Frühlingsahnung

von Willi Grigor
Mitglied

Ich weiß, wo die Spinnen spinnen
im Schilf die Netze am Wasser,
wo der schummrigste Morgen schimmert
in den blühenden Heidewäldern.
Ich zählte der Bächläufe Dämme
aus niedergefallenen Zweigen
von schwarzgelben Moorland-Birken -
und ich sah, wo die jungen Otter
auf Jagd gehn im trübbraunen Wasser
unter losen, treibenden Büscheln
und gelbem, schwankendem Land.
Ich spürte das dunkelste Dunkel,
das atmet, sich wohlfühlt und leidet
unter grasgeflochtenen Decken,
das krabbelt und kribbelt und gleitet,
kann fangen und töten und essen
und zeugen, dann stirbt, um zu leben
aufs Neue in kommenden Zeiten...
Ich kenne die Wege des Wassers,
weiß wo quirlige Jungbäche murmeln
unter Moosen faulenden Wäldern,
unter wallendem Laubwerk, das wimmelt
von Flinken, Schwarzbraunen, Wurmweißen,
die warten auf wachsende Schwingen,
den Lichttanz im Bergland im Lenz.

***
Es singt ein Vogel im Grase,
ich seh einen lauernden Fuchs,
es hoppelt im Feld ein Hase -
ein' Wurm ich zertret' mit dem Fuß.
Ich erwachte ins Leben, dem warmen,
ich lag in des Frühlings Armen.
Trotz Hunger ich spielte die Lyra
inmitten der Erlblüten Schein,
berausche mich an dem Frühling
bei all meiner Armseligkeit...

© Willi Grigor, April 2017
Übersetzung/Übertragung des Gedichts "Vårkänning" des schwedischen Dichters Dan Andersson (1888-1920)

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

27. Feb 2019

Danke, lieber Willi, für die fabelhafte Übersetzung. Jedenfalls liest sich der Text ganz ausgezeichnet und bringt das Winterherz ziemlich in Aufruhr. Das muss ein guter Dichter gewesen sein, dieser Dan Andersson. Gern würde ich mehr von ihm lesen.

Liebe Grüße zu Gulan und Dir, genießt die milden Frühjahrsvorboten,
Annelie

28. Feb 2019

Danke für den Kommentar, Annelie, und Dein Interesse.

https://de.wikipedia.org/wiki/Dan_Andersson
Dan Anderson wuchs in Armut auf. Er war lernbegabt. Mit 5 Jahren konnte er lesen. Der Vater war Volksschullehrer. Mit 14 Jahren (da konnte er schon englisch) schickte sein Vater ihn (allein) nach Amerika zu Verwandten (Zug nach Göteborg, Schiff nach Grimsby, Zug nach Liverpool, Schiff nach New York und Zug nach Minnesota). Er sollte untersuchen ob die ganze Familie dorthin auswandern sollte. Er kam zu dem Schluss: Nein.
Die Familie zog mehrfach um. 1911–1915 wohnte sie in Skattlösberg, in der einsam gelegenen Luossastugan. Dort, auf dem Dachboden wo er schlief, schrieb er eine Reihe Erzählungen und Gedichte. Gullan und ich waren dort (siehe die obige deutsche Wikipedia-Seite). Vom Parkplatz an dem schmalen Waldweg "musste" man einen wunderbaren Spaziergang von ca. 2 km durch die karge Waldlandschaft machen
1920 (32 Jahre alt) starb Dan Andersson in einem Hotelzimmer in Stockholm durch Vergiftung. Das Zimmer war mit einem Insektengift ausgesprüht, aber nicht ausreichend gelüftet worden.

Hier zwei Übersetzungen von Gedichten, die im Dachboden der kleinen Luossa-Hütte geboren wurden:
literatpro.de/gedicht/140217/ich-warte
literatpro.de/gedicht/030317/um-den-bettler-von-luossa

Herzliche Grüße
Willi

28. Feb 2019

Ein schreckliches Schicksal, der arme Dan Andersson. Vielen Dank, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, mich über sein Schicksal aufzuklären und danke für die Gedichthinweise, denen ich morgen nachgehen werde. Ich habe mir alles notiert.

Liebe Grüße nach Schweden zu Dir und Gulan,
Annelie