Das geheimnisvolle Buch: Ein ewiges Motiv der Weltliteratur
Es gibt Bücher, die man nicht nachliest, sondern fürchtet. Seit Jahrtausenden umkreist die Literatur ein Objekt, das mehr verspricht als die Summe seiner Seiten: einen Träger verborgenen Wissens, ein Versprechen von Macht und eine Quelle der Gefahr. Das geheimnisvolle Buch ist ein Motiv, das älter ist als der Roman und ihn bis heute begleitet.

Die Faszination beginnt nicht mit der Fiktion, sondern mit dem Glauben. Schon das altägyptische Totenbuch war kein Buch im heutigen Sinn, sondern eine Sammlung von Sprüchen, die den Verstorbenen sicher durch das Reich des Sonnengottes Ra ins Jenseits geleiten sollten. Wissen als Schlüssel zu einer anderen Welt: Diese Gleichung hat sich früh in die Vorstellung eingeschrieben und nie wieder gelöst.
Wie lebendig das Motiv geblieben ist, zeigt sich noch dort, wo man Literatur kaum vermutet: In den Spielautomaten Casinos gehören ausgerechnet die Titel rund um das geheimnisvolle Buch zu den beliebtesten überhaupt, wie eine Übersicht auf BILD.de belegt. Das populäre Spiel greift damit ein Bild auf, das die Hochliteratur seit ihren Anfängen beschäftigt.
Das Buch als Quelle verbotenen Wissens
Am Anfang steht die Angst vor dem, was ein Buch enthalten könnte. Das Grimoire, das Zauberbuch der frühen Neuzeit, versprach Herrschaft über Geister und Natur und stand zugleich unter dem Verdacht der Ketzerei. Die Literatur hat dieses Doppelgesicht bewahrt: Erkenntnis und Verdammnis liegen im selben Band. Das gefährliche Buch tritt dabei in wiederkehrenden Gestalten auf.
- Das Zauberbuch: verspricht Herrschaft über Geister und Natur, vom Grimoire bis zu Fausts Nostradamus-Band.
- Das vergiftete Buch: sein verbotenes Wissen tötet den, der es aufschlägt.
- Das erfundene Buch: wirkt allein durch seine Idee, ohne je zu existieren.
Bei Goethe wird daraus große Bühne. In der Nacht-Szene von Goethes „Faust“ schlägt der Gelehrte das Buch des Nostradamus auf, erblickt das Zeichen des Makrokosmos und wendet sich dann dem Zeichen des Erdgeistes zu, den er beschwört. Das Buch ist hier kein Nachschlagewerk, sondern ein Tor, und der Griff danach der Beginn der Tragödie. Dass der beschworene Geist ihn verächtlich abweist, macht die Niederlage nur bitterer. Goethe schöpft dabei aus einer alten Angst der Renaissance, in der das Studium der falschen Bücher als Pakt mit dunklen Mächten galt.
Umberto Ecos „Der Name der Rose“ von 1980 macht ein einziges Buch zum Mordmotiv. In einer klösterlichen Bibliothek, die als Labyrinth angelegt ist, hütet der blinde Mönch Jorge von Burgos den verschollenen zweiten Teil der aristotelischen Poetik über die Komödie und hat die Seitenränder vergiftet, damit niemand liest, was das Lachen rechtfertigt. Wissen tötet hier ganz buchstäblich.
Am äußersten Rand dieser Reihe steht ein Buch, das es nie gab. H. P. Lovecraft erfand das Necronomicon, das finstere Werk des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred, und bestätigte wiederholt, dass dieses „Buch der Toten“ reine Erfindung sei. Trotzdem ist es das vielleicht berühmteste fiktive Buch der Moderne, ein Beleg dafür, wie stark schon die bloße Idee eines verbotenen Buches wirkt.
Das Buch als Labyrinth und Unendlichkeit
Nicht jedes geheimnisvolle Buch ist gefährlich. Manche sind schlicht zu groß für den menschlichen Verstand. Jorge Luis Borges, nach dem Eco seinen blinden Bibliothekar benannte, trieb das Motiv ins Grenzenlose. In der „Bibliothek von Babel“ von 1941 enthält eine endlose Bibliothek sämtliche denkbaren Bücher und damit fast nur Unlesbares; in „Das Buch aus Sand“ von 1975 besitzt ein einzelner Band unendlich viele Seiten, von denen sich keine ein zweites Mal aufschlagen lässt. Das Buch wird bei ihm zum Bild des Universums selbst: geordnet, vollständig und trotzdem nicht zu entziffern.
Bei Michael Ende kippt dieselbe Schwelle in die andere Richtung. In „Die unendliche Geschichte“ von 1979 liest sich der Junge Bastian nicht durch ein Buch, sondern in es hinein, bis Leser und Gelesenes nicht mehr zu trennen sind. Aus dem Gegenstand wird ein Ort, den man betreten kann und aus dem die Rückkehr Mühe kostet. Das Lesen selbst wird zur Grenzüberschreitung, die den Leser nicht unversehrt zurücklässt.
Quer durch die Epochen kehren dieselben Rollen des geheimnisvollen Buches wieder. Die folgende Übersicht ordnet einige der bekanntesten Beispiele.
| Werk | Autor / Ursprung | Rolle des Buches |
|---|---|---|
| Ägyptisches Totenbuch | altägyptisch | Wegweiser ins Jenseits |
| Faust | Goethe (1808) | Tor zur Geisterwelt |
| Der Name der Rose | Umberto Eco (1980) | tödliches, verbotenes Wissen |
| Die Bibliothek von Babel | Jorge Luis Borges (1941) | das Buch als Unendlichkeit |
| Die unendliche Geschichte | Michael Ende (1979) | Portal in eine andere Welt |
| Necronomicon | H. P. Lovecraft (fiktiv) | Inbegriff des verbotenen Buches |
So verschieden die Werke sind, sie kreisen um denselben Kern: das Buch als Versprechen von etwas, das über den bloßen Text hinausreicht.
Warum das Motiv bis heute wirkt
Das geheimnisvolle Buch hält sich, weil es mehrere Bedürfnisse zugleich bedient, die keine Epoche verliert. In immer neuen Gestalten übernimmt es die gleichen Funktionen.
- Verbotenes Wissen: das Buch, dessen Inhalt gefährlich ist, von Goethes Faust über Eco bis Lovecraft.
- Unendlichkeit: das Buch, das sich dem Begreifen entzieht, wie in den Erzählungen von Borges.
- Schwelle: das Buch als Übergang in eine andere Welt, vom Totenbuch bis zu Michael Ende.
- Objekt der Macht: der Band als Besitz, der seinen Leser verändert.
Diese Funktionen wandern mühelos von einem Medium ins nächste. Der Buchdruck erbte sie von der Handschrift, das Kino von der Literatur, und das digitale Spiel erbt sie nun vom Kino. Dass ausgerechnet Titel wie Book of Ra oder Book of Dead zu den bekanntesten ihres Fachs zählen, ist nur die jüngste Wendung einer sehr alten Geschichte: Sie borgen sich das Bild vom Sonnengott Ra und vom Totenbuch, mit dem die Faszination vor Jahrtausenden begann.
Das Buch bleibt das seltene Objekt, das seinen eigenen Inhalt überstrahlt. Solange Menschen glauben, dass irgendwo ein Band das entscheidende Wissen verwahrt, wird die Literatur ihn immer wieder aufschlagen, und jedes neue Medium wird es ihr nachtun.




