Wieder auf der Bestsellerliste: Comeback für den dystopischen Roman „1984"

30. Januar 2017
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© 1000 Words / shutterstock

Erstaunlich, aber wahr: „1984", der Klassiker von George Orwell, stand dieser Tage wieder auf der amerikanischen Bestsellerliste von Amazon ... und was ist eigentlich Dystopie?

Nach Aussagen des Verlags musste das Buch mit 75.000 Ausgaben nachgedruckt werden — so groß war nach der Inauguration von Donald Trump der Run auf das bedrückende Zukunftswerk. Woran liegt das? Was macht Orwells Szenario eines totalitären Staates, der die Überwachung der Einwohner Ozeaniens auf die Spitze treibt, gerade jetzt wieder attraktiv für Leser?

Alternative Fakten oder die Frage: Was ist Wahrheit?

Es scheint, als hätte Donald Trump selbst maßstäblich zum erneuten Hype um Orwells Buch beigetragen. Das Unwort "Alternative Fakten", verbreitet von seiner Beraterin Kellyanne Conway, um die Behauptung des Pressesprechers Sean Spicer zu verteidigen, ließ nicht nur die Reporter von CNN erschaudern. In der ganzen Welt glaubte man seinen Ohren nicht zu trauen: Aufnahmen belegen eindeutig, dass weitaus weniger Menschen bei Trumps Amtseinführung zugegen waren als beispielsweise bei Barack Obama. Allein die Wortwahl des Regierungssprechers: "Dies war das größte Publikum, das je bei einer Vereidigung dabei war. Punkt.", erinnert an die abgehakten Glaubenssätze, die in "1984" stereotyp wiederholt werden: "Krieg ist Frieden/ Freiheit ist Sklaverei/ Unwissenheit ist Stärke". Und es erinnert daran, was Donald Trump selbst wiederholt von sich gegeben hat: man müsse den Menschen nur immer wieder mit Überzeugung etwas Bestimmtes sagen, damit sie es irgendwann glauben.

Dabei ist laut "Zeit online" weniger wichtig, wie die genauen Zahlen bei der Amtseinführung waren. Es geht darum, dass Unwahrheiten und falsche Meinungsmache schon den Wahlkampf von Donald Trump bestimmten. So kann langfristig das Denken der Menschen manipuliert werden. Was setzt man dazu ein? Mit einer manipulativen Sprache und technischer Überwachung werden Menschen gezielt beeinflusst. Womit wir bei George Orwell wären. Natürlich beschreibt "1984" nicht eine reale, politische Situation. Aber es beschreibt in beängstigend hellsichtiger Art und Weise, mit welchen Strukturen und Mitteln Menschen ihres Willens und Denkens beraubt werden und dadurch instrumentalisiert werden können.

George Orwell: der Autor von "1984"

Wer war der englische Schriftsteller und Journalist, der mit "1984" einen dystopischen Roman schrieb? George Orwell (1903 - 1950) war ein Pseudonym. Als Eric Arthur Blair wurde Orwell 1903 in Motihari in Indien geboren. Nach Abschluss des Eliteinternats Eton trat er zunächst in die indische Militärpolizei ein. Nach fünf Jahren, 1927, quittierte er dort jedoch den Dienst, weil er die Unmenschlichkeit der britischen Kolonialherrschaft ablehnte. Orwells berufliches Leben führte ihn durch viele Stationen: Er war Tellerwäscher, Buchhandelsgehilfe, auch Lehrer. Einige Zeit lebte er sogar als Vagabund. Schriftstellerisch begabt konnte er jedoch hin und wieder als Journalist arbeiten. Orwell schrieb über die Arbeit im Bergbau, setzte sich für sozial Unterdrückte ein, wurde Kommunist. Selbst roter Freiheitskämpfer im Spanischen Bürgerkrieg, war Orwell entsetzt, von Stalins Säuberungsaktionen zu erfahren. Er machte einen klaren Schnitt, verließ die kommunistische Partei und trat in die Labour Party ein. Nun arbeitete er für den "Tribune" und berichtete während des Zweiten Weltkriegs für die BBC. Gleichzeitig war Orwell seit seiner Jugend ein kranker Mensch. Er litt an Tuberkulose, ließ es sich aber drei Jahre vor seinem Tod nicht nehmen, mit seinem Adoptivsohn auf die Hebriden überzusiedeln. Weder das Klima noch die mangelnde ärztliche Versorgung konnten seiner Gesundheit zuträglich sein. Doch hier begann er 1948 seinen Roman "1984", den er 1949 abschloss — ein Jahr vor seinem Tod.

