Hock bei der Startrampe J - Der Vermittlungserfolg

Bild von Klaus Mattes
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„Was bringt es, wenn man sich Ziele setzt?“, steht als Leitfrage auf dem Flipchart.

Eine typische Frage der Frau Henkenhaf, die ihre Antwortenaufzählung im Kopf oder auf dem Zettel mitbringt und nachher übersichtlich und klar neben die Spiegelstriche unter so einer Einstiegsfrage platzieren wird.

„Wem alles egal ist, wer nur vor sich hin lebt, wer nicht länger nach Zielen strebt, der hat sich aufgeben und wird bald untergehen. Der kann sich begraben lassen. Dann macht man zu. Man versinkt in sich selber. Versinkt im Trott. Man geht nicht mehr raus, man spricht mit keinem. Und dann ist es vorbei“, antwortet Herr Weise.

Herr Bross, der zu Spott und Querschlägen neigt, wie man in den von ihm hiermit niedergelegten Aufzeichnungen sehen wird, wirft hier ein: „Und die Rentner? Die leben auch den Trott jeden Tag, versinken in ihrer Vergangenheit, sie sind alleine, sprechen kaum noch mit jemand.“
„Aber das kann man überhaupt nicht vergleichen!“, braust Herr Weise auf. „Die haben ihr Zeug im Leben schließlich geschafft.“

Dass Herr Weise jemals im Leben sein Zeug geschafft haben könnte, hält man bei ihm - wie bei so manchem Dickerchen - für denkbar. Dass er jemals nicht mehr weitersprechen wollen wird, eher nicht. In der Pause hebt unser Koch Hemd und Pullover hoch und zeigt uns vor, wie er mit der Dosierpumpe das Insulin in den, wie er sagt, im Gefolge einer Vielzahl von Medikamenten aufgetriebenen Bauch spritzt. Er erzählt, wie er in Schwierigkeiten gekommen war, weil er einem „Light“-Aufdruck auf dem Energy Drink Glauben geschenkt hatte.

Knötchen bilden sich immer neu in den Adern dieses Mittvierzigers. Dauernd muss er ärztlich überwacht werden. Er könnte demnächst schon blind sein. Oder seine Beine verlieren. Bis jetzt hat er sie noch, aber langes Stehen geht nicht mehr, darum kann er den Koch nicht mehr machen. Auch den Stress erträgt er nicht mehr.

Wenn man ihn hört, dürfte Herr Weise in seiner Familie etwa der Loser sein. Obwohl er es nicht so empfindet. Er ist alleine und hat keine Kinder, war nie verheiratet, wurde jedoch von seiner letzten Freundin verlassen, seinen besten Kumpel hat sie ihm ausgespannt. Dagegen seine Mutter, zwar verwitwet, aber sofort einen stinkreichen Mann kennen gelernt und wegen ihm in den Süden von Westdeutschland gezogen. Herr Weise dann hinterher. Herr Weise kennt die Depression. An der Ostsee, das war doch noch im Sternerestaurant, hundert Euro fürs Menu. Herrn Weises Bruder betreibt mehrere Online-Shops im Osten drüben, der arbeitet um die Uhr, vergrößert jedes Jahr. Herr Weise stellt Kundenbewertungen und Verlinkungen zu den Shops seines Bruders ins Netz rein. Sein Schwager ist derweil in Indien, Manager. Genau vor einem Jahr hat Herr Weise in Mumbai auf dem Markt Masala gekauft.

Die Teilnehmer sollen festhalten, was sie für Ihre größten Erfolge halten, worauf sie stolz sind im Leben. Lachend besinnt Herr Weise sich auf die Anzahl Frauen, die er im Bett hatte. Denen setzte er selbst gemachtes Asiatisches vor. Frisch aus dem Wok, knackiges Gemüse, King Prawns. Oder Seezunge, Spargel, himmlisch. Ein anderes Mal ist Herr Weise in der Pause aber traurig, weil er die Alterseinsamkeit kommen ahnt, welche auf jeden Langzeitarbeitslosen dann mal zukommt.

