Leithaberg

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Der Leithaberg ist kein richtiger Berg. Er kann kein Berg sein. Wenn dann ein Hügel, aber höchstens eine Erhebung. Für einen Berg wäre dieses Ding zu klein. Eine geologische Laune der Erdwerdung war das. Ein Missverständnis der Tektonik. Ein Ausgestoßener. Der Rest seiner Familie lacht ihn aus. Die Alpen zittern vor Lachen, sodass Lawinen die Hänge runterdonnern und Felsen kaum mehr Luft bekommen. Diese Schmähungen hört er natürlich und das macht ihn traurig.
Der Leithaberg ist aber überall. Er ist sogar hoch im Himmel beim Herrgott. Die Kalksteine des Stephansdoms sind ja aus dem Leithaberg. Gestohlen von den Wiener Kaisern, eingemauert in unnatürliche Formen. Kurz, gezwungen einem fremden Gott zu dienen. Eine Bühne der Religion zu sein, das ist auch ein Schicksal des Leithaberges. Gefragt hat man ihn nicht wirklich. Aber das Gute ist, dass er sich wehrt der Stein. Er zerbröselt schön langsam, weil er Wetter und Niederschlag nicht leiden kann. Er will wieder Sand werden, damit er entkommt. Wenn er da vor sich hin bröselt, müssen die Wiener ihn immer abdecken, den Dom. Das mag dann der Tourist gar nicht. Da steht er vor diesem Monstrum und kennt sich nicht aus in seiner Verwirrung. Ist aber egal, weil der Kaffee und die schwarze Bauchwehtorte schmecken trotzdem gut.
Kaisersteinbruch das war der Tatort. Dort wurden spitze Meißel und Hacken in den Berg getrieben. Dort hat man ihm seiner Kinder beraubt. Aber stolz sind die Burgenländer wenn sie an den Stephansdom denken. Das beruhigt die gequälte burgenländische Seele sehr, weil ohne Leithaberg kein Stephansdom. Ohne Leithaberg kein Ring. Ohne Ring kein Wien.
Der Leithaberg ist ein Zirkus. Ein so grandioser Raum. Träumerischer als der Zirkus Maximus je war. Er ist ein Freiluftkino. Eine Bühne für Helden. Eine Plattform für das Fantastische. Dicke russische Opernsängerinnen schreien theatralisch die Sandsteine des Steinbruchs an und ringen um Atem. Dazwischen brennen Scheinwerfer hernieder. Menschen kleiden sich lustig und pilgern herbei. Treiben Konversation und stopfen sich das Würstel mit Senf rein. Den Brei aus Oper, Semmel und Langeweile spült der geile burgenländische Wein runter. Der Wein ist für die Burgenländer das, was für die Italiener der Schinken, für die Bayern die Brezen und für die Franzosen die Liebe. Allein schon der Vergleich schmeichelt. Der Wein gibt Identität. Mit was sollen der Burgenländer und die Burgenländerin die Kinder sonst ernähren? Mit abgefülltem, stinkendem Wasser vom Neusiedler See lassen sich keine Millionen machen.
Der Leithaberg ist eine archaische Landschaft.
Er ist eine Projektion unseren tiefsten Gefühle. Ich bin überzeugt davon. Irgendwo in uns sind diese Bilder ja schon gespeichert. Die aufwühlenden Bilder von Felswänden, von Seen, von Gräben und Vegetation. Wir laufen in der Welt herum und erschöpfen uns an der Wahrnehmung. Man gewöhnt sich an Straßen und Siedlungen, an Stadtbilder und Räume aller Art. Doch machen wir uns auf und begegnen dem Leithaberg, so begegnen wir einem alten Freund, der in uns schlummerte und wir selbst sind erstaunt, dass er plötzlich so real auftaucht vor uns und uns mitnimmt in seine räumliche Vielfalt. Der Leithaberg wird so ein Meister der Hypnose. Er kann das. Er kann uns mitnehmen und uns sehnsüchtig machen.
Wer einmal an drückenden Sommertagen durch die Eichenwälder des Leithagebirges gewandert ist, der weiß wovon ich rede. Schaut man genau, so finden sich Höhlen. In ihnen sind kunstvolle Höhlenmalereien, die vor Jahrtausenden von neolithischen Menschen gezeichnet wurden. Mit Kohlefarben finden sich Zeichnungen von Großsäugetieren der pannonischen Ursteppe. Mammuts schlendern in gewaltigen Horden herbei, um ihren quälenden Durst im Neusiedlersee zu stillen. Büffel flüchten vor Höhlenlöwen, die aus dem schützenden Dickicht hervorsprengen. Abbildungen von Höhlenbären zieren die unebenen Felswände und Künstler toben sich aus. Diese Bilder wohnen in uns. Sie stimmen mit unserem Allertiefsten überein. Zumindest ist das in unserer Fantasie so. Wahrscheinlich war nichts als Eis. Kilometerdickes Eis, das alles Lebende unter sich begrub, bis die nächste Warmzeit erneut Hand am Modell der Erde anlegen konnte. Am Wahrscheinlichsten war Tundra. Fragen wir den Berg selbst, nur er kennt die Antwort. Es muss eine Maschine erfunden werden, die den Bergen eine erkennbare Sprache gibt. Mit ihr könnten wir ihre Sprache dekodieren. Ein Nobelpreis als Anerkennung wäre nur Farce. Ein Monument würde man diesem klugen Kopf bauen. So groß, man könnte es aus dem Weltraum erkennen.
