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Pubertät in den 90ern

Bild von Maximilian G. Engl
Bibliothek

Pubertät in den 90ern

Vier elfjährige Jungs auf dem kleinen Bolzplatz direkt neben dem Friedhof.
Toffi der kleinste und frechste der Bande entdeckt, als er den Ball holen will, ein Erotikmagazin namens Praline bei den Müllcontainern und beginnt es sofort gebannt druchzublättern. Alleine die Titelseite hatte ihn schon in Sekundenbruchteilen beim vorbeigehen auf magisch-wirkende Art mental eingefangen. Der Gedanke an den Fußball rückt in weite Ferne bei dem Anblick von nackten Frauen in anbietenden Posen.
Er ist höchstangetan und hat das erste mal in seinem Leben diesen Blick, den „Checkerblick“, der ihm und auch allen anderen pubertierenden für immer und ewig eingebrannt wird. Wir anderen drei merken schnell dass es da was sehr Interessantes gibt, weil Toffi auch auf unsere ersten zwei "Hey, was is´n los?"-Rufe nicht reagiert. Wir fetzen zu ihm und sitzen jetzt zu viert um die Praline als sei sie der heilige Gral. Zwanzig Minuten vergehen und wir blättern immer wieder von vorne. Endlich kann ich wieder einen klaren Gedanken fassen auch wenn dieser jetzt deutlich mit dem Drang nach mehr nackter Weiblichkeit infiziert ist. Ich frag Toffi ohne meinen Blick von einer großbusigen, breitbeinig auf einem umgedrehtem Stuhl sitzenden Blondine, deren Scham durch massiven Haarwuchs bedeckt bleibt, abzuwenden. Wo hast du die genau gefunden?
Toffi und auch die beiden anderen durchfährt mit meiner Frage die selbe Idee. Es ist entfesselt das unbändige, triebgesteuert- gehirnlose verlangen nach Brüsten. Toffi rennt los und wir hinterher mit einer Inbrunst und Energie jungen Göttern gleich. Wären wir beim Fussball-Training so agil und geladen gewesen, wären wir wohl alle Profifußballer geworden und mehrfache Millionäre. Es geht jetzt alles Schlag auf Schlag wir agieren wie ein Sondereinsatzkommando des Mossad. Der Container muss es sein, ohne Absprache steht sofort eine Räuberleiter parat. Toff der Entdecker gibt sich, im stillen Einverständnis aller, das Recht sie zu Betreten. Die Räuberleiter zum Himmel : The Stairway to Heaven. Der Griff ins Ungewisse, ein Wühlen und Fühlen. „Die Bunte“ oder „Die Tunte“, „Der Spiegel“ oder „Der Prügel“.
Seine Hände graben sich durch die „Süddeutsche“, das „Gelbe Blatt“ und den „Miesbacher Merkur“ bis er eindeutig anhand der Beschaffenheit des Papiers ein Magazin ertastet. Naja bei einem 3/4 vollen Papierkontainer kann das alles sein und die Wahrscheinlichkeit auf abgedruckte Erotik zu stoßen ist nicht besonders groß.
Wir sind trotzdem mehr als zuversichtlich. Vier lüsterne Augenpaare verfolgen funkelnd Toffis Arm, der sich andächtig dem Mülleinwurfschlitz nähert. Er zieht das Heft heraus und: Jackpot!!!
Wahnsinn!! Wir können gar nicht begreifen was wir da sehen… noch total paralysiert von der Praline wird uns jetzt alleine schon auf dem Deckblatt eine sehr viel freizügigere Lektüre präsentiert: „Versaute Analstuten 4“ in geschwungener blauer Schrift, darunter die Ablichtung einer braunhaaringen Frau mit wuschiger Dauerwelle. Sie steht da nach vorne gebückt, auf einer Sofalehne abgestützt und zieht mit den Händen ihre Pobacken so weit auseinander damit man deutlich ihr Popoloch sehen kann. „Hääää??? HÄääaÄäÄ???“
Wir Wissen nicht wie uns geschieht. Zum einen der Riesen-Triumph über die Beute zum anderen die totale Verwirrung. Ist das toll? Ist das geil? Was ist das? Warum zeigt sie uns ihr Popoloch? Krass!!! Es hat ganz offensichtlich mit Sex zu tun aber wieso präsentiert sie ihr Popoloch? Da kommt doch Kacka raus! Echt eklig... Phuuu! Wir blättern das Heft einmal durch und es sind nur fünf mal Brüste zu sehen und ein mal auch nur so halb. Wow, da haben wir uns ja mal auf eine einschlägige Entdeckungsreise begeben, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.
Die Saat der Begierde wurde gesäht, unsere Gehirne gebrandmarkt mit den beflügelnden Rundungen des sanften Geschlechts. Jetzt bin ich an der Reihe, steh auf und nähere mich durchströmt von Forschungsdrang mit stolzen Schritten dem Papiermüll im Namen der Wissenschaft. Flori bewirbt sich trotz der verstörenden Popolöcher schonmal für den ersten Tag Mitnachhausenehmen der „Analstuten 4“. Wir willigen jedoch noch nicht ein weil wir überhaupt nicht einschätzen können was uns in dieser Kiste noch erwartet.
In dem Moment in dem ich das Pornoheft in der Hand habe könnte es Alles sein, weil es noch keinen Betrachter gibt. Es könnte heiß sein, es könnte Scheiß sein und krasserweise sogar beides gleichzeitig solange man es noch nicht sieht. Das ist Verwirrend? Also ich fand im Alter von elf Jahren Popolöcher mit was prickelnderotisch-spannendem in Verbindung zu bringen viel verwirrender.

