Kommissarin Ferlanger Teil 1 - Page 3

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in den Mittvierzigern. Sie war verheiratet, hatte drei Kinder, um die sich ihre Eltern kümmerten, wenn es wieder später werden sollte. Ferlanger wusste genau, wohin sie in ihrer Karriere wollte. Selbstbewusst hatte sie sich hinaufgearbeitet, war beim Großteil ihrer Kollegenschaft beliebt und verlangte von ihren Untergebenen absolutes Vertrauen. In ihrer letzten Dienststelle hatte es Vorkommnisse gegeben, die sie veranlassten, sich um eine andere Stelle zu bemühen. Da sie aber keine schlechtere Dienststelle bekommen wollte, entschloss sie sich den Wohnort zu wechseln, nachdem sie lange Diskussionen in ihrer Familie über sich ergehen ließ. Schließlich einigten sich alle auf einen Kompromiss, der so aussah, dass zu ihren Eltern ein öffentliches Verkehrsmittel fuhr, mit dem ihre Kinder sowohl ihre alte Schule weiter erreichbar hatten wie auch jederzeit zu den Großeltern fahren konnten. Ferlanger sah nachdenklich aus dem Fenster hinaus, während sie nachdachte. Was wollte der Einbrecher bei Gerling? Woher hatte er das Geld? Und warum um alles in der Welt hatte er ein Erpresserschreiben bei sich, wenn Gerling keine Tochter hatte?

Leo sperrte die Haustüre auf und schleuderte gereizt seine Jacke auf den Sessel, der neben dem Eingang stand. Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff er sich an die Schulter. Im Krankenhaus hatten sie ihm eine Armbinde gegeben, um die Schulter zu schonen. Er war froh, dass nichts gebrochen war, doch der Schmerz zog pochend bis in die Mitte des Rückens und seinen Arm konnte er nur mühsam bewegen. Bei jeder noch so kleinen Bewegung fuhr ihm ein Stich durch den Körper. Er fischte aus seiner Hosentasche die Tablettenpackung heraus, die er von der Schwester im Krankenhaus bekommen hatte, drückt zwei Pillen aus der Hülle und schluckte sie ohne Wasser hinunter. Dann ging er ins Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Nach wenigen Minuten war er eingeschlafen. Aber sein Schlaf war unruhig, der Schreck und die Aufregung der vergangenen Nacht ließen ihn auch im Schlaf nicht los. Verschwitzt wachte er nach gut zwei Stunden auf. Er sah auf die Uhr, es war kurz nach vier Uhr Nachmittag, er hatte Kopfschmerzen und rieb sich die Stirn. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem Erpresserschreiben zurück. Es war doch sehr seltsam, dass jemand bei ihm einbrach und noch dazu einen Drohbrief in der Tasche hatte. Wer ist das Mädchen, das möglicherweise irgendwo festgehalten wird? Er holte sich sein Tablet und scrollte durch die Nachrichten. Er hoffte Hinweise auf eine Entführung zu finden oder einen Aufruf, dass ein Mädchen vermisst wird. Aber da war nichts.
Sein Telefon läutete. Er stand auf und ging dem Klingeln nach.
»Hi, du bist es! Was gibt es?« Leos Stimme klang rau, als er nicht gerade freundlich mit dem Gesprächspartner sprach. Er hatte sein Telefon auf laut gestellt, da er mit nur einem funktionsfähigen Arm das Handy nicht halten wollte.
»Nicht gut drauf heute, was?.« Es war sein Bruder Gerold, den alle Geri nannten, der ihn anrief. Leo hatte zu ihm nur einen losen Kontakt, denn er meldete sich nur, wenn er etwas brauchte. Geri steckte ständig in irgendwelchen Schwierigkeiten, entweder brauchte er Geld, weil er seines verzockt hatte, oder er hatte Streit mit jemandem und er brauchte einen Anwalt.
»Richtig! Ich bin gestern Abend überfallen worden, meine Schulter ist verletzt und verdammt noch mal, ich brauche meine Ruhe.«, schnauzte Leo ihn an.
