Wie wichtig ist Vorlesen für Kinder?

31. August 2020

Das Vorlesen gehört für viele Familien, aber leider noch nicht alle, zu einem festen Ritual. Dabei ist es so wichtig, seinem Kind Geschichten vorzulesen, um vor allem die Phantasie anzuregen und die kindliche Entwicklung zu fördern. Aber was genau geschieht beim Vorlesen mit dem kindlichen Gehirn?

Bild zeigt Mutter die Kindern etwas vorliest
© fizkes / shutterstock

Wie wichtig ist das Vorlesen?

Seinem Kind etwas vorzulesen ist ein extrem wichtiger Baustein im Rahmen seiner Entwicklung. Studien, die unter anderem von der Stiftung Lesen einmal pro Jahr durchgeführt werden, bestätigen, dass Vorlesen die Bildungschancen verbessert. Die sogenannte Lesekompetenz gehört zu den Kernkompetenzen und sollte möglichst früh schon gefördert werden, da sie den Grundstein für die spätere schulische Entwicklung legt.

Warum sind Bilderbücher so wichtig?

Mit Bilderbüchern legt man den Grundstein für das spätere Vorlesen und Lesen. Kinder fangen an, einen ersten Bezug zu Büchern aufzubauen. Die Bilder wecken zudem das kindliche Interesse an Geschichten und auch an der Sprache.

Schon im frühen Kindesalter wird die Sprachentwicklung gefördert. Dabei soll sich der Wortschatz eines Zweijährigen durch das Vorlesen verdoppeln im Vergleich zu Kindern, denen nicht vorgelesen wird. Das Anschauen von Bildern erfordert zudem die Konzentration des Kindes und spricht das Gedächtnis an.

Beim Vorlesen entsteht zudem eine enge Bindung zwischen dem Kind und dem Vorleser. Dies gilt auch für die physische Komponente. Durch die kurze Distanz kann das Kind Laute und Worte besonders gut wahrnehmen. Der Vorleser entscheidet sich zudem meist für eine deutlichere Artikulierung im Vergleich zur Alltagssprache. So kann das Kind einzelne Worte besser herausfiltern und lernen.

Auch die Grundstrukturen eines Buches und dessen Aufbau lernen die Kinder nebenbei ganz von selbst. Kinder lernen auch den Unterschied zwischen einer Grafik und einem Text kennen. Zudem kann es eine Verknüpfung zwischen der Sprache und den Bildern herstellen.

Auch lässt die Farbgebung schon einen gewissen Bezug zu bestimmten Assoziationen oder auch Emotionen zu. Das gleiche kann für verschiedene Formen stehen. Weiche und runde Formen beispielsweise haben eine eher beruhigende Wirkung.

Warum sind Geschichten für Kinder so wichtig?

Mit Geschichten kann man Phantasien ausleben. Man kann Träume erzeugen und Welten schaffen, die unbegrenzte Möglichkeiten bieten. Es können Werte vermittelt und ein Verständnis für das Gute und das Böse erreicht werden.

Kinder entwickeln im Kopf eigene Bilder, während sie den Geschichten lauschen. Dies fördert die Fähigkeit der Symbolisierung. Auch das schöpferische Denken wird aktiviert.

Zudem kann auch das Verständnis für verschiedene Charaktere entstehen. Es werden aktiv Verhaltensmodelle aufgezeigt und erlernt, die der späteren Orientierung dienen und dem Kind helfen, zwischenmenschlich zu agieren. Wenn das Kind Werte erlernt, wird ihm gleichzeitig ein Schutz geboten und es befindet sich in einer sichereren Zone.

Was lernen die Kinder beim Vorlesen?

