Ilhan und die Wüste

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Seitdem sein Vater gestorben war, gehörte Ilhan nun der gesamte Hof. Alles, was er seit Kindesbeinen auf der Welt kannte, war nun sein Besitz geworden und fügte sich seinen schaffenden Händen. Die spitzen Hacken, die rostigen Schaufeln, die Säcke aus kratzender Jute sowie der träge Esel und allerlei sonstiger Unrat gehorchten seither nur noch seinem Willen. Sein Stolz schien ungebrochen. Auf dem Weg zum lehmigen Brunnen, bemerkte er, dass selbst das braune Wasser daraus nun Sein geworden ist. Ilhan schöpfte mit einer gewissen schläfrigen Dumpfheit die kostbare Flüssigkeit in die Keramikschüssel. Wie schön doch der Sand im Wasser glänzte, wenn sich die ersten Sonnenstrahlen des Morgens im Schälchen begrüßten. Ilhan wusste, heute würde ein guter Tag werden. Eifrig zog er Akazienäste aus dem Verschlag neben dem Haus hervor und brach sie in zwei gleich große Stücke. Vorsichtig fütterte er den Ofen in der Hütte. Die ungebrannten Ziegel arbeiteten sichtlich unter der Glut und die Wärme vertrieb den ungemütlichen Morgenfrost. Ilhan erinnerte sich. Er dachte zurück an jenen Tag, als die Männer in Anzügen in die Dörfer kamen und mit den Bauern sprachen. Die besitzenden Familien beratschlagten sich und schnell wurde beschlossen, dass man das Geld nehmen müsse. Die fruchtbaren Böden in den sanften Tallagen waren zwar leichter zu bestellen und schenkten auch zuverlässige Ernten, doch das viele Geld vermochte zu verlockend zu sein. Es stand in keiner sinnvollen Relation. Ilhan war damals noch zu klein, um das Ausmaß jenes Geschäftes zu verstehen. Er war jedoch klug genug zu erkennen, dass sein alter Vater nicht Teil der schicksalshaften Verhandlung war. In seinem lockigen Kopf schwirrten Abertausende von Fragen, doch keiner war mehr da, um ihm Antworten geben zu können. Manchmal beobachtete er von einem kleinen Waldstück aus, wie Lastwägen und Traktoren mit grimmig dreinblickenden Arbeitern zu den Feldern fuhren. Noch nie hatte er den Mut gefasst mit den Fremden zu sprechen. Nie wenn er alleine war, fühlte er solchen Scham. Erst unter anderen Menschen konnte er sehen, dass ihm vieles fehlte. Er hatte sehr große Angst entlarvt zu werden. Ein Bauer aus der Mongolei, was war er schon? Ilhan schüttelte den Kopf, als ob er an das fantastischste Ende eines Märchens dachte und hob sich. Die feinen Sandkörner in seinen Sandalen rieben an seinen Fußsohlen. Ähnlich einem abgeschliffenem Stück Holz setzte er einen pflichterfüllten Schritt vor den anderen. Die steilen Hangflächen warteten auf die Kartoffelsaat. Ilhan wusste, morgen würde ein besserer Tag werden. Die Stadt wartete auf ihn. Ulanbaater würde ihn brauchen, dachte er sich, ehe ihn ein beruhigender Tagtraum der Vergangenheit schützend auffing.

Viele Bauern in den Lössregionen des nördlichen Zentralasiens sehen sich gezwungen steile Hanglagen für den Ackerbau zu nutzen, während flache und fruchtbare Tallagen durch Winderosion verloren gehen oder von internationalen Agrarkonzernen bewirtschaftet werden. Der Klimawandel übt weiteren Druck auf diese Regionen aus und die ländliche Bevölkerung migriert in verschiedenste Ballungsräume. Ein Trend der Moderne.

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