Man rettet sich in Erinnerungen - Page 6

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ein Buch fällt auf den Boden.
Schlafe ein neben meinem Hund.
Schlaf ist des Körpers eigene Sanatorium.
Schlaf ist zwei willkommen heißende, warme Arme.
Und du überlässt dich, ohne den Gedanken
an eine Rückkehr.

6. Mai 2021

Kein Fieber in den letzten Tagen.
Der Körper erholt sich ein wenig.
Der Hund zieht mich etwas stärker,
wie zum Spaß, wenn wir
rausgehen und unseren kurzen
Nachtspaziergang machen.

7. Mai 2021

Wie schön, dich auf den Beinen zu sehen,
ruft eine Frau, die ich treffe.
Ihr Lächeln schwebt im Frühling.
Dann gehe ich weiter, geradewegs
in einen blühenden Baum.

8. Mai 2021

Schlief traumfrei.
Wachte auf im Sonnenaufgang.
Eine weiße Sommerwolke
schwebte am Fenster vorbei.
Wie ein Traum,
der sich nie in mir festsetzte.

9. Mai 2021

In einigen Tagen erfolgt
meine sechste zytostatische Behandlung.
Die Zeit läuft. Eine große Müdigkeit
überfällt mich oft,
und auch meine Frau: niemand
trägt eine Krankheit einsam.
An einem grauen Frühlingstag mitte Mai
zähle ich Tage.
Und setze Augenblicke frei.
Heute traf mich der Blick eines Eichhörnchens.

10. Mai 2021

Eine Stunde in der Sonne.
Der Mystiker zeigte den Weg
zu den blühenden Magnolien.
Sie blühen auf den nackten Zweigen,
wie Gedanken auf einem noch
erschöpften Körper.

11. Mai 2021

Bekam heute einen neuen
Venenkatheter einoperiert.
Es ging gut.
Da, wo sie den Schnitt machten,
spannt es nun ein bisschen.
Aber als ich aus dem
Krankenhaus ging, begrüßte
mich die Sommerwärme,
diese liebevolle Hand,
die sich plötzlich auf mich legte.

12. Mai 2021

Was ist wichtig
auf lange Sicht?
Gras, Insekten, Meere.
Mein Leben ist so klein
in dem enormen Gewebe,
meine Art und die Welt,
die sie schuf
so mächtig, brutal.
Da ich nun selbst so schwach bin,
spüre ich stärker die
Übergewalt meiner Art
auf alles Lebende.

13. Mai 2021

Betrachte mein Frühstücksei.
Kochte es soeben.
Es ist so schön, so perfekt.
Es wärmt meine Hand, die eiskalt ist
von all den Medizinen.
Das Ei hat etwas mit Universum
zu tun - aber was?
Fast möchte ich es nicht schälen.

14. Mai 2021

Nächsten Sommer - nächsten! -
kommt ein "Summer of Love",
auf den Straßen werden Dinge
geschehen, wie John Lennon
in seinen Liedern sang.
Das sagte ich Freitagmorgen im Fernsehen.
Eine Stunde später lag ich im Krankenhaus
für meine sechste Chemotherapie.
Der Körper wird zermürbt, ja.
Aber "A spring of Trouble" geht zu Ende.

15. Mai 2021

Überdruss an Pillen.
Überdruss an Spritzen
Überdruss an der Müdigkeit.
Überdruss an der Schlaflosigkeit.
Überdruss an eingeschlafenen Füßen.
Überdruss an diesem Überdruss.
So klingt mein Klagelied.
Ich habe ein Recht darauf.
Aber auch die Pflicht, dem Dasein
in die Augen zu schauen
und einzusehen, wie privilegiert ich bin:
Krank in einer reichen Westwelt.

16. Mai 2021

Gift wie Gift,
dachte ich am Schluss
und füllte ein
kleines Glas mit Rum.
Gott, war das gut!
Und aus dem Glas schaute
ein kleiner Gott heraus.

