7544 Dunkelgrüne Hemden, dunkelgrüne Handtücher

Bild von Klaus Mattes
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Ich bin an diese Maßnahme mit der Überzeugung gegangen, dass sie sinnlos ist. Dass sie erdacht wurde, damit das Arbeitsamt in einem weiteren Fall zeigen kann, es hat dem Mensch eine Hilfe gereicht. Wobei nicht mehr geschaut wird, was für ein Mensch dieser 4237882-xc ist. Der vor dem Praktikum abgelaufene Theorie-Kurs bei ZBV schien mir mein Urteil zu untermauern. Mit der letzten verfügbaren Reserve hatte man ihn im allerletzten Augenblick auf halbe Soll-Teilnehmerstärke hinauf geächzt und dann mit unendlichem Ablesen von belanglosen Kursunterlagen abgehakt.

Um nun dieses Praktikum zu finden, hatte ich mir keines meiner Beine ausgerissen. Ich stellte mich auf den Standpunkt: Man hat mir gesagt, es gibt für jenes Unterrichts-Institut einen Praktikanten-Plätze-Pool. So war mir gesagt worden, aber es gab keinen und die Schule tat null. Was soll ich mich anstrengen? Aber wir hatten Frau Kertscher und Frau Kertscher ging es anders an. Frau Kertscher hatte in kürzester Zeit zwei Praktikumsplätze übrig, die sie verteilen konnte. Einer davon war bei der AOK, den kriegte ich. Frau Abert von der AOK-Marketing-Abteilung wusste kaum, wie ihr geschah. Aus Frau Kertscher war Herr Mattes geworden.

Die AOK hat für Praktikanten eine fest geregelte Arbeitszeit. Die ist Montag bis Freitag 8.30 bis 17.00 Uhr, eine halbstündige Mittagspause inklusive. Ja, auch Freitagnachmittag. Da wird es dann sehr verwaist im Haus, wenn die übrigen Angestellten mit ihren Chipkarten (für die Kürze eines Praktikums bringt man es nicht zu so was) in Folge ihrer Gleitzeiten ins Wochenende abgleiten. Wie ja oft ist auch diese AOK zentrumsnah, das machte es gut für mich.

Was nun die Frage angeht, was Marketing überhaupt ist. Marketing ist, wenn man nie sich erschöpfende Paletten, auf welchen Kalender, Flyer, Poster, Sticker, Broschüren, Kinder-Überraschungen, Zettelblöcke, Tassen, Kugelschreiber, T-Shirts, Kapuzen-Shirts, Handtücher, Mützen sich stapeln, entladen, auspacken, nachzählen, abstreichen und auf etliche Lagerstellen umsortieren muss. Oder Gebinde binden für die diversen regionalen KundenCenter am Rande der Wüste, wo Feste auf dem Markt- und Sportplatz, Info-Tage und Wettkämpfe für die Kleinen steigen. Hierfür werden auch Banner bereit gelegt. Und für das Personal von den Ständen gibt es hellgrüne Kleidung, die nach ihrer Rückkehr nachgezählt wird. Unter dem Personal gibt es verschiedene Geschlechter und Größen, dies alles kommt in Excel-Tabellen. Zum ersten Mal war mir der Word- und Excel-Kurs, zu dem mich das Jobcenter vorher geschickt hatte, zu was gut. (Ja, Word war schon gut für was, aber ich konnte es schon vorher.) Sogar die neuen Kleber für die Aktenordner-Rücken konnte ich anlegen - mit PowerPoint.

Vor meiner Arbeitslosigkeit hatte ich schon mal als Werbetexter gearbeitet. Das kam mir hier gelegen, denn man lässt mich eine knackige Unterzeile zu einem Brief-Betreff oder für ein Blatt mit aktuellen Gesundheitstipps umschreiben oder sogar neu machen. So werden Arbeitnehmern Zettel zur Lohnabrechnung gelegt: „Wie werde ich Nichtraucher? Das 10-Punkte-Progamm“. Unglückseliges Zusammentreffen, denn nachdem ich beim Pfandflaschensammeln mehrfach nicht ganz aufgerauchte Zigarettenpackungen gefunden habe, fange ich gerade mit dem Rauchen wieder an. Zurück zur Erfahrung aus der Werbeagentur. Wie von dort bekannt, werden auch hier meine charmanten Entwürfe von den Zuständigen regelmäßig wieder verhunzt.

Immer gibt es was zu tun, hier ist viel los. Und schon komme ich nicht mehr dazu, täglich meine e-Fan-Post zu checken. Bei der AOK lässt man Praktikanten nicht alleine ins Internet. Aber ich muss mich, zu Hause, natürlich weiterhin wenigstens einmal die Woche um eine Stelle bewerben. Die Eingliederungsvereinbarung fürs laufende Halbjahr verlangt es, im Jobcenter hat man extra darauf hingewiesen. Da ich mittags in einer halben Stunde mein Vesperbrot sowie eine Tasse Kaffee verzehre, muss ich abends noch kochen. Und immer weiter Pfandflaschen sammeln, denn für die AOK-obligatorischen Krawatten gibt mir keiner was. Am Hartz IV hat sich wegen dem Einsatz nichts verschoben. Und immer noch will ich mal ins Kino gehen. Außerdem brauche ich nachts Zeit für den Park. Mein ausgefülltes Leben.