»Sorry, ich kann ja nicht hellsehen. Wer hat dich überfallen? Willst du reden?«
»Jetzt nicht. Ich melde mich, wenn ich meine Gedanken geordnet habe und mich erholt habe. « Damit legte er auf. Geri meldete sich immer im ungünstigsten Moment. Er war fünf Jahre jünger als Leo, ihm fehlte der Ernst im Leben. Seine Eltern hatten ihm alles durchgehen lassen, da er in seiner Kindheit oft krank war und daher mehr Aufmerksamkeit brauchte als Leo. Irgendwie ist er trotz seiner achtunddreißig Jahren ein großes Kind geblieben. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte er keinen festen Punkt im Leben gefunden, er nahm verschieden Jobs an, warf sie nach kurzer Zeit wieder hin und lebte vom Augenblick. Wenn er gar nichts mehr hatte, schnorrte er Leo um Geld an, oder suchte überall Gründe, warum es ihm schlecht ging, aber Leo seiner Meinung nach gut. Leo erinnerte sich, wie er einmal seinem Bruder aus einer Wirtshausschlägerei helfen musste. Geri war damals gerade wieder einmal entlassen worden, er war auf Streit gebürstet und trank weit über seinen Durst. Ein Kraftfahrer, der dort Pause gemacht hatte, ließ sich von ihm provozieren. Es dauerte nicht lange und es flogen Fäuste. Der Wirt hatte anfangs versucht den Streit zu schlichten, geriet dann aber zwischen die Fronten. Die Kellnerin rief den Notruf der Polizei, weil die Schlägerei aus dem Ruder lief. Kurz darauf stürmten drei Polizisten ins Lokal und rissen die Radaubrüder auseinander. Geri ging im Rausch auch noch auf einen Staatshüter los, der ihm kurzerhand einen Kabelbinder um die Handgelenke band. Der Fahrer und der Wirt fluchten und stießen mit den Füßen gegen Geri, der sich unter den festen Griffen des Polizisten wand. Geri wurde auf das Präsidium gebracht, von wo er Leo anrief, der ihm aushelfen musste.
Leo stellte sein Handy auf leise, er hatte keine Lust weiter gestört zu werden. Gedankenverloren ging er durch die Räume seines Hauses. Auch wenn er noch so genau alles mit den Augen durchsuchte, er konnte nichts Verdächtiges finden, das ihm eine Spur gab, warum es gestern Abend zu diesem Überfall gekommen war. Anschließend ging er in den Keller und versuchte notdürftig das eingeschlagene Fenster zu reparieren.
»Shit, mit der kaputten Schulter kann ich mich nicht bewegen.« Er zog das Telefon aus der Hosentasche und rief nun doch Geri an.
»Du kannst dich nützlich machen, ich brauche deine Hilfe«, sagte er ohne Begrüßung. Geri schnappte kurz nach Luft.
»Wann?«
»Gleich«, war Leos knappe Antwort. Dann legte er auf und steckte es wieder ein.
Er hasste es seinen Bruder in der Nähe zu haben, aber es nützte nichts, er konnte das Fenster nicht allein in Stand setzen. Nach etwa zwanzig Minuten läutete es Sturm an der Haustüre. Leo öffnete Geri, der ihm unter der Türe die Hand zur Begrüßung streckte. Leo ignorierte die Hand, trat beiseite und machte sich dann auf den Weg in den Keller.
»Sag mal, geht es noch? « Ärgerlich blieb Geri stehen und blickte Leo an.
»Ich bin nicht dein Knecht, ist das klar! « Aus Geris Ton war unüberhörbar der Unmut zu verstehen.
»Okay, ich kann auch wieder gehen, mach, was du willst, alleine! « Damit drehte sich Geri um und war im Begriff das Haus zu verlassen.
»Warte, entschuldige, aber ich bin noch völlig von der Rolle von gestern!« Geri stand unter der Türe, er wartete auf eine weitere Erklärung. Leo deutete ihm an, ins Wohnzimmer zu kommen, wo die Spuren der nächtlichen Aktion noch zu sehen waren. Er ging in die Küche um zwei Flaschen Bier zu holen.
Geri stieß einen hohen Pfiff aus.
»Da ist es aber ganz schön zur Sache gegangen. « Er hob einen umgefallenen Stuhl auf, setzte sich darauf, während im Leo das Bier reichte. Geri nahm einen langen Schluck, bevor er sagte
»Erzähl! Was war los? «
»Es war ein lauter Knall, ich bin nachscheuen gegangen, dann hat mich von hinten ein Schlag auf der Schulter getroffen«, Leo deutete auf seine bandagierte Schulter. Ich habe mich mit einem Schürhaken verteidigt, er war dann bewußtlos. Der Einbrecher brach dann noch einem Polizisten das Nasenbein. Aber das seltsamste ist………« Leo ließ sich Zeit.
»Was? « fragte Geri ungeduldig nach.
»Dass der Einbrecher einen Zettel in der Tasche hatte, einen Erpresserbrief, in dem stand, dass meine Tochter entführt sei.