Dann geht’s um seinen Urlaub samt Weinpflücken in der Kap-Provinz, übers Golfen, das er nicht betreibt, aber kennt, über Sterneläden im Elsass, wo er sehr gut gegessen hat. Um die Wasserwunderwelt mit fantastischen Massagen, wundervoll, seine Mutter nimmt ihn mit. Ums Texas-Büffelfleisch und wie man die Preise treibt in ebay, indem man mit unterschiedlichen Konten gegen sich selbst ansteigert. Bundesligaspiele, Madonna-Konzerte, da geht er hin oder verkauft es, wenn das lukrativ wird.

„Ich habe mich hier ja schon um Kopf und Kragen geredet“, sagt Herr Weise in einer Pause, als ihm schließlich aufgeht, dass für die Hartz-IV-Empfänger sein Lebensstil sich feudal anhören müsste. Er habe noch verschiedene Einnahmequellen, eine davon wäre seine Mutter.

Seit er der Mutter nach Süden gefolgt ist, scheinen Weises Verhältnisse zum Flickenteppich aus flugs wechselnden Arbeitsintervallen geworden zu sein.
„Ist in der Gastronomie normal. Abenteuer liegt uns im Blut. Die berühmten drei F. Fressen, Ficken, Fixen“, lacht er.

Mal war Herr Weise im Kaufhaus Koch. Mal beim Bruno, einem gehobenen Gastronomen, der jeden Tag ein einziges Menü offeriert, dieses zu einem unschlagbaren Preis. Leider muss man beim Bruno nachhaken, bis man sein Geld sieht. Auch bei der Startrampe ist Herr Weise früher schon mal gewesen, zuerst als Koch. Er war Ein-Euro-Jobber in ihrer Beschäftigungsgesellschaft, mit der sie die Kantinen von sozialen Einrichtungen betreiben. Im Stadtgartencafé war er auch schon. Das hat die WEG, was eine Art Hilfsvereinigung-Konkurrenz zur Startrampe ist, im Wesentlichen die Arbeitskräfte auch per Förderung der Agentur bezahlt.

Die ganze Scheiße hält er nicht ewig durch, sagt Herr Weise. Und mit Scheiße meint er nicht seine befristeten Stellen, sondern vor allem Schwätz- und Zeittotschlagkurse wie den hier.
„So ein Schwachsinn jeden Tag! Alles nur Leerlauf! Alles Quark, was die uns aufs Auge drücken.“
Herr Weise steigert sich kurzfristig rein, wenn er plärren muss, vergisst es nach wenigen Minuten wieder und beteuert bei Bedarf auch das Gegenteil.
„Ich bin so oft verarscht worden. Heute kriegt die Henkenhaf mal was zu hören! Die dort bei Jobavanti! Wo die Henkenhaf mich extra hingeschickt hat!“

Ja, die Personalagentur Jobavanti und jene zehn Euro auf die Stunde fürs Kassieren im Supermarkt. Frau Brückner und Frau Wergraff waren im Gespräch, aber beide sind nur teilzeitvermittelbar. Herr Weise ist Vollzeiter, daher ganztägig in der Maßnahme. Fast jubilierend war er da weg. Aber schon nach dem Wochenende wieder hier und voller Widerwillen. Die Jobavantis täuschen den Bewerber wissentlich. Erst sucht man Halbtagskräfte, wenn man sie sieht, doch wieder nur eine Vollzeitkraft - und wenn er ankommt, ruft man später noch mal an und dann heißt es, alles ein blödes Missverständnis und nur Halbtagsstellen frei. Zudem wäre das in einer anderen Laufbrand-Filiale gewesen, als vorher versprochen.

Frau Henkenhaf findet für Herrn Weise ein, allerdings sehr weit entfernt angesiedeltes Sicherheitsunternehmen, doch die spätere Tätigkeit wäre hier im Umkreis und zwar für den Empfang von einem Marktführerunternehmen. Fremdsprachenkenntnisse unabdingbar, aber damit kam Weise so in etwa schon dienen. Fürs Vorstellungsgespräch wäre weit anzureisen, aber egal, seine Mutter sei unausgelastet und die Fahrtkostenerstattung hätte hinterher dann angemessen zu sein.

