Sonntagskind

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von Martha lds
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Die alte Dame
Heute ist es anders als sonst. Heute wird der von ihr geliebte Gleichklang des Tages unterbrochen. Es ist schon nach Mittag, und die schweren, braunen Rollläden verstecken immer noch die vergilbten Fenster. Sie sitzt im Garten des kleinen Reihenhauses, dass sie mit ihm vor gut einem Jahr bezog und schaut auf die Veranda der alten Dame. Dort liegt noch immer der kleine Kehrbesen, den sie gestern mühevoll suchte, und schließlich hinter den aufgebäumten blauen Mülltüten fand. Währenddessen kam sie ins straucheln, fast wäre sie gestürzt und das Stöhnen, das sie beim Suchen von sich gab, hörte man über den zwischenliegenden Garten bis hin zu ihr. Nicht auszudenken, wenn sie auf den harten Steinboden gefallen wäre.
Die alte Dame feierte kürzlich ihren dreiundneunzigsten Geburtstag, und man sagt ihr nach, sie sei in der biederen Vorstadtsiedlung nicht sehr beliebt. Man munkelt, sie sei eine strenge Regelschullehrerin gewesen, damals, und verschaffte sich nicht nur durch ihren barschen Ton mehr Feinde als Freunde. Als die alte Dame sie neulich zu sich rief, damit sie sich ein paar Johannisbeeren pflücken solle, meinte sie ihn auch gehört zu haben, den barschen Unterton. Obwohl als nette Geste gemeint, waren ihre rauen, hervor preschenden Worte doch mehr als Befehl zu verstehen.
Dann, sich vor dem Johannisbeerstrauch gegenüberstehend, erkannte sie schnell die vergangene Schönheit der alten Dame. Die verschmitzten blauen Augen, die zwar jetzt von Schlupflidern ummantelt sind, leuchteten sie an. Die grauen, halbmondgeformten Brauen lassen erahnen, welch liebreizende Gesichtspartie sie einst schmückte. Lange Wimpern untermauern auch heute noch den Sophia Loren- Aufschlag und die vollen, naturroten Lippen sind trotz der vielen Fältchen, die sie umranden, noch schön anzuschauen .
Die alte Dame schreitet täglich, stets mit einer dezent gemusterten Kittelschürze bekleidet durch die Verandatür. Oftmals ist sie mit einem weißen Plastikeimer bewaffnet, um Unkraut zu zupfen. Bedächtig und langsam, fast krumm, aber stets mit anmutigem Stolz bedacht, geht sie die kleine Treppe zum Garten herunter. Man merkt, wie schwer es ihr fällt, jede einzelne Stufe zu bezwingen. Auch hier wird gestöhnt, und manchmal leise geflucht, aber ihr Gesicht ist immer gen Himmel gerichtet. Bisweilen sieht ihre Gestalt dramatisch aus, wenn der zierliche Körper durch Schmerz tief gekrümmt ist, sie aber erhobenen Hauptes die Strapazen der fünf Stufen bestreitet. Ihr Kopf ist nur gerade, wenn sie in Dialog mit ihren Mitmenschen geht, ansonsten ragt er stets ein wenig zu stark nach oben. Vielleicht sah sie als Kind zu oft nach unten, so wie ‚Hans guck in die Luft‘ zu viel nach oben schaute. Vielleicht maßregelten sie die Eltern deshalb immer wieder, dass sie es sich irgendwann abgewöhnte, ihren Weg im Leben mit dem Blick nach unten gerichtet zu beschreiten. Vielleicht sagte sie sich aber auch selbst, es ist schöner und gesünder für die Seele, das Blau des Himmels und das Gelb der Sonne zu betrachten, als den staubigen Feldboden des alltäglichen öden Steinweges. Heute jedoch fehlt sie, die alte Dame.
