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Nur ein Vater

Bild von Willi Grigor
Bibliothek

Er war ein Draußenmensch, mein Vater, aber nun liegt er zwischen dünnen, weißen Laken im letzten Kapitel seines Lebens. Wenn eine Krankenschwester in das Zimmer kommt, setzt er sich kerzengerade auf das Bett, richtet seinen Blick auf sie, zeigt mit dem Finger auf die Decke und sagt: "Ich glaube kein bisschen an das!" Nach einem tiefen Atemzug setzt er fort: "Ich glaube nicht an Gott, aber wenn ich ein Paar Unterhosen mit etwas loserem Gummiband bekommen könnte - es zieht sich zusammen zur Himmelfahrt!"

Nun ruht er unter blauen Stiefmütterchen, die im Spätsommerwind flattern. Blau waren seine Augen, rot war sein Herz. Die Tannenhecke unter dem kleinen, gelben Haus wächst weiter, es ist bald Herbst und ich suche im Geräteschuppen. Die dünnen Wände des ausgeblasenen Wespennestes: Eine heimliche Nachricht. Geschrieben auf handgemachtem Papier in der Jahreszeit, in der die Kaiserkronen blühen. Dort steht auch ein Spaten. Und die Erde wartet.

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Wenn Karl Valdemar noch heute (2020) leben würde, wäre er 107 Jahre alt. Bloggen wäre nichts für ihn gewesen, obwohl er ein starkes Bedürfnis hatte, seine Ansichten auszudrücken. Er lebte sehr einfach in einer anderen Zeit, befreit von all den digitalen Medien, die unsere Tage dominieren und prägen. Manchmal habe ich mit dem Gedanken und dem Titel eines Buches gespielt: "Nur ein Vater", als eine Antwort auf Ivar Lo-Johanssons Roman "Nur eine Mutter", der 1939 herauskam.

Er war ein Außerhausmensch, mein Vater. Sein Leben lang arbeitete er unter freiem Himmel. Am Oberen Fryken-See als Flößer und während der schneereichen Winter in den 1940er Jahren in Finnskogen, einem großen Waldgebiet, und später in den Wäldern um den Ort Fryksdalen. Der Wald und das Holz, waren seine Arbeitgeber, immer im Freien mit unmittelbarem Kontakt mit den Wechslungen der Jahreszeiten.

Großmutter und Großvater wohnten in einem rot gestrichenen Holzhaus mit einem kleinen Kuhstall, einem Erdkeller und einer Wasserquelle. Eine Küche, ein Zimmer und eine kleine Diele in der Mitte. Holzherd und Vorratskammer. Dort wuchsen wir auf, ihre fünf Kinder. Und kaum aus der Schule, suchten sie sich eine eigene Versorgung. Der älteste Bruder landete bei der großen Firma ASEA, nachdem er mit Hilfe seines klugen Kopfes einige Abendkurse belegte und für eine Zeit im einheimischen Exil war. Die anderen fanden ihre Wege in das Leben, ziemlich befreit von der Suche nach einer Karriere. Sie waren zufrieden mit einem einträglichen Leben.

Im Herbst seines Lebens schrieb der Vater eine Art Selbstbiografie, Rückblicke, in denen er über sein Leben und die Welt um ihn erzählt. Er war ein willensstarker Mensch mit einer aufrechten Moral und gleichzeitig etwas zurückhaltend, nicht reserviert, eher bescheiden, vielleicht schüchtern. Er stellte große Anforderungen an sich selbst, Dinge mussten getan und erledigt werden. Ein Beispiel aus seinen letzten Jahren ist die hohe Tannenhecke, die das gelbe Wohnhaus in dem kleinen Ort Bergeby umgab. Diese Hecke musste er ganz einfach persönlich scheren. Jedes Jahr stand er auf einer langen Leiter und schnitt die Spitzen und Triebe ab. Dies tat er bis ans Ende seiner 80er Jahre.

Und nun ruht er auf dem Friedhof im Ort Fryksände, zusammen mit seiner Eva Katarina, geboren Börjesson. Ihr ganzes Leben lang haben sie zusammengehalten, und es waren ihre Hände mit denen sie ihre Tage verwirklichten, was ihr Leben auf ihre Weise sichtbar machte.

