Man rettet sich in Erinnerungen

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Jeden Tag ein Gedicht als Therapie gegen den Blutkrebs

Vorwort
Der wohl bekannteste und beliebteste Poet und politische Debattierer in Schweden ist Göran Greider - er nennt sich Sozialist.
Seit Anfang Februar 2021 wird er regelmäßig in einem Krankenhaus in Stockholm gegen einen aggressiven Blutkrebs behandelt. Bis in den Juni sollen die Behandlungen noch andauern.
Als Therapie schreibt er jeden Tag ein "Tagesform-Gedicht", im Krankenhaus bzw. zu Hause. Tausende folgen ihm auf Facebook und Twitter. Krebspatienten schreiben ihm, dass seine Texte ihnen Zuversicht und Kraft geben.
Mir gab Greider das Vertrauen, seine "Therapiegedichte" zu übersetzen und zu veröffentlichen.

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Göran Greider - Fakten
- Alter: 61
- Familie: Verheiratet mit Berit Greider. Tochter Ellen.
- Wohnt: In Årsta (Stockholm) und Dala-Floda (Provinz Dalarna), Schweden.
- Beruf: Chefredakteur der Zeitung Dala-Demokraten.

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Ein Interview vom Krankenbett - 21. März 2021
Text: Malena Rydell, Redakteurin der Zeitung Svenska Dagbladet

Bettlage, mit dem iPad auf den Knien und dem Infusionsständer daneben arbeitet Göran Greider intensiv, trotz der andauernden Zellgiftbehandlung.

- Gerade habe ich ein Tagesform-Gedicht auf Facebook eingestellt: Die Zeit ist mein Feind.

Gleich nach Beginn des neuen Jahres bekam er die Diagnose Blutkrebs, nach einem Herbst mit so vielen Besuchen im Krankenhaus, dass der Krebsbescheid fast wie eine Befreiung von der Ungewissheit war.
Göran Greider nimmt ein Mango-Smoothie aus einer Schüssel, via einer Videosendung wurde er gerade zum "Leitartikler des Jahres" nominiert. Obwohl er weiterhin tagespolitische Texte schreibt, suchte er in diesem Winter im Vergangenen: Er schreibt an einer selbstbiografischen Kindheitsschilderung, "mehr freisprachig als früher", mit dem Titel "Barndomsbrunnen" (Kindheitsbrunnen).

Das Jetzt zeichnet er in einer Art Tagesversen, Gedichte, die auch Lageberichte des Hämatologen im Krankenhaus sind.

- Es ist wichtig für mich, hier jeden Tag irgendetwas zu tun. Es ist eine Therapie. Dieses Wort ist übrigens das beste, das ich kenne!

Jeden Tag publiziert er ein "Tagesform-Gedicht" auf Facebook.

- Wenn man sieht, dass eine Zeile, die man schreibt, in der Dämmerung leuchtet, wenn einzelne Zeilen eine Art Horizont um sich haben, ohne dass es gewollt war - das ist das schönste Gefühl beim Schreiben.

Am 6. Februar publizierte er das erste Tagesform-Gedicht. Am Tag meines Besuches waren es 45. Und jeden Tag kann man sehen, dass die Zahl der Leser steigt. Sie schreiben ihm gefühlvolle Worte in das Kommentarfeld. Einige erzählen von ihren eigenen Krebsbehandlungen, andere schicken spontan gutgemeinte Verse.

Im Juni sollen die Krebszellen ausgemerzt sein, das ist das Ziel der Behandlung. Aber der Weg dorthin ist mühsam, Zähne werden herausgezogen um die Infektionsrisiken zu vermindern, mitten in der Nacht müssen vielleicht Eiterbeulen wegoperiert werden, oder die Anzahl weißer Blutkörperchen wird zu gering, was unmittelbar behandelt werden muss. Die Ärzte gaben Göran Greider eine positive Prognose, und er versucht das Googeln seiner Krankheit zu unterlassen.

- Es wird nur schlimmer damit. Im Grunde bin ich Optimist, aber das mit den zu wenigen weißen Blutkörperchen ist schwer. Da wird die Angst sehr konkret. Dann sitze ich und denke: "Was zum Teufel machen wir mit dem Haus, habe ich überhaupt eine Lebensversicherung?", und ich denke daran, dass ich meine Tochter noch länger sehen möchte.

Göran hat noch nicht das Buch seines Verfasserkollegen Niklas Rådström gelesen. Es handelt von der Zeit, da dieser die Behandlung einer akuten myeloischen Leukämie durchmachte. Das will er jetzt nachholen.

- Ich mag ihn. Er ist der bescheidenste Verfasser in Schweden. Er sagt, dass alle , die Krebs überstanden haben, sich als Geschwister betrachten. Ich beginne zu verstehen, was er damit meint.

Die Tagesform-Gedichte helfen ihm, die Ungeduld zu hantieren, und die Zeit muss erst passieren, bevor er dem Hämatologen auf Wiedersehen sagen kann.

- Es dauert so lange, deshalb sage ich, dass die Zeit mein Feind ist. Aber jetzt bin ich auf ein stehendes Thema für die Gedichte gekommen: Ich suche nach der zeitlosen Zeit in der Zeit, und das ist die Erinnerung.

Eine Einsicht, die ihm ein gutes Gefühl gibt zu versuchen, in ihr zu verweilen, erklärt er.
Ein Licht zeigt sich in seinem Blick.

- Wenn man sich an diese Augenblicke im Verflossenen erinnert - es können Erinnerungen sein an Spiele mit meiner Tochter zum Beispiel - dann verschwindet die Zeit, der Feind. Und stattdessen entsinnt man sich der Zeit, die zeitlos ist.

Als ich Göran Greider im Sommer 2019 interviewte, sagte er mit gleichem ungeduldigen Drang, ständig auf dem Weg zum nächsten Gedanken, dass gewisse Dinge Zeitverschwendung sind. Zum Beispiel sitzen und über die Kindheit quasseln. Wenn seine Brüder über lästige Dinge reden wollten, die passierten als sie klein waren, fand er das nicht besonders interessant, erklärte er.

- Wenn man in Schwierigkeiten gerät, denkt man an seine Kindheit. So ist es wohl für viele. Ich habe in der letzten Zeit viel an meine Eltern und meine vier Brüder gedacht, und war mehr kompromisslos mit mir selbst als früher.
Während des Winters ging ich die Ordner mit den Bildern und den Anmerkungen von der Schulzeit durch. Ich staunte und war berührt über die alten Kinderzeichnungen mit biblischen Motiven.

- Man rettet sich in Erinnerungen. Dies sollte man tun, glaube ich. Man hat das Recht dazu. Und es ist eine Art, die Angst zu mildern.

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Jeden Tag ein Gedicht als Therapie gegen den Blutkrebs

6. Februar 2021
(Erstes "Tagesform-Gedicht" nach Feststellung der Leukämie.)

Fünf Stufen
hin zur Sonne.
Geduldig wartete sie.
Doch heute ist ein schlechter Tag.
Hing und schwankte in der Winterbläue.
Der Körper schleppt sich.

7. Februar 2021

Meine Frau wurde traurig,
als ich auf den Hund schimpfte.
Ja, ich war etwas böse, als
er sich weigerte, mit mir
zu kommen, dem Stolpernden.
Bittend schaut der Hund auf mich.
Bittend schaue ich auf den Hund.

8. Februar 2021

Eiskalte Luft durch die Balkontüre.
Sie lüftet das Bettzeug.
Ich sitze wie ein sehr altmodischer
Rekonvaleszent im Sessel
mit einer Decke über mir,
lese von Gletschern und schreibe.
Man sollte ein Foto von diesem
Zeitaugenblick haben,
das viel später einmal in einem
alten Karton gefunden wird,
von zukünftigen, fremden Händen.

9. Februar 2021

Rolling Stones Winter.
Wohl das schönste Winterlied das ich kenne.
Ich spielte es und spielte es,
besonders im Winter 79.
Zog meine Füße hinter mir im Schnee.
Der Wind blies nie von Süden.
Goats Head Soup.
Das blaue Mietshaus auf dem Torsweg in Vingåker.

Wunderschöne S-a eine Treppe runter.
Der Schulhof, wo ich ging, unter meinem Fenster.
Erinnerungen sickern durch die Steine
deutlicher, deutlicher.

(Vingåker - ein Ort in der schwedischen Provinz Södermanlands län.)

10. Februar 2021

Die Mütze, die ich trage, verändert mich.
Ich sehe jünger aus - man sah sie in

© Willi Grigor, 2021
Übersetzung der "Tagesform-Gedichte" des schwedischen Dichters Göran Greider.

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Interne Verweise

Kommentare

13. Mai 2021

So hervorragend übersetzt, dass ich meine, die Texte seien in deutscher Sprache geschrieben; meinen großen Respekt vor dieser Leistung. Die hoch poetischen Tagesgedichte dieses so schwer erkrankten „politischen Debattierers, der sich Sozialist nennt“ – berühren und trösten nicht nur Kranke. Herzlichen Dank, dass Du mich daran teilnehmen lässt, lieber Willi.

Marie

13. Mai 2021

Ich danke Göran Greider, diesen besonderen Menschen, dass er mich seine Texte übersetzen lässt. Sein Deutsch ist übrigens gut.
Und dann danke ich Dir, Marie, dass Du Dich so positiv ausdrücken kannst. Das ist auch eine Kunst, die Du beherrschst.

Freundliche Grüße
Willi

13. Mai 2021

Die Kraft, die in den Worten steckt -
Sie zeigtest Du uns hier - perfekt!

LG Axel

13. Mai 2021

Wenn der Originaltext so gut ist, dass man ihn unbedingt übersetzen will, dann kommen einem auch die notwendigen Worte entgegen.
Und Göran Greider macht jeden Tag ein kurzes, aber gutes Gedicht, das er dann sofort über die Medien unter das Volk schickt. Er hat noch mindestens einen Monat vor sich, bevor er weiß, ob er weiterleben kann oder nicht. Der Mann ist ein Phänomen, nicht nur als Dichter.

LG
Willi

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