Philosophie eines Tagträumers

Bild von Bernd Renner
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Traumland, ein wunderbares und faszinierendes Wort zugleich, doch viel mehr als nur ein Wort. Hier verbergen sich Hoffnungen und Ängste seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte. Gestern der Traum von dem Land, in dem Milch und Honig fließen, heute der "Alptraum" einer radioaktiv verseuchten Wüste, genannt Erde.
Doch wenden wir uns lieber der hoffenden Seite unseres Traumes zu. Ein jeder besitzt es, sein eigenes Land; wenn auch nicht im Katasteramt eingetragen, so macht es ihn dennoch zu einem reichen Menschen. Unsere nächtlichen Träume mögen Erlebtes verarbeiten, die Tagträume jedoch blicken in eine weite, meist unerreichbare Ferne. Gerade diese Ferne ist es, die uns reicht macht, denn sie erweitert unsere Umwelt um ein Vielfaches. Der Landstreicher wandelt in der Welt der Millionäre, der Schwerkranke meint sich unter den Gesunden.
Ein jeder träumt seinen eigenen Traum. Die Jugend von dem, was da kommen möge, die Alten..., ja, die Alten, wovon träumen sie eigentlich ? Vielleicht lässt sich hier eine "Abgrenzung" finden. Was ist Jugend ? Hier eine Grenze ziehen zu wollen wäre absurd. Aber dennoch, die Träume der Alten unterscheiden sich von denen der Jugend, denn die Träume der Alten sind Ihre Erinnerungen. Doch gerade dies macht aus jeder Grenze ein Kontinuum, denn das Gebäude unserer Erinnerungen wächst beständig; von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.
Ein jeder träumt seinen eigenen Traum, und dennoch ähneln sich die Träume von vielen. Die einen träumen von Reichtum, die anderen von Macht und Ruhm, und die dritten begnügen sich schon mit einem Stück Brot. Krass sind die Gegensätze. Eines jedoch habe alle gemeinsam, die Richtung Ihrer Träume schreibt ihre Umwelt vor. Der Arbeiter träumt von Reichtum, der Reiche von Macht, der Hungernde vom Brot.
Doch was ist mit dem, der alles hat ? An ihn hat keiner gedacht. Denn er, der nichts entbehrt, ist dennoch der Ärmste der Armen. Ihm bleibt nur noch der Traum vom Alter, auf dass seine Erinnerungen seine Träume sein mögen. Anstatt dessen sucht er lieber Trost im Alptraum, denn der alles hat, kann noch mehr verlieren. Eine komische Welt, in der wir leben...

Dieses Mini-Essay habe ich während meines Studiums in den 80er Jahren verfasst.
Alle Urheber - und damit verbundenen Rechte verbleiben beim Autor.

Veröffentlicht / Quelle: 
"Junger Tagträumer", Lippische Landes-Zeitung, Detmold, 1983
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