17. Mai 2021

Wenn alles Licht von dir abgeronnen ist.
Wenn alles Dunkel von dir abgeronnen ist.
Wenn du leer bist und klar.
Wenn du im gleichen Zimmer
an das Leben und den Tod denkst.
Wenn die Nacht des Tages Schwester ist.
Wenn du für einen kurzen Augenblick
vollendet bist und frei.
Und alles ist im Gleichgewicht.

18. Mai 2021

Saß heute im Außencafé,
wenn auch etwas abseits.
Menschengewimmel von Nahem zu sehen,
war wie das Hochklettern auf eine
dichte, neu aufgeschlagene,
surrende Baumkrone.
Und ich hörte forever
Strawberry Fields.

19. Mai 2021

Am Abend traf ich
einen Regenbogen.
Er winkte.

20. Mai 2021

Der Wind im Haar.
Die Räume der Drossel.
Telefon von der Tagesbetreuung.
Morgen bekomme ich einen Beutel Blut.
Manchmal wollen Tränen aus
der Müdigkeit dringen,
ich habe keine Angst vor ihnen.
Ich kenne jetzt die Prozedur.
Und ein Aurorafalter landet im Gras.

21. Mai 2021

Der Schwachen Lied klingt laut.
Ist stark so wie die Haut
rund um des Baumes Stamm.
Das Schwache ist ein Damm,
der alles spröde dämmt
und nicht die Stärke hemmt.
Man gab dir neues Blut.
Aus Schwäche wurde Flut.

22. Mai 2021

Pfingsten einer Katze:
vergebens, aber begeistert
einen Schmetterling jagen.
Mein Pfingsten: ein bisschen
Kirchengeschichte googeln.
Und ich verfluche
alle Machthaber, die
Feiertage streichen.

23. Mai 2021

Die Toilette rot von Blut.
Ja, ich lerne wirklich meinen Darm kennen.
Nichts Schönes oder Ergreifendes dabei.
Nur Körper und niedrige Blutwerte
und ein bisschen Zittern in der Seele:
Unruhe über Fieber und Infektion.
Heute ist der 23. Mai.
Morgen hat auf jeden Fall Dylan Geburtstag!

24. Mai 2021

Heute aß ich Dänisches Gebäck
im Krankenhauscafé.
Es war fantastisch.
Ich sah die Aushänge der Abendzeitungen
und mochte sie.
Menschen stolperten hin zum Cafétisch,
und jemand war aufgebracht von der
Havarie der schwedischen Hockeymannschaft.
Der Weltuntergang nahm sich eine Kaffeepause.

25. Mai 2021

Qualifizierte Krankenpflege zu Hause,
verkürzt ASIH,
besucht mich dreimal die Woche.
Ich kann die Verkürzung nicht
behalten, also sage ich CIA.
Aber ich merke mir alle Pflegerinnen.
Sie kommen mit einer Art nüchternen Fürsorge.
Es klingelt regelmäßig an der Tür.

ASIH - Häuslicher Pflegedienst in Stockholm u. a.
CIA - Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten.

26. Mai 2021

Ein Spaziergang.
Kaffee im Sturmwind.
Handschuhe machten
mich richtig froh.
Wich aus einem Zweig,
fast wär ich gestürzt.
Etwas alt sind die Beine.
Meine Jugend - lang her!

27. Mai 2021

Das Sofa im Wohzimmer:
Mein Platz in der Welt.
Auf ihm sich ausstrecken zu dürfen nach
einem kurzen, ermüdenden Spaziergang.
Sich auf dieses graue Möbelstück zu sehnen,
das wir gebraucht im Internet kauften.
Sich die graue Decke über sich zu ziehen
und die Augen bei Tageslicht zu schließen!
Vom Sofa Bücher wie Segel hissen aus dem Ego!
Am Abend stur aus der Müdigkeit
auf den Fernsehschirm zu starren.
Sofa, Sofa - Freund und Gesundheitsbringer,
Retter meiner stillen Krankheitszeit.