Der hellbraune Holzstuhl steht leer neben dem mit einer blauen Plastikdecke bezogenen Tisch. Auf ihm ein gelbliches Asterngesteck, das ihr gestern die Angestellte des Essdienstes mitbrachte. Eigentlich nett anzuschauen, aber auf sie wirkt dieses Stillleben bedrohlich. Es wirkt, als wenn es sich nie mehr verändern wird, dieses Bild. Als ob der Stuhl nun auf immer leer bleiben wird, und irgendwann, in ein paar Wochen, an der Vorderseite des Hauses mit dem Rest des Mobiliars auf den Sperrmüll warten würde. Die polnischen Untermieter, die der Hausherr gegenüber seit einiger Zeit beherbergt, würden in der Nacht vielleicht einige Möbel an sich nehmen, um damit ihre spärlich eingerichtete Wohnung im zweiten Stock schmücken. Der Nachbar klingelte nämlich vor einiger Zeit bei der alten Dame, um nach ausgedienten, aber noch brauchbaren Möbeln zu fragen. Sie wurde Zeugin, wie sie ihn argwöhnisch abwimmelte, um hurtig wieder ihre Haustür zu schließen.
Sie müsse sich an den Gedanken gewöhnen, dass die alte Dame nicht mehr auf dem Holzstuhl sitzen wird, um widerwillig das vom Pflegedienst hingestellte Mittagessen entgegenzunehmen. Oft stritt sie mit den Angestellten, schimpfte sie, weil es ihr nicht mundete, die in Plastik verpackte Mahlzeit. Dabei wählte sie auch hier hin und wieder eine Sprache, die erahnen ließ, warum sie es sich ihren Mitmenschen verdarb.
Man sagt, sie, die alte Dame habe nie geheiratet, weil ihr Verlobter, den, den sie liebte, nicht aus dem Krieg zurückgekehrt sei. Des Öfteren fragte sie sich jedoch, ob sie sich wirklich nie mehr einem anderen Mann hingab, nachdem sich das persönliche Trauerdrama ereignete. In guten Momenten dichtete sie dem Schicksal der alten Dame eine abenteuerliche Wendung an. Es reichte womöglich nicht mehr für eine große Liebe, aber vielleicht war es auch einer wunderbaren Liaison zu verdanken, dass die alte Dame dazu übergehen ließ, den Blick vom Staub ins Licht zu richten. Dafür gestattete sie ihrer Phantasie freien Lauf und erträumte sich für die alte Dame atemberaubende Orgasmen, heiße Liebesnächte in verschlagenen kleinen Betten, oder in holzmodrigen Klassenzimmern der fünfziger Jahre, hinter dem Pult. Durch das täglich reale Erleben der alten Dame verabschiedete sie sich jedoch schnell wieder von diesen leichtlebigen Gedanken. Es würde nicht zu ihrem Bild passen, zu ihrer Strenge und Disziplin gepaart mit ein klein wenig Verbitterung, die sie heute regieren.
Sie altert schwer. Vor drei Jahren war alles noch möglich, erzählte sie ihm vor einiger Zeit, als sie ihn zu sich holte, um die klemmende Garagentür zu reparieren. Da machte sie mühelos noch sämtliche Garten- und Hausarbeit allein, heute sei dies nicht mehr möglich. Heute fiele ihr alles schwer. Sie erzählte es ihm fast überrascht, überrascht, dass das Alter sie nun doch eingeholt hat. Dabei schaute sie ihn mit großen, kullernden Augen an, so, wie ein kleines Mädchen, das Schutz sucht. Vielleicht merkte die alte Dame genau wie sie damals am Gleis, das er es kann, beschützen.
Er erzählte ihr, dass in der Garage die alte Dame ein sehr gut erhaltenes, gelbes VW-Cabrio steht. Ein Überbleibsel aus besseren Tagen, meinte sie, nachdem er es interessiert betrachtete. Es hat das Alter zwar auch erreicht, aber sie habe sich akribisch gekümmert, damit es nicht verroste und

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