»Habe ich da etwas nicht mitbekommen? Du hast eine Tochter « Geri lehnte sich leicht nach vorne.
»Nein, natürlich nicht! « Leo brauste auf. Geri ließ sich nicht provozieren, er merkte, dass Leo verunsichert war.
»Wieso bricht jemand bei dir ein, der keine Ahnung von dir hat? « Geri schüttelte den Kopf.
»Denk nach! Mit wem hattest du etwas? Du bist ja kein Kind von Traurigkeit. «
»Ich wüsste, wenn ich eine Tochter hätte«, konterte Leo.
»Wirklich?" Kein one night stand mit Folgen? Nicht?«
Leo antworte nicht, die Schmerzen wurden stärker und die Fragerei seines Bruders ging ihm auf die Nerven.
»Komm mit in den Keller, das eingeschlagen Fenster muss in Ordnung gebracht werden, nicht, dass heute Nacht wieder jemand herein möchte. «
Leo und Geri standen auf und stellten die halb ausgetrunkenen Flachen Bier auf den Tisch.
Unten dreht Leo das Licht auf, als er Geri das Fenster zeigte.
»Wow, womit hat er das Fenster derart zerstört? « Geri betastete den zersplitterten Holzrahmen und achtete darauf, dass er in keine Scherben trat.
»Mit einem Feuerlöscher. Der ist jetzt bei der Polizei. «
»Wie willst du das richten? « In Geris Augen war klar erkennbar ein riesengroßes Fragezeichen. »Du brauchst ein neues Fenster. Bis dahin verstellen wir so gut es geht den Fensterrahmen.« Geri nahm einen Besen, kehrte die Glasscherben zur Seite und suchte die Kellerräume ab.
»Was suchst du?"
»Etwas, womit man das Loch in der Wand, das eigentlich ein Fenster sein soll, zumachen kann. Da steht genug Gerümpel herum, das hilfreich ist.«
Kurzerhand schleppte Geri alte Kartons mit ungebrauchten Wandfliesen zu Leo, dann fand er noch einzelne Gartenziegel, die aufeinandergeschichtet werden konnten.
»Du reichst mir die Fliesen aus den Kartons, die stappeln wir statt eines Fensters und darunter legen wir alle Gartenziegel. Sollte wieder jemand hier hereinwollen, muss er zuerst das alles hinunterwerfen, was sicher einen Höllenlärm macht. Und zum Schluss schieben wir diesen alten Schrank dort drüben vor die Fensterluke. «
Geri wartete keine Antwort seines Bruders ab. Er riss die Kartons auf, von denen Leo ein gutes Dutzend gelagert hatte. Er begann die Gartenziegel dem Fenstersturz entlang aneinander zu reihen, legte dann eine Schicht Fliesen darüber, dann wieder eine Reihe Gartenziegel. Mehr als die Hälfte des Fensters war damit schon verschlossen. In den noch offenen Spalt stopfte er Kartons, die Sperrholz für den Kamin hatten.
»So jetzt den Kasten! Du kannst mit der gesunden Seite schieben. Wir stellen ihn direkt davor hin. « Geri fackelte nicht lange und schob das schwere Stück über den rauen Boden. Leo drückte sich mit der rechten Schulter gegen den Schrank. Es knirschte und krachte, dass man meinen konnte, der Kasten bricht auseinander. Endlich war es geschafft, der Schrank verstellte das ganze Fenster. Geri betrachtete sein Werk, Leo schlug ihm anerkennend auf die Schulter, dann kehrten sie ins Wohnzimmer zurück.
»Danke« Leo sah seinen Bruder an.
»Und wie geht es jetzt weiter? «
»Keine Ahnung«, gab Leo achselzuckend zur Antwort. Beide tranken gierig ihr Bier zu Ende. Dann stand Geri auf.
»Kann man dich allein lassen? « Es war eher eine rhetorische Frage, denn wie Leo verspürte Geri nicht viel Lust länger las nötig mit seinem Bruder beisammen zu sein.
»Passt schon, Danke für die Hilfe! « Geri zog die Augenbrauen hoch, ein wenig mehr Freundlichkeit hätte er sich schon erwartet, erwiderte aber nichts. Kurz sah er sich nochmal im Zimmer um, dann hörte Leo, wie die Haustüre ins Schloss fiel.

Der Titel Kommissarin Ferlanger ist nur ein Schmutztitel, der genaue Titel des Krimis wird sich bis zum Ende herausstellen.

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