28. Mai 2021

Was singt Lou Reed?
It was a perfect day.
Als die Sonne kam, fuhren wir nach Vaxholm.
Dort wuchs meine Frau auf.
Wir pflanzten eine Rose auf ein Grab.
Ich erhob mich ermattet, wusch sorgfältig
die Hände mit dem Wasser der Kirche.
Zum Schluss ein Bier in der Außenbewirtung,
das erste, das ich seit mehr als einem Jahr
in einem Lokal getrunken habe.
Das Meer, die Inseln, die letzte Sonne.
It was a perfect day and I'm
glad I spent it with you.

(Lou Reed war ein US-amerikanischer Songwriter, Gitarrist und Sänger.
Vaxholm ist der Hauptort der schwedischen Gemeinde gleichen Namens und liegt in der Provinz Stockholms län.)

29. Mai 2021

Die hellen Abende im Mai.
Macht sie euch zu Nutzen.
Lasst den Hund im Grase schnuppern.
Leben ist wichtiger als Kultur.
Und du, du solltest
grabesstill auf der Erde stehen,
durchbohrt vom Jetzt.

30. Mai 2021

Meine Augenbrauen, weg.
Die Brusthaare, weg.
Die Haut glatt, fischgleich,
als wäre ich vor Äonen
aus dem Meer gekommen,
oder soeben neugeboren
an diesem Tag der Mütter.

(In Schweden ist der Muttertag am letzten Sonntag im Mai.)

31. Mai 2021

Das Licht in der Welt
gibt es auch in der Nacht.
Die Nacht in der Welt auch im Licht.
Niemand kann sie wirklich
voneinander trennen.

Hat mein Taumeln an diesem
langen Winter und Frühling,
durch Schatten und Traum,
mich verändert?
Tja, ich weiß nicht. Aber man hat mir
auf jeden Fall die Frage gestellt.

01. Juni 2021

Ein Vormittag in Schweden ist kurz.
Er geht so schnell mit Sonne und Wind.
Die Katze schleicht ihn zeitlos fort,
doch streicht dir plötzlich auf das Kinn.
Ich sah eine Blume blühen auf,
so wie das Haar auf meinem Kopf.
Die Zeiten doch nahmen gar kein End'.
Auf eine Nadel nur man zog sie auf.

02. Juni 2021

Im Dorf Hagen

© Willi Grigor, 2021
Übersetzung der "Tagesform-Gedichte" des schwedischen Dichters Göran Greider.

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Interne Verweise

Kommentare

13. Mai 2021

So hervorragend übersetzt, dass ich meine, die Texte seien in deutscher Sprache geschrieben; meinen großen Respekt vor dieser Leistung. Die hoch poetischen Tagesgedichte dieses so schwer erkrankten „politischen Debattierers, der sich Sozialist nennt“ – berühren und trösten nicht nur Kranke. Herzlichen Dank, dass Du mich daran teilnehmen lässt, lieber Willi.

Marie

13. Mai 2021

Ich danke Göran Greider, diesen besonderen Menschen, dass er mich seine Texte übersetzen lässt. Sein Deutsch ist übrigens gut.
Und dann danke ich Dir, Marie, dass Du Dich so positiv ausdrücken kannst. Das ist auch eine Kunst, die Du beherrschst.

Freundliche Grüße
Willi

13. Mai 2021

Die Kraft, die in den Worten steckt -
Sie zeigtest Du uns hier - perfekt!

LG Axel

13. Mai 2021

Wenn der Originaltext so gut ist, dass man ihn unbedingt übersetzen will, dann kommen einem auch die notwendigen Worte entgegen.
Und Göran Greider macht jeden Tag ein kurzes, aber gutes Gedicht, das er dann sofort über die Medien unter das Volk schickt. Er hat noch mindestens einen Monat vor sich, bevor er weiß, ob er weiterleben kann oder nicht. Der Mann ist ein Phänomen, nicht nur als Dichter.

LG
Willi

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