Kirchgang

Bild von theowleman
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Schwer lag der Schnee über dem dunklen Fichtenwalde. Der Wind brauste in seiner ganzen Herrlichkeit durch die schneeweißen Gräben der kargen Felder. Auch die versprengten Bauernhäuser auf den Anhöhen wehte er an und verwandelte sie in Burgen einer frostigen Traumlandschaft. So wie jeden Tag kehrte Fritz nach langer Waldarbeit von der Kälte gezeichnet in die Essstube des Bauers ein. Die Bäuerin hatte zusammen mit den Mägden bereits die kochende Suppe auf den Tisch gestellt. Eine der Mädchen reichte ihm ein hartes Stück Brot. Die Rinde war weiß. Haben sich denn etwa auch Schneeflocken in den Backofen verirrt, wunderte sich Fritz. Die übrigen Knechte zündeten Kerzen an den Wänden an. Beruhigendes Licht erfüllte den Raum. Alles wartete auf den Bauern. Dass er das Brot nahm, es in die würzige Suppe tunkte und es sich nach stiller Andacht in den Mund schob. Erst dann würden auch die Knechte zur Mahlzeit greifen dürfen. Ehrfürchtig sprach der Bauer ein kurzes Gebet, blickte ängstlich in Richtung des Marienbildes in der Ecke. Ein kraftloses Amen der Übrigen belegte die Stube. Kein Wort wurde gesprochen. Fritz schmatzte voller Genuss und ließ sich das Abendbrot schmecken. Das Wochenende stand an. Morgen ist Sonntag. Da würden sie alle gemeinsam die Sonntagskleider anziehen und mit dem Schlitten des Bauern ins Tal fahren. Fritz war voller kindlicher Vorfreude. Wie schön es doch immer in der Kirche war. Kraftvoll würde der Knabenchor singen. Engelsgleiche Melodien würden ihm das schwere Herz trösten. Beseelt durch diesen freudigen Gedanken und nicht weniger aufgeregt betrat er seine Schlafkammer. Er träumte einen dumpfen Schlaf. Schon früh morgens brachen sie auf. Der Bauer glich einem Edelmann, wie er stattlich den Schlitten durch die schmalen Steiglein talwärts führte. Von weit her schon hörte Fritz den rufenden Klang der Glocken. Die Kirche mit ihrer goldenen Spitze strahlte wie der Morgenstern, dachte sich Fritz, obwohl er sich nichts unter einem Stern vorstellen konnte. Aber so wie die Kirchturmspitze müsste er aussehen, das war ihm klar. Unter einem leisen Knarren der Kirchenbank nahm er hinter den Bauersleuten Platz. Ehe er wusste wie es ihm geschah, drang eine majestätische Klangwolke auf ihn ein. Von jeder Seite des Kirchenschiffes stürzten wilde Töne auf ihn zu. Variationen der Himmelswinde schienen ihn fortzutragen. Bohrten ihm ein Loch in den Bauch. Er war etwas Übermächtigen begegnet. Zittrige Hände ließen die Seiten des Gesangsbuches wie Lindenblätter im Sommersturm tanzen. Gänsehaut überzog seinen Körper. Da kam erneut eine Welle der blechernen Pfeifenvariationen auf ihn zu. Ohnmächtig wie Fritz war, ließ er sich hinfort tragen und wünschte nie mehr aus dem Moment zu fallen. Fritz vergaß die Welt um ihn herum. Da wo er sich jetzt befand, da gab es weder Bauer noch Pfarrer. Schwindel kroch herbei. In Fritzes Augen lag die Heiligkeit der Tränen. Ergriffenheit in frommster Form. Die hellen Orgelschreie drohten die Kirche zu fluten. Nur der Orgelspieler selbst saß hoch auf dem rettenden Stuhl und Wahnsinn lenkte seine teuflischen Finger.

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