  • Beim Vorlesen werden zum einen die kognitiven, aber auch die sozialen und emotionalen Fähigkeiten des Kindes gestärkt.
  • Das Hören von Geschichten fördert den Wortschatz und verbessert die Konzentrationsfähigkeit.
  • Vorlesen nimmt auch Einfluss auf das kreative Denkvermögen und das allgemeine Vorstellungsvermögen.
  • Eine weitere wichtige Eigenschaft auf emotionaler Ebene ist das Erlernen von Empathie, welche sich dadurch ausbilden kann, dass Kinder sich beim Vorlesen in die Geschichten und Protagonisten hinein versetzen müssen.

Für die späteren schulischen Leistungen bildet das Lesen eine wichtige Grundvoraussetzung. So sind Kinder, denen schon früh vorgelesen wurde, im Bereich des Lesens und Schreibens erfolgreicher.

Ab einem Alter von etwa 4 Jahren kann man das Lesen auch damit verbinden, das Kind langsam an das selbstständige Lesen und Schreiben heranzuführen. Hier kann man einzelne Buchstaben erklären und anfangen, erste Wörter zu lernen. All dies sollte allerdings immer auf einer spielerischen Ebene geschehen.

Studien haben herausgefunden, dass Kinder, die im Alter von 6 Jahren regelmäßig Geschichten gehört haben und mit 10 Jahren selbstständig lasen, bessere Schulnoten mit nach Hause brachten. Dies gilt vor allem für die Fächer Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen.

Es wird empfohlen, täglich mindestens eine Viertelstunde mit seinem Kind zu lesen, um die positiven Wirkungen zu erzielen.

Darüber hinaus bieten Bücher die Möglichkeit, bestimmte Themen anzusprechen und über eine Geschichte eine Verarbeitung von Ereignissen herbeizuführen. Geschichten können den Anstoß für neue Fragen geben und das Kind zum Nachdenken anregen. Zudem bilden sie einen neuen Gesprächsstoff und können Diskussionen entfachen. So können dem Kind viele wichtige Themen nahegebracht und veranschaulicht werden.

Das Zuhören beim Vorlesen verbessert aber auch die Konzentrationsfähigkeit der Kleinsten. Sie lernen ausdauernd zu sein und einem Geschehen zu folgen, um es verstehen zu können. Der Wunsch, zu erfahren wie die Geschichte ausgeht, weckt zudem die Neugier.

Viele Bücher arbeiten zudem mit Leitfiguren und Vorbildern. So kann das Kind richtiges und gewünschtes Verhalten erlernen und sich an diesem orientieren. Es wird dieses Verhalten in bestimmter Weise imitieren.

Wann sollte man mit dem Vorlesen beginnen?

Je früher man mit dem Vorlesen beginnt, desto besser. Ein typisches Alter für den Einstieg ist ab 2 Jahren. In der Regel endet das Vorlesealter mit 8 Jahren. In diesem Alter sind die meisten Kinder schon selbst in der Lage, ein Buch zu lesen.

Beginnen kann man am besten mit einem Bilderbuch. Dies kann auch schon vor dem 2. Lebensjahr geschehen. Hier sind besonders Bücher geeignet, die mit spielenden Elementen arbeiten wie Fingerpuppen oder Klappkarten. Dies sorgt für Abwechslung und erhöht die Spannung, so dass die Sinne geschärft werden. Neben dem Zuhören und Sehen kann das Kind auch gezielt seine Motorik einsetzen und verbessern.

Wie lange die Vorlesestunde dauert, ist abhängig von der Aufnahmefähigkeit des Kindes. Manche Kinder verlieren schnell die Lust und lassen sich durch andere Dinge ablenken, andere Kinder wiederum können sich richtig in ein Buch vertiefen. Grundsätzlich sollte man den Textanteil langsam steigern und dabei schauen, inwieweit das Kind das Erzählte schon verstehen und verarbeiten kann.

Wie kann man Kindern gut vorlesen?

