Man rettet sich in Erinnerungen - Page 4

Bild von Willi Grigor
Bibliothek, Mitglied

Seiten

und ich sitzen drinnen.
Wir essen wolkengleiche Budapesttorte,
ihr fehlt ein fester Punkt,
aber es ist etwas, das Ungarn gelang.
Bald werde in einen wunderbaren
Nachmittagsschlaf fallen.

21. März 2021

An einem Sonntagmorgen, der Katze Pelz
duftet stark nach Sonnenschein.
Und es bläst der Wind um sie.
Und eine kleine, weiße Wolke.
Sie kommt mit dem Frühling,
und bald steht sie auf dem Küchentisch,
schnuppernd auf die Hauskrankenpflegerin,
die zu einer Frühlingskatze lächeln muss.

22. März 2021

Der Berg war sommerwarm.
Mit dem Hund setzte ich mich auf sie.
Aber ich wackelte etwas, und ein Spaziergänger
fragte freundlich, ob er mir helfen soll.
Nein, das geht schon, rief ich ihm zu,
freute mich aber über seine Fürsorge.
Sind Sie sicher, fragte er, ganz sicher.
Meine Ungewohntheit, schwach zu sein,
macht mich verwirrt, verlegen.
Ich bin der Welt nun so viel schuldig.

23. März 2021

Einige wenige, wackelnde
Schritte zum Leben durch die Frühlingssonne,
und ein schmelzendes Eiswasser
blinkte zu uns zwischen den Espen:
Das Letzte vom Winter ,
das Erste vom Frühling.
Ich weilte auf der Erde unter dem Himmel.

24. März 2021

Überwältigendes Licht.
Überwältigendes Dunkel.
Überwältigende Schatten.
Aber dann die Tage -
spielend in Gesichtern, unter
Baumkronen, in dem scheuen Weiß
zwischen den neuen Artikeln über alle Toten.
Die große, glitzernde Marginalie
in des Frühlings dunklen Gräben.

25. März 2021

Die Krähe pickte einen Sonnenaufgang auf.
Eine Wand im Licht, eine Fassade, den Himmel.
Die Katze will raus, welches enorme Verlangen,
als sie die Kleinvögel sieht - das steckt an.
Also warf ich meine Schlaflosigkeit von mir ab
wie eine alte, schmutzige Decke und machte
mir ein Knäcke-Butterbrot.
Es knirschte um viertel vor sechs in die Welt.

26. März 2021

Ich fror in meinen guten Jahren
an manchen Tagen, warmen, klaren.
Doch habe ich verwaltet gut,
das was in meiner Seele ruht:
Die Kühle rann durch mich recht tüchtig,
doch kam sie nie ins Hirn so richtig.

Zu reimen ein Nonsensgedicht,
hält mich gesund auf lange Sicht.

27. März 2021

Ich schlummerte wie ein unausgesprochenes Wort.
Der Lenz schlief in mir wie ein vergessener Dialekt.
Kindheitsstimmen hallten von den Mietshäusern,
wo Mama die Wäsche auf den Trockenständer hängte,
den ich mir nun als eine große Radioantenne vorstelle,
mit der sie meinen Vater kontaktierte, wenn er durch
die Nebel des Ärmelkanals segelte.
Wann kommen alle zurück?
Wann ziehen wir wieder zurück in die vergangene Zeit?
Wann werden die schlafenden Worte ausgesprochen
und machen alles wieder schlaftrunken wirklich?

28. März 2021

Das Graulicht heute ist ein Altsein, so wie
des alten Hundes ergraute Augenbrauen und
der Baum, der bald fallen wird.
Morgen beginnt eine neue Zellgiftbehandlung.
Ich konzentriere mich tief, damit sich meine
Gedanken nicht um mich selbst drehen.
Der Regen ist eine Ampel, die umschlägt auf grau.

29. März 2021

Gehe hinein zum Hämatologen.
Grüße vergnügt die Schwestern.
Raum Nr. 14 mit Aussicht über einen Frühling,
der mich hin und her schleudert wie er will.
Ziehe den Krankenhauspyjama an.
Habe ein Telefongespräch, maile, höre Frida
Hyvönen von einer Begräbnis singen.
Dann sitze ich am Fenster,
bis alles Licht von mir abgeronnen ist.

30. März 2021

Karwoche.
In den Kirchenglocken tauschte
man früher die Metallklöppel
in Holzklöppel aus, die einen
dumpferen Ton erzeugten.
Stadt und Land sollten
ein dunkles Beben durch
die Welt ziehen hören.
Ich lausche und hör das Beben
trotz des Glockenschwundes.

31. März 2021

Der Katheter ist nicht in Ordnung.
Geronnenes Blut im Schlauch.
Das gelbe Gift tickt.
Schlief schlecht aufgrund des Kortisons.
Bekomme eine Nadel in das Rückenmark.
Höre im Radio, dass das Pflegepersonal
zu Ostern keinen Urlaub bekommen soll.
Ich fotografiere den Nebel draußen.
Wachte dennoch froh auf.
Dies ist, was man Mysterium nennt.

1. April 2021

Dämmerung ist ein Gesang.
Denk, was alles einmal war
in diesem Licht, das stirbt
am Fenster außerhalb.
Ich saß still, gedankenvoll.
Das Dunkel wirft die Anker.
Die Stille hier im Zimmer
ist ein gewaltiges Gedächtnis.

2. April 2021

Im Gegensatz zum Erlöser
darf ich an diesem Freitag
einen Beutel Blut in mir hineintropfen.
Tiefrot leuchtet das Blut
auf dem Infusionsständer,
während Bach wirbelt.

3. April 2021

Fiebrig eingeschlafen
in der Karfreitagnacht.
Du wecktest mich in der Sonne.

Das Fieber ist gesunken.
Eine aufgeblühte Osterglocke
begrüßt mich am Küchentisch.
Liebe ist unkompliziert.

4. April 2021

Schau dich um.
Die Sonne leuchtet.
Es ist ein neuer Tag.
Ein Neubeginn ist möglich,
nicht mit allem, aber
mit etwas, und ich beginne damit,
die Strindbergbücher, die die Katze
aus dem Regal geworfen hatte
zurückzustellen.

5. April 2021

Es gelang mir soeben zu spülen.
Es wärmte meine frierende Hände.
Ansonsten hörte ich diese Ostern
meist absonderliche Träume flüstern.
Ich schlief in fremden Ländern.
Ich war klein wie ein Senfkorn.
Und wenn des Fiebers Brände erlöschten,
hörte ich den Schnee peitschen.

6. April 2021

Wie leer du vor dich hin starrst,
sagst du,
da ich halb liegend auf dem Sofa sitze.
Ja, was ist das, was ich vor mir sehe
nach einer Anzahl beschwerlicher Nächte.
Die Leere da drüben
ist auf jeden Fall Ruhe.
Sie gibt mir Kraft und ich recke
mich auf und schreibe
das Einfachste: diese zehn Zeilen.
Und eine elfte, die dir meine Hand reicht.

7. April 2021

05:17 Uhr.
Ich hörte eine einsame Drossel.
Sie versuchte, die Sonne zu wecken.
Dann sang sie mich in den Schlaf.

8. April 2021

Ich weiß, es war ein Traum.
Erkannte schwach das Zimmer, vergilbte Holzbalken,
wie Sprossenwände in einer alten Turnhalle.
Aber ich bin mir sicher, dass es der Dachboden im
großen Haus auf der Jägerstraße in Vingåker war,
das ich seit der Kindheit nicht mehr gesehen habe.
Ich lag im Bett und versuchte, nach jemanden
zu rufen, der in diesem Zimmer saß. Aber ich
bekam kein Wort heraus, nur grelle Laute.
Ich glaubte, das Ende kam, ich war auf dem Wege
bewusstlos zu werden, wie früher einmal,
ein Schlaf im Schlaf, ein Wirbel in einem Wirbel.
Ich glaube, es war die Stimme meiner Frau,
die schließlich zu mir kam und mich weckte.
Jeder Albtraum verwirrt mit einer enormen,
rätselhaften Kraft, die kein Tageslicht erklären kann.
War ich ein Kind oder Erwachsen?
Was machte ich dort auf dem Dachboden?
Warum hat ein Traum am Vormittag
eine solche Lust auf Zerstörung?

(Vingåker ist ein Ort in der schwedischen Provinz Södermanlands län.)

9. April 2021

Ich liege und nehme einen Beutel Blut
entgegen und identifiziere mich mit
der über- oder unterwässerten
Friedenslilie im Krankenhausfenster.
Spreche mit der Schwester über Blumen
an den Fenstern, und ich empfehle
Begonien, wie gewöhnlich.
Sie, verwundert: Tantenblumen?
Oh, Begonie, du und deine vielen fantastischen
Sorten brauchen Wiedergutmachung!
Als der Arzt kommt, sprechen wir über
Dan Andersson, der alle Frühlingsblumen
in Skattlösberg Rosen nannte.

(Dan Andersson war ein schwedischer Arbeiterdichter und Lyriker.
Skattlösberg ist ein kleiner Ort in Schweden, in dem Dan Anderson eine Zeit mit den Eltern wohnte.)

10. April 2021

Traumschlaf und leichtes Fieber
fast den ganzen Tag.
Saß aber eine Stunde in der Sonne
an einer warmen Hauswand,
interviewt von der Schwedischen Krebshilfe.
Blinzelnde Ewigkeit warmer Frühlingstage.
Die Katze sprang umher
im Gras und den Büschen.
Als ich um die Hausecke kam,
attakierten mich Schatten und eiskalter Wind.
Auf dem Sofa kam der Traumschlaf zurück.
Über einen Link spielte ich
plötzlich Elektrogitarre im Fernsehen.

11. April 2021

Befreie den Tag. Fange ihn nicht.
Schreibe dies in einem mutlosen Zustand.
Aber was bedeutet das?
Dass der Tag über meinen Kopf passiert,
wie ein zurückkehrender

© Willi Grigor, 2021
Übersetzung der "Tagesform-Gedichte" des schwedischen Dichters Göran Greider.

Seiten

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

13. Mai 2021

So hervorragend übersetzt, dass ich meine, die Texte seien in deutscher Sprache geschrieben; meinen großen Respekt vor dieser Leistung. Die hoch poetischen Tagesgedichte dieses so schwer erkrankten „politischen Debattierers, der sich Sozialist nennt“ – berühren und trösten nicht nur Kranke. Herzlichen Dank, dass Du mich daran teilnehmen lässt, lieber Willi.

Marie

13. Mai 2021

Ich danke Göran Greider, diesen besonderen Menschen, dass er mich seine Texte übersetzen lässt. Sein Deutsch ist übrigens gut.
Und dann danke ich Dir, Marie, dass Du Dich so positiv ausdrücken kannst. Das ist auch eine Kunst, die Du beherrschst.

Freundliche Grüße
Willi

13. Mai 2021

Die Kraft, die in den Worten steckt -
Sie zeigtest Du uns hier - perfekt!

LG Axel

13. Mai 2021

Wenn der Originaltext so gut ist, dass man ihn unbedingt übersetzen will, dann kommen einem auch die notwendigen Worte entgegen.
Und Göran Greider macht jeden Tag ein kurzes, aber gutes Gedicht, das er dann sofort über die Medien unter das Volk schickt. Er hat noch mindestens einen Monat vor sich, bevor er weiß, ob er weiterleben kann oder nicht. Der Mann ist ein Phänomen, nicht nur als Dichter.

LG
Willi

Seiten