:

Mehr von Sonja Dworzak lesen

Interne Verweise

Kommentare

26. Mär 2021

Liebe Sonja,

Ich habe mich mittragen lassen von den schönen Klängen während ich gelesen...
Als selbst klavierspielend, konnte ich mich so gut hineinfügen in Deine so bezaubernde Geschichte!
Hab Dank fürs Teilen und Lesenlassen hier!

Liebe Grüße in Deinen Abend,
Uschi

26. Mär 2021

Liebe Uschi!
Ich danke Dir recht herzlich für deinen lieben Kommentar. Weisst Du, am liebsten spiele ich Schubert und Chopin. Bei beiden fühle ich mich so richtig zuhause.
Ich wünsche Dir eine gute Nacht und ein schönes Wochenende mit Zeitumstellung.
Herzliche Grüße
Sonja