Zeugniskonferenz

von Chris Mangan
Mitglied

„Kann ich Sie mal kurz unter vier Augen sprechen?“

Sylvia Sträter schaute vom Tisch hoch. Vor ihr stand Gregor Wendland, ein großer, kräftiger Physiklehrer mit grauem Vollbart. Er war der Mittelstufenkoordinator und zeichnete verantwortlich für die Zeugniskonferenzen, die in einer knappen Stunde beginnen sollten. Sylvia saß gerade mit ein paar Kollegen im kleinen Lehrerzimmer. Die Schüler waren schon nach Hause gegangen und einige ihrer Kollegen hatten sich etwas zu essen aus der Kantine geholt.
„Oh, oh, jetzt gibt es Ärger“, feixte Roman Gehrig, ein Spanischlehrer, grinsend und schob sich ein Stück Pizza in den Mund. Sowohl Sylvia als auch Herr Wendland reagierten mit einem gequälten Lächeln. Alle anderen Kollegen am Tisch sagten gar nichts und schauten betont unbeteiligt.

„In Ihrem Büro?“, fragte Sylvia. Gregor Wendland nickte.
„Okay, ich komme sofort.“

Sylvia stand auf und lief Herrn Wendland in gebührendem Abstand hinterher. Sie ließ sich Zeit um nicht mit Herrn Wendland reden zu müssen. Worüber auch? Sie wusste nichts über diesen Mann. Er war nur selten im Lehrerzimmer anzutreffen, machte auf Konferenzen einen staubtrockenen, humorfreien Eindruck und war kein Geisteswissenschaftler. Aufgrund dieser beruflichen Distanz war er einer der wenigen Kollegen, den Sylvia nach mehr als drei Jahren am Leonhard-Euler Gymnasium noch siezte.
Als sie beide im ersten Stock angekommen waren, schloss Herr Wendland die Tür auf und ließ Sylvia, die auf die letzten Meter zu ihm aufgeschlossen hatte, den Vortritt. Was das angeht, sind sie alle alte Schule, dachte Sylvia.
„Nehmen Sie doch Platz“, sagte Herr Wendland und zeigte auf einen von zwei Stühlen vor seinem Schreibtisch. Er selbst setzte sich auf seinen ausladenden Bürosessel und aktivierte mit einer Bewegung der Maus seinen Computerbildschirm.
„Es geht um zwei Schüler aus der 9a vom Kollegen Schüttert: Maik Lütke und Jamal Agah“, sagte Herr Wendland ohne Sylvia dabei anzuschauen.

Sylvia merkte, wie es in ihr zu kochen begann. Das gibt es doch wohl nicht! Erst textet mich der Schüttert zu und fragt, ob ich den beiden Idioten noch eine Vier geben kann und jetzt, nachdem ich Nein gesagt habe, zitiert mich der Mittelstufenkoordinator zu sich ins Büro.
„Ja, was ist mit denen?“, gab Sylvia sich ahnungslos.
„Sie haben die Leistungen der beiden Schüler mit Mangelhaft bewertet? Können Sie vielleicht zu den beiden Schülern kurz was sagen?“

Kurz mal kommen, kurz was sagen, kurz die Note ändern. Immer musste alles schnell gehen. Immer wurde man überrumpelt. Sylvia wusste, worauf dieses ‚Gespräch’ hinauslaufen sollte. Aber mittlerweile war da solch ein Widerwille in ihr, dass sie sich auf dieses Spiel nicht mehr einlassen wollte. Außerdem hatte sie dem Schüttert schon lang und breit das Lern- und Arbeitsverhalten von Maik und Jamal erläutert, das musste reichen.