Ich stelle einen Blumenstrauß vor seinen Grabstein und denke an ein Gedicht von Gustaf Fröding, das der Vater auswendig lernte und irgendwie seine ganze Lebensphilosophie zusammenfasst - es heißt:

Bei Sonnenuntergang

Setzte ich mich auf des Berges Kamm
schaute weit über die Förde,
sah wie die Sonne im Westen schwamm,
weit, weit im Westen der Erde.
Tage vergehn,
Frühling war schön,
bald liegt der Schnee auf der Erde.

Tage sie kommen und Tage sie gehn,
einmal doch kommt wohl der letzte,
flüchtig die Wonne, kurz, bleibt nicht stehn,
aber ich dennoch sie schätze.
Schlösser aus Luft
schimmern doch bloß,
schimmern verlockend und bersten.

Narren, sie denken, jeder es meint,
Narren, sie glauben und hoffen,
dass in der Erde der Samen keimt,
werden zu Ernten und Knospen.
Jungsaat doch stirbt,
Frost das verdirbt,
was in die Erde wir stopfen.

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Heute habe ich den Schlüssel zu meiner Kindheit zurückgegeben. Die Schränke und Schwellen, die schwankende Lampe in der Diele ließ ich zurück, sowie die Ahornschatten draußen und die Weidenröschen, die im Schatten am schönsten blühen. Öde stehen die Räume, entleert von Dingen, die noch etwas zu Verschweigendes haben könnten - die Stimmen, die hier einmal waren, der wunderbare Duft von frischen Fleischbällchen, die mein Vater briet, seit meine Mutter sich langsam zu einem zerbrechlichen Engelflügel verwandelte.

Die Fensteraussichten in alle Himmelsrichtungen: der Wald und der Valberg im Westen, der Vasssee im Norden und der Varbach im Osten - und Richtung Süden: die Welt. Der Tod hatte viele Begleiter in meiner Kindheit, der Schlüssel unter Matte war nur einer.

Beerdigung am Freitag, Psalme und der so tränenhervorrufende Duft von Nelken. Gibt es schlimmere Blumen? Ein Leben in einem Dorf in den 1950er Jahren. Eine Familie, ein Zukunftsglaube, der kalte Krieg und Makaronen. In beinahe jedem Haus lag ein alter Mensch und gewöhnte die Umgebung daran, dass es eines Tages so für alle geht, ohne dass etwas gesagt wird - nur da sein. Diese sind nun übriggeblieben, deutlicher als in den letzten Jahrzehnten, die, die zur rechten Zeit gestorben sind, die, die den Sinn des Todes mit sich nahmen zu des Friedhofs anspruchsvoller Mischung aus Lehm und Moränen.

Nun sind sie doppelt verschwunden, nicht nur über, sondern auch unter der Erde, so wie wir alle eines Tages. Die Fensterstreifen hätte ich fast vergessen, die waren hier, ungeklebt in einem der Schränke. Niemals mehr, wie man so sagt, wenn die Leute weinen sollen.
Dies war das letzte Mal, dass ich diese Tür schließe, irgendeine. So ist das nämlich mit uns Menschen: wir sind irgendwelche. Und manchmal haben wir keine Lust zu weinen, aber wir weinen. Denn irgendetwas muss man tun, wenn die Stimme versagt und das Balkongeländer neu gestrichen werden soll.

*
Was tun wir, wenn wir warten?
Was wissen wir, wenn wir glauben?
Wie oft wiederholt sich das Leben?
Mit welcher Hand beginnen wir den Tag?
Deine Augen sehen auf die Welt,
die zurückschaut mit ihren Augen.
Die Welt ..., die nach Kot riecht
- und Liebe.
Aus deiner Kehle strömen Worte
von einer unterirdischen Quelle,
deren Wasser nichts davon weiß.
Durch die dünne Haut,
die dein Heim in diesem Leben ist,
kannst du den Puls der Zeit
spüren, die niemals,
nur niemals zurückkehrt.

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Aus dem Schwedischen: © Willi Grigor, 2021
© Bengt Berg, 2020

Übersetzung des Gedichts "I solnedgången" (Bei Sonnenuntergang) des schwedischen Dichters Gustaf Fröding (1860-1911)
sowie "Vad gör vi när vi väntar?" (Was tun wir, wenn wir warten?)
© Willi Grigor

(Ivar Lo-Johansson war ein schwedischer Schriftsteller.
Der Obere Fryken-See ist einer der drei Teile des Fryken-Sees in Värmland , Schweden