Zum Vorlesen sollte man sich Zeit und Ruhe gönnen. Dabei kann es helfen, sich in eine ruhige Ecke zurück zu ziehen. Dies kann das Bett sein oder auch die Couch. Störende Geräusche sollten vermieden werden. Es ist wichtig, dass die Konzentration des Kindes nicht gestört wird.

Ab einem bestimmten Alter sind Kinder in der Lage, das gewünschte Buch selbst zu wählen. Auch wenn die Wahl immer wieder auf dasselbe Buch fällt, ist dies kein Problem. Viele Kinder haben Lieblingsbücher.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind feste Zeiten. Man sollte sich überlegen, das Vorlesen immer zu den gleichen Zeiten durchzuführen. Dies kann nach dem Essen sein oder vor dem Zubettgehen. So schafft man ein festes Ritual.

Wichtig ist es, das Tempo des Vorlesens an die Bedürfnisse des Kindes anzupassen. Im Gegensatz zu einem Film oder Hörspiel hat man es selbst in der Hand, wie schnell die Geschichte voranschreitet und ob Pausen eingelegt werden, um eventuell Dinge zu erklären.

Wichtig bei alldem ist auch, dass das Buch der Wahl kindgerecht und altersgerecht ist, da es ansonsten zu einer Überforderung kommen könnte. Es sollten Themen behandelt werden, die das Kind interessieren. Am besten ist es, wenn das Kind sich mit den Protagonisten des Buches identifizieren kann. Es sollte eine gekonnte Symbiose aus Unterhaltung und der Vermittlung von Wissen sein.

Beim Vorlesen geht es auch nicht darum, einfach einen Text herunter zu lesen, sondern die Geschichte nach Möglichkeit zum Leben zu erwecken. Hier kann man viel mit der eigenen Stimmfarbe arbeiten und den verschiedenen Darstellern oder auch Tieren unterschiedliche Stimmen geben, indem man laut, leise, hoch oder tief spricht. Zudem kann man auch an bestimmten Stellen schneller oder langsamer Reden oder Spezialeffekts einbauen, indem man bestimmte Geräusche imitiert. Dies alles unterstützt die Vorstellungskraft des Kindes und hilft dabei, es an die Geschichte zu fesseln.

Wenn das Kind während des Vorlesens Fragen hat oder Bemerkungen einwirft, sollte man diese nicht ignorieren sondern direkt beantworten.

Kinder sind zudem auch in der Lage, zwischen der Realität und einer Geschichte zu unterscheiden. Daher ist es auch okay, wenn die Geschichte etwas gruseliger wird. Anhand der Reaktionen des Kindes kann man schnell feststellen, ob die Geschichte zu spannend ist. Dann sollte man eher zu seichterer Kost greifen.

Ganz wichtig ist auch der Aspekt der Eltern-Kind-Bindung. Durch das vertraute Beisammensein und das feste Ritual des Vorlesens entsteht eine enge Bindung zwischen Elternteil und Kind. Die Zeit bietet zudem die Chance, mit dem Kind zu kuscheln oder eventuell auch über seine Sorgen und Ängste zu sprechen. Gleichzeitig bietet es aber auch ein Erlebnis, was Spaß macht.

Fazit

Es wird deutlich, welche langfristigen und nachhaltigen Wirkungen das Vorlesen auf die Entwicklung des Kindes hat. Nicht nur im schulischen Bereich lassen sich deutliche Unterschiede erkennen zwischen Kindern, die gerne lesen und solchen, die nicht lesen. Auch in Bezug auf die gesamte Sozialkompetenz und das kreative Denken liegen Leseratten deutlich vorne.

Zudem wird die Bindung der Eltern zu ihrem Kind gestärkt und eine Plattform geschaffen, auf welcher man sich austauschen und besprechen kann. Je früher man mit dem Vorlesen beginnt, desto besser. Man sollte sich als Eltern das Vorlesen zu einem festen Ritual machen um so die Entwicklung des Kindes bestmöglich zu fördern.

Quellen: