Liebe in der Literatur: das Zusammenspiel von Liebe und Leid

22. Mai 2017
Bild von Tristan und Isolde Liebe in der Literatur
Tristan und Isolde (Gemälde von Edmund Blair Leighton, 1902)
Gemeinfrei

„Nirgendwo erfährt man so viel über die Liebe wie in der Literatur. Das liegt daran, dass sie ihr ähnlich ist. Sie verführt zum Miterleben, appelliert an die Phantasie und entbanalisiert das Leben.“ – Dietrich Schwanitz: BILDUNG – Alles, was man wissen muss.

Die Liebe ist und war seit jeher ein zentrales Thema in der Literatur und wie Schwanitz treffend formuliert, erfahren wir nirgends mehr darüber, als in der Literatur selbst. Kein anderes Motiv, kein anderes Thema zieht sich so konstant durch die Literaturgeschichte wie die Liebe. Sie motiviert, lässt hoffen und kann in die Verzweiflung und sogar in den Tod führen. Dabei zieht sich das Zusammenspiel zwischen der Suche nach der Liebe und dem Leid, das sie mit sich bringt, ebenfalls wie ein roter Faden durch die Geschichte der Liebesliteratur.

Bereits die großen Tragödien und Liebesgeschichten in der Antike erzählen von dieser allumfassenden Liebe, die am Ende als Sieger hervorgeht und es den Liebenden ermöglicht, bis an ihr Lebensende glücklich zu sein. So beginnt beispielsweise die Geschichte um Chaireas und Kallirhoe mit ihrer Hochzeit und erzählt von all den Widerständen, die sie überwinden müssen, um am Ende erneut zusammenzufinden. Auch Daphnis und Chloe erzählt von den beiden Liebenden, die getrennt werden und sich verlieren, nur um sich erneut zu treffen und glücklich zu werden. Dabei sind dies nur zwei Liebesgeschichten von vielen, die diesen Wechsel zwischen Liebe und Leid aufgreifen.

In der Literatur des Mittelalters zeigt sich, dass die Liebenden am Ende zusammen ihr Glück finden. Im Gegensatz zu den Tragödien der Antike spielen hier die Höhen und Tiefen auf dem Weg zum Glück und der Liebe meist keine große Rolle. Zumindest dann, wenn man die Werke innerhalb der Lyrik und Epik betrachtet, die sich mit dem Konzept der höfischen Liebe, der Minne, befassen, nachdem diese zu einem Ideal der platonischen Liebe stilisiert wurde. In diesen Liebesgeschichten geht es weder um große Leidenschaften noch um heißes Begehren. Stattdessen steht das kunstvolle Werben einer für gewöhnlich adeligen Dame im Vordergrund.

In einem starken Gegensatz zu dieser rein höfischen Liebe stehen jedoch Werke wie die berühmte Liebesgeschichte um Tristan und Isolde oder Romeo und Julia, die Tragikomödie La Celestina und einige Jahrhunderte später auch Die Leiden des jungen Werthers.
Sowohl Tristan und Isolde als auch Romeo und Julia vereinen eine außerordentliche Liebe mit einem unausweichlichen Drama, das im Tod endet. Auch in La Celestina finden die Liebespaare ihr Ende im Tod. Noch viele Jahrhunderte später zieht sich dieses Thema der Liebe und des gemeinsamen Todes durch die Literatur. Vor allem in der Epoche der Romantik wird versucht, eine Liebe darzustellen, für die es sich zu sterben lohnt und so ist es nicht verwunderlich, dass Goethes Die Leiden des jungen Werthers als Paradebeispiel hierfür dient und der Liebe lediglich im Tod zum Sieg verhilft.

Hat die Literatur der Antike der Liebe am Ende den Sieg gewährt, so weisen diese späteren Liebesgeschichten ein Ende voller Tragik auf. Dennoch verbindet diese beiden Arten der Liebesgeschichten ein scheinbares Zusammenspiel zwischen Liebe und Leid, obgleich beide Seiten am Ende unterschiedlich damit umgehen. In diesen Geschichten kennt die Liebe keine Grenzen, aber beide Varianten scheinen sich einig darin zu sein, dass der Weg zu der einen allumfassenden Liebe, nach der jeder strebt und für welche die Liebenden kämpfen, nur über ein gewisses Maß an Leid und Schmerz zu erreichen ist. Sowohl in den Liebesgeschichten der Antike als auch den großen Liebesgeschichten späterer Epochen durchlaufen die Protagonisten zumeist schwere Schicksalsschläge, tragische Verluste oder müssen schwierige Entscheidungen treffen, um am Ende zusammenzufinden – sei dies im Tod oder im Leben.