In der Woche danach ist Herr Weise schon wieder im Stuhlkreis und war wieder verarscht worden. Man hätte mehr als einmal noch telefoniert. Hemden und Krawatte hätte er gekauft. Und jetzt stellt sich raus, dass sie ihn für die Nachtwache wollten. Für die ganze Nacht wären das immer zwölf Stunden und da müsse man das riesige Areal abgehen. Das geht nicht mit seinem Zucker. Für die Pforte am Tag wäre es gegangen. Und zu allem hin habe sich gezeigt, dass man das unter der Woche zwar mit Bus schaffen könne, an den Wochenenden aber niemals. Herr Weise hat keinen Führerschein.

Es gibt noch das Pronto-Angebot, auf das Frau Henkenhaf immer wieder mal zu sprechen kommt. An Pronto wurden im Lauf der letzten zwei Jahre mehrere Kursteilnehmer von der Startrampe vermittelt, zur allseitigen Zufriedenheit. Pronto leistet für die Märktekette Laufbrand einen von den Call-Center-Diensten. Dabei geht es um Fotoalben. Laufbrand-Kunden reichen ihre Bilddateien ein und bekommen ein gedrucktes Buch zugeschickt von einem Drittunternehmen. Einerseits muss man knifflige Nachfragen klären, andererseits Kundenbeschwerden aufnehmen. Herr Weise kannte es vorher schon, denn Pronto hat ihre Suchanzeige bei der Arbeitsagentur immer wieder drin. Da hatte er sich schon vorgestellt. Ihn hatten die da nicht gewollt, obwohl sie ein richtiges Assessment Center für ihn durchgezogen hätten.

Frau Wergraff wurde gefragt. Nein, Call Center eher nicht, außerdem müsse sie wegen der Tochter auf halbtags bestehen. Herr Störk wurde gefragt, ein kleiner Fünfziger, mit einer lebenslangen chronischen Krankheit, die man nicht erraten kann und welche er eisern geheim hält. Seine Krankheit hat schon seit der Schulzeit dazu geführt, dass Herr Störk Zeit in Behandlungen und speziellen Bildungseinrichtungen zubringen musste, mit denen er es bis zum Mediengestalter gebracht hat, in welchem Beruf er paar Jahre dann auch tätig war, ist aber schon zwei Jahrzehnte her. Startrampe und auch der Rivale WEG kennen Herrn Störk von früher. Sie kennen ihn als Ein-Euro-Jobber für handwerkliche Hilfsarbeiten.

„Pronto? Auftragsannahme?“, beantwortet Herr Störk Frau Henkenhafs Frage mit fassungsloser Gegenfrage. „Also, das kann ich mir für mich jetzt nicht vorstellen.“

Seltsamerweise wird als Nächstes die einzige Rollifahrerin im Kurs, Frau Schnurr, zur Telefondialogmitarbeiterin ernannt. Obwohl sie sich schwertut mit der Bedienung ihres Computers, nach den Buchstaben der Tastatur öfters suchen muss, wegen den Lähmungen manchmal ihren Mund nicht richtig aufmachen kann, die Stimme oft laut und unangenehm schrill klingt, was man ihr aber ja schlecht sagen kann.

Frau Schnurr geht ohne irgendein Assessment ins Praktikum zu Pronto. Während ihrer Abwesenheit sagt Frau Henkenhaf, bei Pronto laufe das bestens, sie hätten telefoniert, Frau Schnurr mache sich prächtig. Und der Stundenlohn bei Pronto wäre halt Mindestlohn. Und jetzt kehrt Frau Schnurr vorzeitig zurück.
„Es hat eben nicht gepasst“, kürzt Frau Henkenhaf ihre Geschichte ab.
Schuldbewusst deutet Frau Schnurr in der folgenden Pause an, beim synchronen Sprechen übers Headset und Herumklicken an zwei Monitoren habe sie sich nicht wirklich bewährt.

An der Stelle findet Frau Henkenhaf, Herr Weise könnte es mit Pronto schon noch mal probieren. Er komme jetzt von der Startrampe und das verändere seine Chancen. Herr Weise geht zu Pronto und stellt sich vor und ist sofort eingestellt, kein Praktikum, ein halbes Jahr Probezeit. Wegen dem Mindestlohn oder Zulagen verhandelt er noch.

Der Koch steht in der Milchglastüre und winkt Ade: „So, liebe Leute, ich bin dann weg. Bleibt alle sauber! Nach so vielen Klitschen, wo sie die Leute reinlegen! Pronto, da stimmt einmal alles. So was spürt man immer gleich, wenn man reinkommt.“