„Entschuldigen Sie“, sagte Sylvia, erkennbar darum bemüht, höflich zu bleiben und ihre Wut zu unterdrücken, „aber gehört diese Diskussion nicht eigentlich in die Zeugniskonferenz?“

Jetzt sah Gregor Wendland zu ihr auf. Er schaute sie an, als nähme er sie zum ersten Mal richtig wahr, als sei sie doch mehr als ein kleines Sandkorn im geschmeidigen Getriebe seiner Mittelstufe. Er sah sie an wie einen Gesteinsbrocken, der plötzlich vom Berg auf die Straße vor ihm gekracht war. Doch er wusste seine Überraschung gekonnt zu überspielen.
„Ach, wissen Sie, Frau Sträter“, erwiderte er betont gelassen und fasste sich in den Vollbart, „ich mache diesen Job jetzt schon so lange und es hat sich gezeigt, dass man einige Dinge besser im Vorfeld bespricht. Die Konferenzen sind ja eng getaktet und wenn man die wichtigsten Dinge vorab besprochen hat, sparen wir alle Zeit. Glauben Sie mir, es ist auch in Ihrem Interesse.“
„Okay“, sagte Sylvia nach kurzem Zögern. „Also ja, ich habe Maik und Jamal jeweils eine Fünf in Französisch gegeben, weil sie nichts getan haben. Ganz einfach. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber ich habe Herrn Schüttert schon alles erklärt und ich denke, dass muss reichen.“
Herr Wendland nickte verständnisvoll.
„Natürlich entscheiden Sie letztendlich über die Noten, die Sie setzen. Allerdings nehme ich in meiner Position einen anderen Blickwinkel ein als Sie, einen Blickwinkel nämlich, den ich als ganzheitlich beschreiben würde. So wissen Sie wahrscheinlich nicht, dass sowohl Jamal als auch Maik aus schwierigen Familienverhältnissen kommen und dass sie mit Eintritt in die Oberstufe kein Französisch mehr haben, weil beide es zum Ende der Jahrgangsstufe Neun abwählen können und auch abgewählt haben. Und in allen anderen Kernfächern haben beide ein Ausreichend vorzuweisen, so dass beide momentan die Möglichkeit zur Nachprüfung in Französisch hätten. Und die Frage ist dann, wie viel Sinn es macht, zwei Schüler die kompletten Sommerferien für ein Fach lernen zu lassen, dass sie im nächsten Jahr gar nicht mehr haben. Und das auch noch in Elternhäusern, in denen Ruhe und Konzentration eher selten vorherrschen.“

Sylvia stutzte. Es wunderte sie, dass beide Schüler in den anderen Kernfächern ein Ausreichend hatten. Sie hatte vor zwei Tagen noch mit dem Mathelehrer der Klasse gesprochen und ihn nach Jamal und Maik gefragt. Da hatte er beiden noch eine Fünf geben wollen. Wieso hatte er die Noten nochmal geändert? dachte Sylvia. Na klar, der Mathelehrer hat wahrscheinlich auch schon hier gesessen und ist von Herrn Wendland ‚bearbeitet’ worden. Ganz schön trickreich, dieser Wendland.

„Herr Wendland“, warf Sylvia angriffslustig ein, „mir ist klar, dass Schüler in der Klasse 9 nicht immer die größte Motivation für das Fach Französisch mitbringen, vor allem dann nicht, wenn sie sich innerlich von dem Fach schon verabschiedet haben. Genau das habe ich den Schülern auch so gesagt. Aber ich habe ebenso klar gemacht, dass ich ein Mindestmaß an Engagement erwarte um am Ende guten Gewissens die Vier setzen zu können. Das aber haben die beiden Schüler ignoriert. Beide Schüler haben so gut wie nie Hausaufgaben gemacht. Mein Angebot, ein Referat zu machen, haben beide ausgeschlagen und beide haben auch den Förderunterricht nicht besucht, obwohl ich Ihnen dringend dazu geraten habe. Und gegenüber den Schülern, die sich für das Ausreichend ein Bein ausgerissen haben, wäre es einfach das falsche Signal, wenn ich diesen beiden Jungs jetzt auch ein Ausreichend gäbe.“

Na, super, dachte Sylvia. Jetzt rechtfertige ich mich ja doch wieder!
„Das sehe ich ein“, gab der Mittelstufenkoordinator zurück, „aber vielleicht

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