Nach drei (von vier) Wochen gehen zum Wochenende die Marketing-Leiterin, die mich eingestellt hatte, sowie deren Assistentin, Frau van der Zee, die mich mit Arbeit auf Trab gehalten hat, in Urlaub. Ich sehe die beide nicht wieder. Eine Woche arbeite ich noch unter deren Vertreterinnen. Übrigens wirklich weit unter ihnen, denn die grünen Give-aways lagern in mehreren Kellergeschossen unter dem AOK-Gebäude. Zum Schluss offenbart Frau van der Zee, dass ich sehr gute Leistungen erbracht hätte und ihr eine große Hilfe gewesen wäre. Wahrscheinlich hätte sie mich deshalb auch mit vielerlei anderen Aufträgen beladen können, auch diese hätte ich gemeistert, aber leider hätte sie mir nur Hilfsarbeiten geben können („Hört, hört, Euer Ehren!“), anderes lasse bei der AOK der Datenschutz nicht zu.

Och ja, schon gut. Denn weder habe ich bei dieser Gesundheitskasse jene Sorte mental absonderlicher Charaktere wie seinerzeit in der Buchhandlung angetroffen, noch waren die Erwartungen bezüglich dessen, was man an Hektik und Stress aushalten könnte, wenn alles doch mal wieder zusammenkommt, nur entfernt so steil wie bei den Werbetreibenden. („Ohne Druck schöpfen Sie Ihr inneres Potenzial nie voll aus!“)

Überhaupt ließe es sich leben in der AOK und mit in etwa dieser Arbeit. Angenommen, man würde damit Geld verdienen und sogar in Urlaub fahren können. Es ist nur meine individuelle Macke, dass ich nicht einsehe, wie man sein einmaliges, nie wiederkehrendes Leben für so einen Krimskrams weggeben kann. Es stimmt nun mal nicht, dass man Woche für Woche vierzig Stunden Gelderwerb abreißen und rund herum noch was Ersprießliches sich dichten könnte. Sieben und eine halbe Stunde Päckle schieben und hinterher bisschen Zeitungen ausschneiden macht einen schon auch groggy. Andere mögen es übrigens können. Man ist leider immer nur man selbst.

Die Frau van der Zee, sie ist Tag ein, Tag aus, Woche um Woche, Jahr für Jahr, unermüdlich auf Achse, telefoniert den 85 verschiedenen AOK-Faltblättern hinterher und erfasst ihren Bestand und portioniert für die Außenstellen und fährt, mit einem Lidl-Einkaufswagen, keine Ahnung, wie der den Weg in die AOK fand, die Portionen zur Poststelle hinunter. Ach, Kinder-Give-aways! Ach, Unternehmen-Give-aways! Ach, Senioren-Give-aways! Ach, du verregnetes Spannband: „Herzlich willkommen“.

Schließe deine Augen! Stelle dir eine norddeutsche Rötliche vor. Knochig ist sie. Ihr Sohn kriegt nur vegane Pizza. Am Sonntag fahren sie Rad. Der niederländische Name ist wegen dem Ehemann. Sehr lutherisch ist sie, von einem gewaltigen Arbeitsethos erfüllt. Im Gegensatz zu einer Buchhändlerin, die wir kennen lernen durften, ist sie nicht panisch getrieben von der Angst, es nicht komplett alles alleine kontrollieren zu können. Sie hat es schon im Griff. Dennoch mag irgendwann der Zusammenbruch doch noch kommen. Sie hat endlose Jahre.

Wenn Frau Abert, die Chefin, jenes aparte Mädel von der FH, könnte auch sein, diese Leitung hat sie beim Lotto gewonnen, von drüben aus den großen Schuhen herüber ruft, Herr Weinmann von Öttlingen habe angefragt, die machen was mit Kindern und früher haben sie immer was für die Kinder bekommen von uns, aber das ginge zurzeit schlecht, denn man hätte beschlossen, dass dieses Jahr Geld bis Silvester da sein müsse, ob Frau van der Zee nicht wisse, ob nicht die grünen Erste-Hilfe-Täschchen im Lager noch wären? (Pflaster und all dieser Kram – und unter Freunden: Stark überteuert haben sie es angekauft.) Jetzt antwortet Frau van der Zee am Telefon, sie geht gleich in den Keller und sie zählt das ab (oder lässt mich's machen, ich Praktikant, der in Hörweite sitzt, wenn er hier oben sein darf). Frau van der Zee liest im Ordner (damals nicht das papierlose Büro, aber auch das hier ist paar Jährchen her). O Gott, Mönsch, diese Täschchen haben 4,45 € das Stück gekostet (plus 19 % MwSt). Frau van der Zee weint sozusagen, so sehr ist ihr Fleisch mit dem der AOK verwachsen. Ob sie das jetzt noch machen darf, was sie mit Frau Abert besprochen hat, Frau Abert wusste doch nicht, welch Verlust für die grüne Kasse damit einhergeht.

Einige Tage später stellt sich noch heraus, dass Frau van der Zee zuvor im Reisebüro gearbeitet hatte. Ihr Gatte managt eine Bio-Obst-Plantage. Und hier bei ihr momentan noch ein Herr, der seit Jahren überhaupt nichts mehr getan hat. Kannst du dir vorstellen, dass diese Frau es für unmöglich halten muss, so ein Mensch könnte, was sie jeden Tag in Atem hält, nicht aufregend finden?

Zum Urlaubsbeginn gibt Frau Abert (Chefin Marketing, das aparte Mädel) mir die Hand und wünscht, dass es mit mir weitergeht, wenn ich in einer Woche von der AOK weggehe. Van der Zee vertraut mir (erstmals) an, dass bei der AOK einstweilen niemand mehr eingestellt wird. Geld sparen. Dass sie allerdings nachhaken wird, weil sie im Vorlauf zu Weihnachten dringendst doch eine Hilfe bräuchten.

Ich überschlug bei 20 Arbeitstagen für jeden einzelnen Tag 5 Prozent. Vorgestern waren es 65 Prozent, zwei Drittel vergangen. Gestern waren es 70 Prozent. Heute sind es 75 %, drei Viertel! Wahn, die Zeit, sie rennt!