Ein kurzer Blick auf den Großteil unserer heutigen Liebesromane zeigt, dass diese ihren Ursprung in genau dieser Art der Literatur und dem Zusammenspiel von Liebe und Leid finden, da auch sie am Ende zumeist ein klassisches Happy End aufweisen, ihre Liebenden zuvor jedoch durch Höhen und Tiefen schicken.

Im Großen und Ganzen kann die Liebe in der Literatur dadurch in zwei Gruppen unterteilt werden: die tragisch endenden Liebesgeschichten und die mit Tragik gefüllten, bei denen die Liebenden letztlich im Leben, statt im Tod, zusammenfinden.
Damit stellt sich jedoch die Frage, ob Liebende erst genug leiden müssen, bevor sie das Ideal der Liebe erreichen können und ihr glückliches Ende erst verdienen müssen, wenn sich dieser Wechsel zwischen Liebe und Leid so stetig durch die Literaturgeschichte zieht.

Ist die Liebe darauf ausgelegt, Leid und Schmerz zu verursachen, um ihre ganze Kraft zu entfalten? Es finden sich in der Literatur etliche Zitate, Liebesgedichte und Liebessprüche, welche die Liebe als Kraft des Schönen und als etwas Erstrebenswertes darstellen. Gleichzeitig beschreiben sie die einzigartige Liebe, die in allen großen Liebesgeschichten steckt.

So hieß es seitens des deutschen Dramatikers Theodor Körner: „Erst seit ich liebe, ist das Leben schön; erst seit ich liebe, weiß ich, dass ich lebe.“
Und auch Victor Hugo sagte: „Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.“

Damit beschreiben sie nicht nur die Liebe zwischen Romeo und Julia oder Daphnis und Chloe, sondern begründen gleichzeitig, warum Liebespaare der Literatur danach streben und dafür auch Schmerz und Leid ertragen, denn letztlich bedeutet dies nichts anderes, als dass die Liebe all das wert ist.

Doch es gibt mindestens genauso viele Sprüche, welche die Liebe in der Literatur so treffend beschreiben und zu definieren scheinen, wie sie seit Jahrhunderten in der Literatur vorkommt und dabei das Zusammenspiel zwischen dieser Liebe und ihrem Leid aufgreift.

So liefert Gottfried von Straßburg in seinem Werk Tristan und Isolde selbst die Erklärung: „Freude und Leid waren schon immer mit dem Begriff der Liebe untrennbar verbunden.“ Oder auch: „Wer nie um der Liebe willen gelitten hat, der hat auch nie Glück durch sie erfahren.“

Auch der Schriftsteller Paul Coelho beschreibt in Die Schriften von Accra die Liebe nicht nur als sanfte Kraft, denn: „Die Liebe ist es manchmal leid, immer nur eine sanfte Sprache zu sprechen. Sie soll ruhig auch einmal stürmisch sein dürfen und lichterloh brennen.“

Die Literatur selbst beschreibt die Liebe, die sie behandelt und von der sie erzählt, somit äußerst treffend und stellt klar, dass die großen Liebesgeschichten am besten zeigen, dass Liebe ohne Leid keine wahre Liebe sein kann. Deswegen ist die Liebe in der Literatur untrennbar mit Schmerz verbunden, der dennoch niemanden davon abschrecken lässt, nach der Liebe zu suchen. Denn was wäre auch die Literatur, das Leben, ohne das Motiv der Liebe?

Kommentare

22. Mai 2017

Es lohnt sich, das Buch von Dietrich Schwanitz, der leider viel zu früh verstarb, zu lesen. Es vermittelt nicht nur Wissen und neue Erkenntnisse; es macht auch unendlich reicher - das Herz und den Geist.

LG Annelie

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