Räubereinsatzleiter steht! Zielstrebig durch die Zeitungen nach Mitte rechts. Ich muss mich total abplagen und meine ganze Schulter zusätzlich in die Öffnung stecken um endlich eine Zeitschrift zu spüren. Sag mal hat der Toffi trotz seiner Größe längere Arme als ich? Vollkommen Egal, denn ich hab was. Ich mache es kurz und Schmerzlos und bringe voll Hoffnung das bereits als Müll deklarierte Magazin zum Vorschein.
Eine wunderschöne rassige braungebrannte Göttin schaut mich mit ihren fesselnden blauen Augen an. Ich nehme nur noch gedämpft die Jubelschreie der anderen wahr. Ihr praller Po erhebt sich über den unteren linken Bildrand und läd mich in meiner Fantasie schon ein ihn zu befühlen. Ihr perfekter Busen, setzt ihrem verzaubernden Antlitz noch ein Sahnehäubchen auf. Sie dreht sich genau soweit zu mir, dass ihre beiden abgöttischen Liebesrundungen in unendlicher Pracht in einem neckischen Spiel aus Licht und Schatten wunderbar zur Geltung kommen. Ich blicke mehrere Sekunden auf diese nackte Lady, gleich einem Buddha meditierend ins Nichts schauend in einer Höhle komplett befreit und losgelöst von allen Gedanken im bloßen Dasein badend eins mit dem Ganzen ohne Ego ohne Ich.
Erste Gedanken umschwirren diesen erhabenen Zustand der Erleuchtung :
MEINS! MEINS, MEINS! Ich hab´s gefunden ich darf´s behalten!!!
Nur noch Reflexe, jetzt läuft für mich alles wie in Zeitlupe ab.
Ich checke in einem Bruchteil einer Sekunde sämtliche möglichen Fluchtwege aus und zugleich spiele ich einige mich hindernde Machenschaften der anderen in meinem Kopf durch.
Vor meinem Dritten Auge sehe ich mich schon sprinten als seien fünf wilde Rottweiler hinter mir her. Jetzt soll die hohe Kunst der Ablenkung ihren Anklang finden, indem ich einen entsetzten Blick nach rechts im Rücken meiner drei Kumpels werfe und lauthals ein :"Was ist denn das Krasses?" hinausrufe.
Dann renne ich so schnell ich kann nach links weg vorbei an Tim der es meinen kurzen Berrechnungen zufolge am wahrscheinlichsten verträumt mich aufzuhalten. Circa eine Sekunde später finde ich mich in genau diesem Szenario wieder.
Es läuft wie am Schnürchen, ich sprinte um mein Leben und die anderen wütend und grölend hinterher.
Die Gehört mir, MIR! Und ich hab sie in all den Jahren noch nie verliehen und sie auch nur äußerst erlesenen Freunden gezeigt, jedoch immer nur ohne sie aus der Hand zu geben.
Ich will nicht zu romantisch rüberkommen, aber ich habe sie auch Heute noch in einem guten Versteck vor meiner Frau in unserer Wohnung.
Es handelt sich um die Novemberausgabe des Playboys von 1991.

(In den darauffolgenden Jahren habe ich noch so einige anregende, verwirrende und teils auch verstörende Hefte aus genau diesem einem besonderen Container in der Mitte, der auch Heute noch neben dem Bolzplatz direkt beim Friedhof steht, gefischt. Aber nie wieder hatte ich so was tolles ergaunert wie diesen Playboy, der definitiv ein prägender Bestandteil meiner sexuellen Entwicklung war. An die Jugend : Man kann es kaum glauben aber wir hatten damals auch eine Art Sexualität vollkommen OHNE Internet !!!! Das hat funktioniert ...wir haben uns sogar fortgepflanzt!
Und in Jungen Jahren, weit davon entfernt in die ab18 Abteilung der Videothek zu dürfen, musste auch mal der Unterwäsche Teil eines Quelle oder Ottokatalogs reichen. Oder diese eine jene welche FA Reklame im Fernsehen. Oder Nachts der Sexkanal von Premiere. Der war zwar verschlüsselt und man sah nur Störstreifen aber der Ton war gut ;-) und mit viel Fantasie hat vielleicht sogar mal ein Busen durch das Störbild geblitzt.)