Der Leithaberg gehört uns allen. Er ist kein Privileg der Adeligen oder des Militärs. Er ist ein Konstrukt und Realität zugleich. Er ist so vieles, für das es keine adäquaten Worte mehr gibt. Doch er ist auch unscheinbar. Und in diesem Punkt liegt seine ganze Kraft. Er braucht kein Everest oder ein Chimborazo zu sein. Es gibt dort keine Gletscher oder festgefrorene Leichenhaufen. Wie groß mag die Zahl der Alpinisten sein, die vollbepackt mit Expeditionszelt, Eispickel und Steigeisen vor dem Kreidesteinbruch standen und selbst kreidebleich wurden. Dieses Rätsel wird wohl ewig währen.
Der Leithaberg ist eine Harmonie der kollektiven burgenländischen Seele. Eine Urzelle dieser Landschaft. Ein Fixpunkt im Norden, ähnlich dem Polarstern. Er war schon da, als die Welt noch leer war. Er hat gewartet auf die Burgenländer, damit er nicht so alleine bleiben muss. Er hat sich die Burgenländer herbei gewunschen. Er hat Lebensraum geboten. Hat den Bäumen erlaubt Holz zu werden. Er muss ein großer Gönner gewesen sein. Wahrscheinlich ist er es noch, nur hat es den Anschein als habe er an Glanz verloren. Er ist kleiner geworden. Regelrecht geschrumpft und der Verkümmerung ausgesetzt. Straßen durchschneiden ihn. Er wird auch weniger. Die Jahre nagen unaufhaltsam an ihm. Er nimmt ab in einer Zeit, wo alles um ihn herum fette Jahre erlebt. Bergbau ist nicht das richtige Wort für diese Obszönität. Sein innerster Wunsch ist Wüste zu werden.
Der Leithaberg hat nichts übrig für große Gefühle. Das teilt er mit seinen Bewohnern. Man liebt ihn und doch zeigt man es nicht. Im Burgenland ist er eine statische Größe. Eine spirituelle Stätte der Zusammenkunft. Ein Steinchen im Mosaik. Hoffentlich geht er nicht fort. Das wäre schrecklich, denn alle würden weinen. Er verhält sich bescheiden, ist unauffällig. Aber wenn es sein muss, dann steht er in seiner ganzen Erscheinung dar. Das zeigt, dass er schlau ist. Er ist die Mauer, die uns vor dem Unheil der großen Welt schützt. Das Burgenland braucht dich Leithaberg.
Der Leithaberg ist auch ein Abenteuerspielplatz. Eine Goldader zieht sich durch seine Schichten und wartet darauf geplündert zu werden. Dann ziehen fremde Menschen aus Europa zum Leithaberg. Schlagen ihre Camps aus Leinenstoff auf und schlägern die schönen Wälder. Die Landschaft verreckt dann endlich. Die Pfannen zum Goldwaschen liegen wie Pilze herum und eingewickelt in ihren Schlafsäcken träumen diese Sehnsüchtigen von unvorstellbarem Reichtum. Das wäre aber das sichere Ende des Berges. Ich bin mir sicher, man würde den ganzen Berg wegsprengen. Ihn mit eigenartigen Maschinen den Maulwürfen gleich unterminieren und dann verblüfft sein, wenn er für die Endgültigkeit der Zukunft verschwunden ist. Hoffentlich findet man das Gold nicht. Sucht man aber genau zwischen den Klüften in den Steinbrüchen herum, dann kann es schon mal passieren, dass man auf ein Nugget stößt. Der Suchende wird finden. Der Tüchtige wird belohnt. Und die Welt ist beruhigt.
Wenn einer es wagt, die Wälder des Leithaberges zu durchqueren, der ist verloren. Wie Labyrinthe präsentieren sich ihm die endlosen Hecken und der Unterwuchs fesselt ihm die Füße. Lianen zerren an dessen Schulter und Farne lotsen ihn in die Verdammnis. Ungeziefer so groß wie Adler heften sich ihm an die Ferse und dringen mit ihren Stacheln und Rüsseln tief unter die Haut. Blutegel saugen sich satt. Wölfe heulen und Bären schnauben wütend, kommt er vom Weg ab. Die Ungeheuer der Nacht treiben den Unglücklichen in den Wahnsinn. Die Nächte im Wald sind furchtbar. Die zarte menschliche Seele verträgt kein Dasein im Freien. Der Wanderer ist hellwach und legt sein Ohr auf den Boden. Er lauscht den Zwergen in ihren unterirdischen Hallen, wie sie das Gold zum edelsten Schmuck der Menschheit schmieden. Manchmal da poltert und dampft es aus dem Leithaberge. Wir haben es nur verlernt die Ohren zu spitzen.
