Odyssee einer Wohnungssuchenden

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Noch 37 Tage bis zur ersten Universitätsveranstaltung. Status: Keine Wohnung, kein Bafög, kein Nebenjob und- ganz wichtig- keinen Internetanschluss in der zukünftigen noch nicht vorhanden eigenen Wohnung für das kommende Onlinesemester. Dafür habe ich jetzt 82€ für Fahrtkosten und eine Regionalzeitung ausgegeben.

Das Ergebnis ist also auf jeden Fall mit unglaublichem Potential zur Verbesserung behaftet. Wie immer, wenn es gerade etwas chaotisch wird in meinem Leben, fange ich an darüber zu lachen und ironische Scherze zu reißen. Also, los geht‘s:

Es gibt ja Menschen, die beschweren sich darüber, dass man keine neuen Leute kennenlernen könne. Ich habe in den letzten Wochen, seitdem ich weiß, wo ich studieren darf, die perfekte Methode herausgefunden, um genau dieses Problem zu lösen. Sei einfach ein Wohnungssuchender bzw. eine Wohnungssuchende! Glücklicherweise besteht in unserer heutigen Marktwirtschaft ein unausglichenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Heißt, es gibt mehr Menschen, die eine Wohnmöglichkeit suchen, als Menschen, die eine anbieten.

So kam es, dass auch ich letzte Woche suchend vor einem Haus in der Innenstadt stand und zwar in einer Schlange mit ca. zehn anderen Menschen. Nun, die meisten ignorierten sich irgendwie, man konkurriert schließlich um die Ranzbude da oben, mir wurde das dann aber zu langweilig. Ich fing also ein Gespräch mit Maske im Gesicht mit einem jungen Mann an, der wie ich wartete. Ich verstand nicht alles, wegen der Maske, aber es war wirklich sehr nett. Ein Assistenzarzt in einer psychiatrischen Abteilung, ein Bereich, der mich auch interessiert. Er habe es schwer eine Wohnung zu finden trotz eines Budgets von 600 € warm. Mensch, dachte ich, was erwartet mich dann noch in dieser Stadt und malte mir im Kopf bildlich schon meine Obdachlosenunterkunft mit Internetanschluss aus. Lustig waren dann die Blicke der anderen, man unterhält sich schließlich nicht in der Schlange der Wohnungssuchenden. Papi und Mami mit Sohnemann tuschelten über ihre Strategie mit Bewerbungsmappe in der Hand (wahrscheinlich auch mit Lebenslauf und Passfoto), nervös watschelnd von einem auf den anderen Fuß. Eine andere Frau, die sich genervt die Beine in den Bauch stand und ohne Maske 3 Meter Abstand hielt. Das kitzelnde Gefühl beim Summen der Tür, das bedeutete, das jemand Neues herein durfte. Hätte ich das gewusst, hätte ich mir Popcorn mitgenommen.

Ich war die letzte, die herein ging und ich denke das war eine schlaue Entscheidung. Schließlich merken sich Menschen, Dinge, die zuletzt kommen, immer besser. Ich hatte für den Preis wirklich nichts Großartiges erwartet, war aber doch leicht schockiert, als ich in den Flur kam, in dem sich gefühlt zwanzig Türen aneinanderreihten wie in einem Motel. Der Teppich stank. Es schien, als sei dieses Haus mal ein Hotel gewesen und ich fragte mich, was hier wohl für ein Mord passiert war, weshalb das Hotel dicht machen musste. Vielleicht war es auch einfach nur das Coronatum. Kaum trat ich ein in das 18 Quadratmeter Hauptzimmer strahlten mich auch schon grinsend die Gesichter der jetzigen Mieterin und Verwalterin an als würden sie einem das Nirwana höchstpersönlich anbieten. Diesen Eindruck kann man als Anbieter einer Wohnung durchaus bekommen, denn man braucht bei Ebay-Kleinanzeigen nur das Wort „Wohnung“ in die Anzeige schreiben und es hagelt Anfragen wie aus dem Himmel in sekundenschnelle. Die Vermieter bekommt man übrigens bei der ersten Runde heutzutage nicht mehr zu Gesicht, nur zur Erklärung. Das ist dann der Endgegner, dem man sich erst einmal würdig erweisen muss. Also Dinge suchen, die einem gefallen, auf die Personen eingehen, ein paar Scherze bringen, Selbstauskunft mit anderen Unterlagen da lassen, die zeigen, dass ich nicht kriminell bin, und das nicht, weil ich die Wohnung wollte, sondern weil ich neugierig war, ob ich sie hätte haben können. Ich ging nach unten und freute mich, wenigstens hatte ich ein nettes Gespräch.

Ich hatte an dem Tag vier Termine und vier sehr nette Gespräche. Eine Wohnung habe ich leider immer noch nicht, aber dafür Handynummern. Also liebe Singles, das könnte eure Chance sein, jemanden neues kennenzulernen, denn schließlich ist das zu Hause immer da, wo auch das Herz ist.

Tagebucheintrag Nr. 1

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Kommentare

20. Sep 2020

Guter und dabei kurzweiliger Einblick in die Perversionen des aktuellen Wohnungsmarktes mit seinen Bewerbungsmappen - noch besser finde ich aber die Erkenntnis und den persönlichen Umgang damit. Willkommen auf LiteratPro und viel Spaß hier! Denis

29. Sep 2020

Hallo Denis, ich fühle geehrt von Literat Pro höchstpersönlich willkommen geheißen zu werden. Vielen Dank!

22. Sep 2020

Toller Beitrag ! Willkommen in der Lebenswirklichkeit ! Neue Adressen sind eine
schöne Zugabe. Mit sozialer und freier Marktwirtschaft haben die Mietangebote
nichts zu tun. Rein gar nichts !
HG Olaf

29. Sep 2020

Hallo Olaf, also gefallen finden kann ich an dem jetzigen Wohnungsmarkt nur, wenn ich Material für Texte brauche. Mit etwas Glück und Geschick, kann man noch gute Chancen haben (kommt natürlich auch auf die Region an), aber sozial und gerecht ist es wirklich nicht. Hoffentlich ändert es sich in Zukunft.
Herzlicher Gruß zurück
Melina