Bergnot

von Oliver Schrot
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Mit sorgvollen Blicken sah er, auf dem Hochplateau stehend, in den sich verdunkelnden Himmel hinein. Schwerviolette Wolkenbänke schoben sich aus Westen an das Massiv heran. Eine unangenehme Vorahnung überfiel ihn. Hätte er doch umgekehrt, doch der Gipfel ließ ihn nicht los. Der Gipfel beherrschte ihn. Er war die Projektion seiner Sehnsüchte. Nur ihn wollte er besitzen, sonst nichts. Unfähig wie im Fiebertraum horchte er auf die Stimme in seinem Kopf. Rauf, rauf ! Nie zurück ! Doch es war nicht mehr die Zeit bei sich selbst die Schuld zu suchen, so nah drohte das Unglück. Er konnte bereits das seltsame Knistern in der Luft spüren. Eine drückende Schwüle blockierte den Atem. Nervös einen Fuß vor den anderen Fuß setzend, drehte er sich noch einmal zum Gipfelkreuz um, bevor er den Abstieg begann. Binnen wenigen Minuten brach eine unfassbare Dunkelheit über den Berg herein. Bedrohlich schwarze Luftwände verdichteten sich zu einer bedrückenden Enge. Kein Entkommen schien jemals möglich . Er bereitete sich auf den äußersten Kampf vor, der ihm nun unweigerlich widerfahren würde. Das Knistern um ihn herum wurde lauter. Er meinte seine Angst hören zu können. Die Wolkenbrocken waren aufgehetzt, als warteten sie ungeduldig darauf sich wie ein Rudel hungriger Wölfe über die Herde zu werfen. Die Herde aber war er selbst. Panisch wurde aus dem Laufschritt ein Hasten. Er achtete kaum mehr auf den schmalen Weg. Die gähnende Leere des Abgrundes war ihm gleichgültig geworden. Geröll schien sich zwischen seine Sohlen zu werfen, als wolle es ihn den Berg herunterstoßen. Taumelnd blieb sein Schuh an dem wirren Wurzelgeflecht der Fichten hängen. Die feingliedrigen Äste peitschen über seinen Kopf hinweg. Bevor sie ihn packten und bis zum Wandfuß in die Tiefe schleudern konnten, wich er ihnen im letzten Augenblick aus. Rettung. Er glaubte selbst nicht mehr daran. Sein Kopf war leer, als der erste Regen seine Haut berührte. Zuerst fiel er kalt und in dicken Tropfen, doch nach schon geringer Zeit dachte er, es würden Rasierklingen auf ihn herabstürzen. Längst wusste er es. Er war etwas Gewaltigem in die Finger geraten. Eine derart überlegene Macht war es, die nun über seine Existenz bestimmte. Ehe er erneut seine Verzweiflung zu Ende fühlen konnte, da brach abermals ein Donnern los. Wie Salven aus Scharen von Artilleriegeschützen trommelte der Sturm über den Felshang. Armdicke Splitter von jungen Birken flogen gleich Speeren über den Steig. Schmerzvoll krachte er mit Ellbogen und Knien gegen die spitzen Steine. Schreie des Wahnsinns drangen aus seinem Rachen. Sein Atem verwandelte sich in tierisches Stöhnen. Der Geschmack von Blut bestimmte seinen Mund. Heiße Tränen der Urangst bahnten sich ihren Weg zu Boden. Inzwischen wurde der Sturm lauter. Ein Heulen schallte durch den Wald, sodass es ihm die Ohren verschlug. Niemand würde ihn erlösen, dachte er sich. Jetzt muss es aus sein. Nun bin ich hinüber. Immer dunkler und feindlicher wurde es um ihn herum. Bäume wuchsen zu meterhohen Fallen. Dicke Wurzelteller lagen herum. Krachend barst ein Baum nach dem anderen. Gelähmt vor Unterlegenheit erblickte er plötzlich einen Riss in der Wand. Dies schien die Rettung zu sein, würde er sich wie eine Spinne hineinzwängen. Taghell fuhr ein Blitz dazwischen. Wann endlich würde er den Spalt erreichen? Er wollte fort.

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