Kein Berg hat verdient, was der Leithaberg erleben muss. Wenn man ehrlich zu sich ist, dann kommt man zum einleuchtenden Gedanken, dass kein Berg den Menschen verdient. Er will für sich selbst sein. Aber wir glauben, er sei für uns. Dieser Irrtum pflanzt sich in den Jahrhunderten fort. Der Leithaberg bräuchte ein Monster, damit er Ruhe hätte. Er bräuchte hohe Felsstürme und wilde Schluchten. Seine Höhe ist zu harmlos, um abschreckend zu wirken. Ein Vampir käme genau recht. Ein untotes Wesen gequält vom ewigen Durst nach Blut. Mir träumte, der Vampir steige aus dem Berg herab, dringe in die Bürgerhäuser der Stadt ein und fresse sich in einen Rausch. Die Stadt wäre leer und schon bald wird sie zu einer Ruine im Wald. Dann würden in Jahrtausenden wieder Menschen kommen und sich wundern wie man mitten im Urwald leben konnte. Die Inkas wären nicht mehr populär dann. Die Eisenstädter wären somit in aller Munde. Der Vampir des Leithaberges trinkt Rotwein. Die Tiere des Waldes prosten ihm zu. Dann reitet er auf einem Pferdeskelett fort und sucht sich ein neues Städtchen. Städte gibt es genug auf dieser Welt. Berge gibt es auch genug. Doch den Leithaberg nur einmal.
Das Holz des Leithaberges ist berühmt für seine Schönheit. Es interessiert den Frierenden nicht, wer den Baum umschlägt. Hauptsache er fällt. Als die Holzfäller durch die Gegend zogen, knackste und fauchte es durch den Wald. Ein Schrei ertönte. Ein Gesicht wurde bleich. Eine Schlange biss einen Holzfäller ins Bein. Dieser, mit seinem Schicksal hadernd, schnitt sich prompt das Bein ab. Das Gift der Schlangen kocht teuflisch in uns.
Dennoch. Der Leithaberg ist ein Ort der Liebe. So wie ein leeres Blatt Papier einen Schreibenden quält, so quält der Leithaberg die burgenländischen Sehnsüchte. Unzählige Hochzeiten wurden an seinem Fuße gefeiert. Millionen von Küssen wurden auf ihm ausgetauscht. Wie oft wollte er selbst geküsst werden. Schon eine Umarmung hätte ihm für Jahrtausende neuen Mut gegeben. Es war zu viel verlangt. Menschen wurden getrennt und Feindschaften gesponnen. Seitensprünge verbrochen und neue Liebschaften begonnen. Es scheint bloß eine Fantasie zu sein, doch die sanften Hügel des Berges lindern unser Verlangen nach Geborgenheit.
Einst lief ein Mädchen mit gebrochenem Herzen mitten in den Wald hinein und wusste nichts mit sich anzufangen. Zu tief saß die Enttäuschung der ersten Liebe. Sie wollte ihr junges Leben die Klippen runter stürzen. Da kam sie auf eine Lichtung und sah einen prachtvollen Hirsch. Dieser verwandelte sich in einen Prinzen und er nahm sie fort. Seitdem war sie nicht mehr gesehen. Die Sage hielt sich hartnäckig wie die letzten Reste Schnee im Frühling. Und einmal lief ein Mann in den Wald. Die Frau war zur Dirne geworden. Trieb es mit den Soldaten, als sei es ihre Bestimmung gewesen. Er hatte sich losgesagt von ihr. Gekränkt war er. Doch er schien nicht loszukommen. Sieben Tage trank er Tränen und fastete am Leithaberg. Am achten Tag war er bereit zu sterben. Doch in der letzten Nacht am Leithaberg blickte er in die Sterne und es ging ein Rauschen durch die Wälder. Der Himmel über ihm glitzerte und sang für ihn. Das Universum war zu atemberaubend. Er verbat sich zu sterben und ging wieder ins Tal herab. Er verzieh der Dirne und zog aus, um ans Meer zu gehen. Dort traf er eine schwarze Schönheit und ehelichte sie. Oh Leithaberg nur du bist Wendepunkt im Leben deiner Jünger.
Solange einem die eigenen Füße tragen, erlebe den Leithaberg. Etwas Schöneres gibt es nicht. Der Leithaberg existiert vor sich hin. Er scheint keine Aufgabe an sich zu haben. Doch hat er alle Hände voll zu tun. Ich kann mich beruhigt Schlafen legen, weil ich weiß er hat uns alle in sein steinernes Herz geschlossen. Vor dem Richterstuhl des Ewigen spricht er uns von allen Sünden frei. Leithaberg. Eine großartige Erscheinung, davon bin ich überzeugt.

Seht ihr denn nicht, was er bedeutet?

Sprache so übersteigert, dass sie beim Lesen schmerzt.

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