Worin liegt die Aktualität dieses Werkes?

Immer wieder ist Orwells "1984" auf totalitäre Regime bezogen worden. Der Entzug persönlicher Freiheitsrechte, die Totalüberwachung und "Schulung" der Bürger durch übergroße Teleschirme sowie die aufgezwungene, neu geprägte Sprache (Neusprech, Neudenk) waren in "1984" nicht nur damals eine geniale Vision des Autors: Auch heutzutage kommt beim Lesen Beklommenheit auf, wenn man dem Protagonisten Winston Smith durch die verschiedenen Stufen seines Daseins folgt. Dabei "spielt", wie Peter Bieri in "Eine Art zu leben" schreibt, "die ideologische Versiegelung des Geistes eine besonders wichtige Rolle. Es sind verführerische Wörter, griffige Slogans und mächtige Metaphern, die den Geist verkleben und in feindseligem Fanatismus erstarren lassen". Sprachliche Nuancen und Feinheiten würden zugunsten einer plakativen Sprache aufgegeben. Was folgt, ist ein "vereinfachendes Staccato". Dieser von Bieri der Musik entnommene Begriff meint abgehackt gespielte Töne. Als gesprochene Worte finden sie sich bei militärischen Anweisungen oder bei ideologischer Beeinflussung durch den "Big Brother".

Was ist Dystopie - Merkmale des dystopischen Romans

Warum handelt es sich bei "1984" um einen dystopischen Roman? "Topos" aus dem Altgriechischen meint "Ort, Platz, Stelle". Das vorangestellte "dys" bedeutet: "übel, schlecht". Es ist ein schlechtes Szenario, das Gegenteil einer positiven Utopie, welches in einer gedachten Zukunftswelt entworfen wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Roman, wie von einigen Kritikern angenommen, eine Zahlenspielerei ist. Denn Orwell begann seinen Roman "1984" 1948 zu schreiben. Wichtiger ist die Absage, die George Orwell jeder Form des Totalitarismus` erteilt.

Sein Romanheld versucht immer wieder, sich der Beraubung seines freien Willens zu entziehen: So schreibt Smith Tagebuch, was unter Todesstrafe verboten ist oder besucht hin und wieder eine Prostituierte, was ebenso untersagt ist. Doch letztendlich verrät er seine Geliebte Julia unter der Folter im sogenannten "Ministerium für Liebe". Ist Liebe überhaupt noch möglich unter solchen Bedingungen? Wiederholt beschreibt der Roman, wie Kinder ihre eigenen Eltern oder Verwandten verraten und Freude an Hinrichtungen empfinden. Auch Julia gesteht Smith am Ende, sie hätte ihn ebenso verraten. Das ist lakonisch, ohne Mitgefühl, feststellend: "Danach empfindet man für den anderen nicht mehr dasselbe."

"1984", daran besteht kein Zweifel, lässt keine Hoffnung. Einer der Handlanger, der Folterknecht O'Brien, hat gemäß Peter Bieri "Winston so weit von sich entfremdet, dass er bereit ist, zwei plus zwei für fünf zu halten". Das Paradox wird zum Stilmittel Orwellschen Schreibens. Zahlen, Gefühle, Wahrheiten: Alles wird auf den Kopf gestellt und in sein Gegenteil verkehrt. "Doppeldenk" und "Neusprech" sind die Mittel, um Menschen zu unterjochen. Sie führen unweigerlich zur Vernichtung der Würde des Menschen. "Was immer die Partei für die Wahrheit hält, ist die Wahrheit", klärt O'Brien Winston auf. "Alternative Fakten"? Vielleicht ist "1984" gerade deswegen wieder in die Hitliste aufgerückt und unabdingbarer Lesestoff auch 2017.

Kommentare

31. Jan 2017

Zur Ergänzung sollte man "Brave New World" von A. Huxley aus dem Jahr 1932 lesen ...
LG Marie

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