Eine kleine Rechnung

Bild von theowleman
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Herr Martin ist neulich Millionär geworden. Genauer gesagt hatte er nun 2 Millionen bekommen. Ein alter Großonkel hatte ihn beerbt. Völlig unerwartet. Was tun mit so viel Geld? Ein Haus bauen? Eine Weltreise machen? Anlegen? All das waren die Vorschläge von Herrn Martins Freunde gewesen. Er selbst aber, seit der Grundschule ein schlauer Rechenkönig, hatte eine andere Idee. Das Geld arbeiten lassen, wusste er, muss ein trivialer Prozess sein. Ähnlich wie Klo putzen.
Also nahm sich Herr Martin von seiner Arbeit frei und setze sich zum Computer. Er tippte die Seite eines jungen Limonadenproduzenten ein. Ein vollständig befüllter Getränkeautomat in der DeLuxe Ausführung kostete 1000 Euro. Er nahm sich 2000 Stück. Später fuhr er die Maschinen mit dem alten Lastwagen in seine Werkstatt. Es kostete Herrn Martin 1 Jahr und 35 Tage jeden einzelnen Automaten mit einer fehlerhaften Software zu programmieren. Das Besondere an dem Fehler im Programm war folgendes: Jeder 50igste durstleidende Mensch würde 1 Euro in die Maschine einwerfen, aber die Maschine würde die Münze schlucken. Den Knopf mit der Bezeichnung „Automatenstörung“ wechselte er mit einem GPS gesteuerten Signalknopf aus. Somit würde er immer, wenn eine Münze verschluckt wurde, eine SMS bekommen. Zur Vorsicht hinterließ Herr Martin, der stets ein bedachter Mensch war, eine Telefonnummer einer vermeintlichen Störungshotline groß aufgedruckt auf der Frontseide jedes Automaten. Würde aber ein Betrogener die Nummer wählen, so würde er im Büro eines pakistanischen Klobesenfabrikanten landen. Zur Sicherheit schrieb er auch hier ein Programm, sodass jedes Monat die aktuelle Telefonnummer mit einer Zufallsauswahl des Online-Telefonbuches für das Nördliche China ausgewechselt wurde.
Als Herr Martin jeden Automaten planmäßig fertig konfiguriert hatte, fuhr er im ganzen Land herum und stellte seine Automaten auf. Ob Schwimmbad, Ärztewartezimmer, Pausenräume, Schulen, Konzerte, Festivals oder Bahnhöfe. Überall standen seine Automaten ganz unscheinbar da, als gehörten sie selbstverständlich dort hin. Als dies erledigt war, setze sich Herr Martin auf die Couch und legte ein Nickerchen ein. Wieder erwacht, sinnierte er: Wenn bei jedem Automat durchschnittlich in jedem Jahr 1500 Personen etwas einwerfen, dann würde ich pro Automat 30 Euro Gewinn nur für die Fehlwürfe erhalten. Bei 2000 Automaten insgesamt macht das 60.000 im Jahr. Herr Martin nickte zufrieden und ging duschen.

Herr Martin war voriges Jahr 30 geworden. Wenn er das ganze Spiel mit den gezinkten Automaten 40 Jahre lang durchziehen wollte, dann würde er mit 80 Summa Summarum mit seinem Geschäftsmodell 3 Millionen Euro erwirtschaften. Die Kosten der Standmieten, des Stromes, der Reparaturen und die Fahrtkosten zu den Automaten würden durch den legalen Gewinn erwirtschaftet werden, der im Getränkepreis eingerechnet ist.

Was macht dann Herr Martin wieder mit seiner gewonnen Millionen? Ist er dann nicht zu alt, um das Leben noch zu genießen?
Herr Martin wäre froh, wenn ihm die Schelmerei aufgehen würde.

Herr Martin Junior soll nämlich auch ein Getränkehändler werden.

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